Reiseziele "Eine Algenpest hat einen größeren Effekt als die politische Lage"

"Man darf nicht immer alle Urlauber über einen Kamm scheren", betont der Wissenschaftler Lohmann. Risiko werde extrem unterschiedlich eingeschätzt. Wer ohnehin keine nennenswerte Gefahr für sich sehe, könne auch an angeblich kritischen Orten für sich sehr attraktive Urlaubsangebote finden. Das bestätigen auch Buchungstrends für den Sommer 2017. Die Veranstalter Studiosus und FTI etwa melden seit geraumer Zeit verschiedene Entwicklungen beim Türkei-Geschäft: Während sich Bildungsreisende zurückhalten, haben billige Badeangebote besonders im Last-Minute-Geschäft Aufwind.

Touristenflaute in Relation

Türkei

Deutsche Urlauber: 5,6 Millionen im Jahr 2015, vier Millionen im Jahr 2016

Einnahmenverluste im Jahr 2016 um etwa ein Drittel (8,5 Milliarden Euro) / (Türkisches Amt für Statistik)

Ägypten

Im Juli 2016 42 Prozent weniger ausländische Gäste als im Juli 2015 (ägyptische Statistikbehörde)

Frankreich bleibt Tourismus-Weltmeister

vom Rekordjahr 2015 mit 85 Millionen ausländischen Besuchern zu immerhin noch 83 Millionen im Jahr 2016

Das Verhalten von Reisenden ändere sich letztlich erst, wenn Probleme für sie direkt spürbar werden, so Lohmanns Langzeitbeobachtung: "Eine Algenpest hat einen größeren Effekt als die politische Lage." Der Psychologe untersucht seit vielen Jahren systematisch das Urlaubsverhalten der Deutschen und ist zu dem Schluss gekommen, dass hinter sinkenden Gästezahlen oft andere Gründe stecken als vielleicht zunächst naheliegend scheint.

"Für Griechenland etwa hieß es 2010, 2011, dass nun weniger Deutsche hinfahren würden, weil die Griechen Frau Merkel als Nazi bezeichneten", erinnert Lohmann. Tatsächlich aber habe man für Griechenland schon seit 2004 Verluste festgestellt: "Griechenland hatte schlicht den Anschluss verpasst, bot zu wenig für zu viel Geld - das wäre auch ohne Krise und Nazi-Vergleiche weiter nach unten gegangen." Während des Tiefs habe man dann begonnen, das Angebot zu verbessern. Nun - verstärkt durch Probleme in Nachbarländern - ist vom nächsten griechischen Rekordsommer die Rede.

An den Grenzen der Gastfreundschaft

An besonders begehrten Urlaubsorten wird Einheimischen alles zu viel. Echt schlimm, dieser Massentourismus, denken sich originelle Individualreisende - dabei gelten sie längst selbst als Problem. Von Irene Helmes mehr ...

Fehlinterpretationen sieht Lohmann auch für Frankreich. Dieses ist trotz der erschreckenden Anschläge der vergangenen beiden Jahre weiterhin das meistbereiste Land der Welt und erwartet für 2017 mit bis zu 89 Millionen Besuchern einen neuen Allzeitrekord. Dass die Hotels besonders in der Hauptstadt in den vergangenen Jahren dennoch schlechtere Belegung meldeten, müsse nicht zwangsläufig oder ausschließlich am Terror liegen: "Die schlechte Qualität Pariser Hotels ist geradezu legendär, das wird irgendwann bestraft."

Was bleibt Hotels, die um ihre Gäste kämpfen müssen? Auf schwankende Besucherzahlen reagieren viele kurzfristig mit Schleuderpreisen, wie sie derzeit aus der Türkei kommen. Dort kann eine Woche im Fünf-Sterne-Hotel am Strand mit Flug und All-Inclusive pro Person weniger als 500 Euro oder sogar um die 300 Euro kosten.

Solche Notmaßnahmen seien zwar wirtschaftlich womöglich vernünftig - "aber für ein Hotel sind niedrige Auslastung und niedrige Preise natürlich eine Katastrophe - und damit auch für diejenigen, die dort arbeiten oder ihren Job verlieren", so Lohmann. Was das wiederum mittelfristig für die Entwicklung in einem Land bedeutet, hält er aber für offen: "Politische Auswirkungen kann man sich in beide Richtungen vorstellen - entweder, dass die Politik etwa in der Türkei wieder befriedet wird nach dem Motto 'dann sind wir lieber netter', oder dass es zu einer Radikalisierung beiträgt - beides ist denkbar."

In jedem Fall warnt er davor, Zahlen zu ignorieren, wenn sie gerade nicht ins Bild passen: "Die Türkei war 2016 immer noch das zweitwichtigste Mittelmeerreiseziel der Deutschen." Alles spreche dafür, dass auch in diesem Jahr wieder Millionen hinfahren. Zwar geht er davon aus, dass das Land auch in den kommenden Jahren viele Gäste verlieren werde im Vergleich zu 2015 und vorher - "aber das niedrigere Niveau ist immer noch sehr gut."

Können bitte mal die Richtigen kommen

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Austauschbar oder unersetzlich?

Neben Sicherheitsmaßnahmen und unschlagbaren Angeboten scheint mittlerweile ein weiterer Punkt immer entscheidender für die Krisenresistenz von Urlaubsdestinationen: Sympathie oder Verbundenheit. Die Frage also, ob man das, was in einem Land passiert, überhaupt an sich heranlassen will, im Fall umstrittener Innenpolitik gar unterstützen möchte durch die eigene Anwesenheit und das Geld, das man mitbringt.

An der Frage von Boykotts scheiden sich seit jeher die Geister und die Debatte über Sinn und Unsinn dreht sich im Kreis. Mit Blick auf die Türkei ist wegen der Politik Erdoğans die Forderung nach demonstrativem Fernbleiben durchaus schon lautgeworden - etwa vor dem Verfassungsreferendum im Frühjahr durch die Linken-Politikerin Katja Kipping. Umgekehrt gibt es die leidenschaftliche Forderung, gerade in solchen Zeiten Andersdenkende im Land nicht von der Welt abzuschneiden, wie etwa der Historiker Timothy Garton Ash in einem Gastbeitrag in der SZ argumentiert hat. Der Präsident des Deutschen Reiseverbands, Norbert Fiebig, betonte im Frühjahr: "Ein Boykott eines Landes schadet meist nicht der Regierung, sondern vor allem den Menschen, die ihren Lebensunterhalt aus dem Tourismus beziehen".

Appelle, sich von nichts abschrecken zu lassen, dürften vor allem bei Menschen verfangen, die Orte bereits aus unbeschwerteren Zeiten kennen. Denn Beziehungen halten vieles aus, das gilt auch für Urlaubsorte. "Stammgäste haben tiefere Einsichten - wenn man eine engere Bindung zum Land hat, spielen Krisen eine geringere Rolle", sagt auch Lohmann. Für ein Reiseziel ist also mit entscheidend, ob es als besonders wahrgenommen und geschätzt wird. Oder ob es einfach nur ein Ort unter Tausenden ist, an denen sich ein Liegestuhl aufstellen, ein kaltes Getränk genießen oder eine Landschaft bewundern lässt. Denn, so zeigen Lohmanns Studien: "Touristen wollen sich willkommen geheißen fühlen, sich als Gast wohlfühlen - das bestimmt die Besucherzahlen mehr als ein paar Terrorattacken."

Wo sind denn nur alle?

Von den Problemen überlaufener Reiseziele wird hier nur geträumt: An manchen Orten bleiben viele Gäste aus. Reportagen und Geschichten über das, was dann passiert:

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