Reisepionierin Raymonde de Laroche "Fliegen ist das Beste, was Frauen tun können"

Der erste Pilotenschein der Welt für eine Frau: das Dokument aus dem Jahr 1910.

(Foto: Wikimedia Commons / Fédération Aéronautique Internationale)

Die Französin Raymonde de Laroche machte als erste Frau der Welt den Pilotenschein - und lebte auch sonst ungewöhnlich.

Von Irene Helmes

"Ich reiste weiter nach St. Petersburg. Das Fluggelände dort war klein. Keiner von uns wollte fliegen, aber wir taten es trotzdem alle. (...) Zu meiner großen Überraschung ging nichts kaputt. Der Zar, der bei der Veranstaltung anwesend war, wollte mir danach gratulieren. Er fragte mich, wie ich mich gefühlt hätte, und es gelang mir, ihm zu versichern, dass in erster Linie seine Gegenwart mir den Atem hatte stocken lassen, erst in zweiter Linie die Häuser und die nur 30 Meter breite Landebahn." So erzählt die sogenannte Baronin de Laroche 1911 im amerikanischen Colliers Magazine von einem ihrer Abenteuer.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Und davon gibt es einige: Die Unterhaltungskünstlerin hat sich früh von der Bühne in Richtung Fliegerei orientiert und mischt die aufregende Männerdomäne bei Events in Frankreich, Ägypten, dem Habsburgerreich oder eben zu Gast beim russischen Zaren auf.

Es ist jedes Mal ein Spiel mit ihrem Leben. Nicht ahnend, dass sie wenige Jahre später tatsächlich beim Fliegen sterben wird, gibt sie im Colliers Magazine auch noch diese Anekdote aus Rouen zum besten: "Dort geriet ich in der Luft in eine Art Sturm (...) und kam unten schließlich bei den Abgrenzungen des Aerodroms zum Stehen. Hätte ich meinen Motor vorher ausgeschaltet, wäre ich zweifellos in die Menge abgestürzt. Zum Glück hatte ich in diesem Moment wenig Geistesgegenwart übrig."

Die Pionierin kommt am 22. August 1882 in Paris als Élisa Deroche zur Welt - in der Rue Verrière im 4. Arrondissement hängt heute eine Gedenktafel an ihrem Geburtshaus. Als Tochter eines Handwerkers ist sie eigentlich weit von High Society und Adel entfernt, aber egal: Die junge Dame der Belle Époque nimmt ihr Schicksal einfach selbst in die Hand. Sie verwandelt sich in Baronin Raymonde de Laroche, knüpft Bekanntschaften, trägt die extravagante Mode ihrer Zeit. Auf Porträts strahlt sie vor Selbstbewusstsein.

Als junge Schauspielerin unter dem Pseudonym Baronin Raymonde de Laroche.

(Foto: Wikimedia Commons)

Das bringt ihr wertvolle Kontakte. Fliegen ist zur Jahrhundertwende ein spannendes neues Thema. Erste eigene Erfahrungen in der Luft sammelt de Laroche beim Ballonfahren. 1909 gelingt es der "Baronin", inzwischen Mitte Zwanzig, mit dem Pionier Charles Voisin private Flugstunden zu vereinbaren. Wer bei dem gemeinsamen Abendessen wen dazu überredet, darüber ist im Rückblick Unterschiedliches zu lesen. Und auch darüber, was danach geschieht. Voisins Bruder Gabriel behauptet Jahre später, Charles sei "völlig unter der Fuchtel" seiner Bekannten gewesen. Ob de Laroche ihren ersten Alleinflug wirklich ertrickst und spontan gegen den Willen ihres Lehrers abhebt, ist umstritten. Dass sie bald das Steuer übernimmt, steht aber fest.

Und so schreibt Madame Geschichte. Im Magazin Flight, das sonst eher über Herren mit beeindruckenden Bärten und Hüten berichtet, erscheinen im Oktober 1909 in der Rubrik "Fliegerei- und Flugzeug-Neuigkeiten" zwei Spalten über "The First Lady Flyer". Denn, so der Autor: "Das schöne Geschlecht ist in eine weitere Sphäre eingedrungen, von der manche erwartet hatten, dass der Mann sie - zumindest für eine Weile - für sich behalten würde." Baronin de Laroche habe nach Flugstunden durch einen Mitarbeiter der Voisin-Brüder in Chalons nämlich erstmals selbst das Steuer übernommen. Der erste Anlauf sei zwar "sehr kurz" ausgefallen, doch schon am Tag darauf seien der Dame zwei Runden "mit vollendeter Leichtigkeit" gelungen. Auch starke Windböen hätten sie nicht aus dem Konzept gebracht, und sie habe danach erklärt, "dass es sie nicht gestört habe, denn sie hatte die Maschine völlig unter Kontrolle".

Raymonde de Laroche bei der Flugwoche in St. Petersburg, 1910.

(Foto: Wikimedia Commons / C. Wesenberg)

Es dauert nur noch wenige Monate, dann hält Raymonde de Laroche ihren Pilotenschein in Händen - als erste Frau der Welt. Nach Auftritten ziert Laroches Konterfei Postkarten, Presse und Zuschauer sind von der "graziösen, brillanten Fliegerin" fasziniert. Beim ägyptischen Grand Prix von Heliopolis startet sie als einzige Frau, in St. Petersburg wird sie Vierte vor den Augen von Zar Nikolaus II. So kommt sie weit herum und sieht als eine der ersten Menschen in der Geschichte Städte und Landschaften aus der Vogelperspektive.

Doch ihre Leidenschaft bleibt eine gefährliche. Im Juli 1910 erscheinen in den Zeitungen Bilder der schwerverletzten jungen Frau, die - als einzige Teilnehmerin - nur knapp einen Absturz bei der Flugwoche von Reims überlebt. Doch sie rappelt sich wieder auf - um zwei Jahre später fast bei einem Crash im Automobil zu sterben, der ihren engen Freund Charles Voisin das Leben kostet.

Sich abschrecken lassen? Niemals!

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs ist de Laroche international bekannt und kann sich auch gegen eine wachsende Zahl von Konkurrentinnen behaupten, zum Beispiel beim französischen "Prix Femina". Dennoch darf sie nicht für das Militär fliegen. Das gilt dann doch als zu heikel für Damen, stattdessen stellt sie sich am Boden als Chauffeurin für Offiziere hinter den Frontlinien zur Verfügung.

In den folgenden Jahren gibt es wenige Berichte über de Laroche. Von einem unehelichen Sohn ist mal die Rede, dessen Vater womöglich der 1910 tödlich abgestürzte Künstler und Flieger Léon Delagrange sei. Doch ganz offensichtlich lässt sie sich von keinem noch so fatalen Crash in ihrem Umfeld abschrecken. Nach dem Krieg bricht sie Rekorde, die in der Zwischenzeit von anderen bekannten Fliegerinnen aufgestellt wurden (sie erreicht fast 5000 Meter Höhe), und versucht, sich als Pilotin für Testflüge neuer Flugzeugmodelle zu etablieren.

Ihr letzter Flug findet am 18. Juli 1919 bei Crotoy im Département Somme statt - auf dem Ko-Piloten-Platz. Ihr Kollege Barrault verliert die Kontrolle über den Prototyp der Reihe Caudron. Beide sterben. Die Pionierin wird auf dem berühmten Pariser Friedhof Père-Lachaise beigesetzt. Mittlerweile sind Dutzende Straßen und eine Schule in Frankreich nach ihr benannt, ihre Statue schmückt den Pariser Flughafen Le Bourget. "Fliegen ist das Beste, was Frauen tun können", soll sie einmal gesagt haben.

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