Reisekolumne "Mitten in ..."Samba auf Japanisch

Der Beobachter ist irritiert: Haben sich die Tänzerinnen in Tokio in der Musik vertan? In Zürich hingegen klemmt eine sehr bedrohliche Warnung auf dem Fahrrad-Gepäckträger.

Mitten in ... Tokio

Samba? An einem Tag, wo doch eigentlich Trommeln, Flöten, Glocken und Zithern durch die Straßen schallen? "Awa Odori" heißen die traditionellen Sommerfeste in Tokios Wohngegenden, mit denen die Japaner nichts anderes als ihr Japanertum feiern und ihre Ahnen ehren. Aber da tauchen auch Japanerinnen in Bikinis auf und tanzen zu Klängen aus Brasilien. Karneval statt Tradition? Kopfschmuck statt Sommer-Kimono? Was, bitte hat das mit einem Fest zu tun, an dem alles "echt japanisch" sein soll? Die Antwort ist einfach: In Sao Paulo lebt die größte japanische Diaspora. Auf der Suche nach einem besseren Leben sind viele Japaner vor hundert Jahren nach Brasilien ausgewandert. Daran erinnern die Tänzerinnen. Migranten hat es eben schon immer gegeben. Und die Welt verbindet doch mehr als der ein oder andere so meint.

Christoph Neidhart

SZ vom 13. Juli 2018

8. Juli 2018, 08:302018-07-08 08:30:00 © SZ/ihe