Reisebücher Syrien und Iran - wie es war, wie es ist

Iran ist nun an dem Punkt, an dem Syrien vor dem Krieg schon stand: Zwei Bildbände sollen das Leben hinter den Nachrichtenbildern zeigen, ohne zu verklären.

Von Stefan Fischer

Sein bislang letztes Foto in Syrien hat Lutz Jäkel Mitte März 2011 aufgenommen. Es zeigt die Hauptstadt Damaskus und am Horizont den Dschabal Qasyun, an dessen Bergflanken die äußersten Häuser der Metropole wurzeln. Ein warmes Licht liegt über der Stadt und dem Berg, eine friedliche Stille. Am Tag darauf fand in der südsyrischen Stadt Dar'a die erste große Demonstration gegen die Regierung Baschar al-Assads statt.

Aus den Reaktionen des Regimes erwuchs binnen weniger Wochen der Bürgerkrieg, der bis heute andauert. Lutz Jäkel war seither nicht mehr in Syrien, ebenso wie Lamya Kaddor. Die Deutsch-Syrerin ist in Westfalen geboren, hat die Heimat ihrer Eltern bis 2011 jedoch jährlich besucht. Sie ist Publizistin und Islamwissenschaftlerin und hat gemeinsam mit Jäkel den Band "Syrien. Ein Land ohne Krieg" herausgegeben. Zur Unzeit?

Nein, behaupten beide überzeugt. Klar bestehe die Gefahr einer Verklärung, und unbedingt wollten sie auch vermeiden, so Kaddor in ihrem Vorwort, dass das Buch zu einem Nachruf wird auf ein Land, das in der hier gezeigten Form aufgehört hat zu existieren. Erst einmal setzt der Band den Nachrichtenbildern ganz banal eigene Motive entgegen. Um zu zeigen, dass sich Syrien trotz der fatalen aktuellen Situation nicht reduzieren lässt auf den Bürgerkrieg. Sondern dass dieses Land auf einer Jahrtausende alten Kultur fußt und dessen Gesellschaft zu den gebildetsten in der arabischen Welt zählt - ähnlich der von Iran.

Hierzu haben wiederum Stephan Orth, Samuel Zuder, Mina Esfandiari einen Bildband herausgegeben: "Iran. Tausend und ein Widerspruch". Zwei Länder mit einigen Gemeinsamkeiten, jedoch an unterschiedlichen Wegmarken.

Jäkel und Kaddor wollen mit ihrem Syrien-Buch durchaus auch auf eine Zukunft verweisen, die noch nicht greifbar ist. Aber eines Tages wird der Bürgerkrieg zu Ende sein, und auf was sollte die Zukunft und der Wiederaufbau fußen, wenn nicht auf der eigenen Vergangenheit? Noch ist nicht klar, wie Syrien aus diesem Krieg hervorgehen wird, der inzwischen auch als Religionskrieg geführt wird und Differenzen offenlegt, wo zuvor ein Miteinander möglich war.

Inzwischen sei die Zivilisiertheit, auf die die Syrer schon immer stolz gewesen seien, so Kristin Helberg, "ein Strohhalm geworden, an den sich die Syrer klammern, während sie in einem Meer nicht enden wollender Zivilisationsbrüche unterzugehen drohen." Die Journalistin, die lange in Syrien gelebt hat, ist eine aus einer Reihe von Autoren, die mit ihren Eindrücken und Kenntnissen diesen Band bereichern und der Hoffnung Ausdruck geben, dass Syrien wieder zurückfindet in eine moderne Gegenwart.

Wohltuend an dem Buch ist, dass die Zeit vor 2011 nicht verklärt wird. Diktatur, Korruption und religiöser Eifer haben das zivile Leben massiv beeinflusst. Dennoch war Syrien vor dem Krieg in einer ähnlichen Situation, in der sich Iran heute befindet: Bei allen Restriktionen hat sich Iran zuletzt geöffnet, wird bei Touristen immer beliebter. Und ein mutiger werdender, mit der Welt vernetzter Teil der Bevölkerung zwingt das Regime in Teheran zu einem Hase-und-Igel-Wettlauf. Kein Spiel, dafür sind die Konsequenzen zu ernst, wie in Folge der Demonstrationen 2009 und aktuell wieder bei den Ereignissen dieser Tage.

Dennoch nehmen viele Menschen sich Freiheiten. Iran ist zwar ein religiöser Staat. Doch schreibt Stephan Orth, Autor auch des Bestsellers "Couchsurfing im Iran": "Der Islam mit seinen regelmäßigen Ritualen ist stärker in den Alltag der Menschen integriert und findet beiläufiger statt, als das die üblichen Fernsehbilder von Knieenden in der Moschee andeuten." Und durchaus bedeutend ist wohl der Anteil jener, die offenkundig nicht streng religiös sind.

Die Religion sowie diktatorische Regime mit der westlichen Moderne wenn auch nicht in Einklang, so doch in Verbindung und Wechselwirkung miteinander zu bringen, hat in beiden Ländern - Iran wie Syrien - bereits nachhaltige Veränderungen bewirkt. In Syrien sind sie verschüttet durch den Bürgerkrieg, und ob an dessen Ende etwas von ihnen wieder auftaucht, ist unklar. Auch in Iran kann sich, wie man dieser Tage sieht, niemand sicher sein, dass die zarte Öffnung unumkehrbar ist.

Insofern leisten die zwei Bücher einen anschaulichen Beitrag zu einem spannenden Austausch zwischen dem Orient und Europa, der auf absehbare Zeit schwierig bleiben wird. Und gerade deshalb nicht im Ethnokitschigen stecken bleiben darf.

Lutz Jäkel, Lamya Kaddor: Syrien. Ein Land ohne Krieg. Malik Verlag, München 2017. 200 Seiten, 45 Euro. Stephan Orth, Samuel Zuder, Mina Esfandiari: Iran. Tausend und ein Widerspruch. National Geographic Verlag, München 2018. 192 Seiten, 40 Euro.

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