Reisebuch Weißte noch?

Der stete Wandel ist eine Konstante in Berlin. Umso wichtiger ist es für Zeichner, den Moment einzufangen.

Von Stefan Fischer

Atemberaubend nennt Boris von Brauchitsch den Image-Wandel, den Berlin in den zwanzig Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hingelegt hat, jedenfalls aus der Sicht des Westens: "von der Hauptstadt des Nationalsozialismus zur Frontstadt der freien Welt" nämlich. Noch augenfälliger als in den "Skizzen aus der Hauptstadt", die der Autor von Brauchitsch mit dem Zeichner Fabrice Moireau angefertigt hat, präsentiert Michael Sobotta diese radikale Veränderung in seinem Fotoband "Berlin", in dem er Farbdias aus den 1950er- und 1960er-Jahren zeigt - Amateuraufnahmen, die er über die Jahre auf Flohmärkten zusammengetragen hat. Die kriegsversehrte Stadt ist darauf zu sehen, wie sie sich eilends wieder aufrappelt und wirtschaftswunderbunt wird. Vor allem eine Reihe von Nachtaufnahmen zeigt eine neue Betriebsamkeit, eine neue Lebenslust.

Skizzen aus Berlin

Im Reisebuch "Berlin - Skizzen aus der Hauptstadt" illustriert Fabrice Moireau die Metropole. mehr... Bilder

Dramatisch beschleunigt haben sich die Veränderungen in der Stadt noch einmal nach der Wiedervereinigung. Der Wandel ist, wenn man so will, die einzige Konstante in Berlin. Tilmann Birr, Kabarettist und Poetry-Slammer, beschreibt das pointiert in dem Reiseführer "Berlin. Satirisches Reisegepäck". Zwei der am häufigsten verwendeten Sätze in der Stadt seien: "Das kennst du nicht mehr" und "Das könnt ihr euch gar nicht mehr vorstellen". Daher würden auch die meisten Konflikte herrühren: Die Neuankömmlinge erleben die ersten Jahre sehr intensiv, und die Erlebnisse aus dieser Zeit stehen für sie dann für das wahre Berlin. So argumentieren alle, egal, wann sie zu Berlinern werden. Wohl nur hier klingen deshalb Dreißigjährige "wie Opas, die von harten, aber schönen Zeiten erzählten", so Birr.

Sein satirisches Reisegepäck ist dabei keines dieser humoristischen Urlaubsbücher, in denen sich der Autor mal ganz dumm stellt und sich dann von den Sitten der Finnen oder Usbeken verwirren und belustigen lässt. Tilman Birr hat tatsächlich einen Reiseführer geschrieben mit Tipps und Adressen - der Titel erscheint im Michael Müller Verlag, dem nach der Mair-Dumont-Gruppe (Baedeker, Marco Polo, Lonely Planet) zweitgrößten Spezialisten für Urlaubsratgeber. Vor allem aber vermittelt Birr viel vom Flair der Stadt, von der Atmosphäre, von den Dingen, die die Bewohner derzeit umtreiben. Der Autor empfiehlt keine Hotels, Sehenswürdigkeiten und Shoppingadressen. Sondern schickt die Leser dorthin, wo sie eine Facette vom Berliner Alltag erleben können - und klärt sie darüber auf, womit sie zu rechnen haben. Etwa am Wochenende bei Nacht auf der Warschauer Brücke.

Ein harmonischeres Bild Berlins zeichnen die Schwestern Julia und Evelyn Csabai in "Letzter Aufruf Tegel!". Ein Nachruf ist das auf den Flughafen, der immer noch quicklebendig ist. Das Buch ist eine heitere Anekdotensammlung von einer Stadt in der Stadt - oder besser von einem Dorf in der Stadt, so überschaubar ist der Tegeler Flughafen. Es geht um Menschliches und allzu Menschliches, immer mit einem sympathischen Hauch von Nostalgie.

Einen nostalgischen Charme haben auch die Zeichnungen des bereits angesprochenen Fabrice Moireau. Sie zeigen die gegenwärtige Stadt, deren Vergangenheit ist in den Bildern jedoch stets sichtbar. Hier ist man dem touristisch bedeutsamen, dem Sehenswürdigkeiten-Berlin am nächsten. Oft sind es die knappen, lakonischen Texte Boris von Brauchitschs, die den schönen Schein der Oberfläche wegwischen und den Bildern Tiefe geben. So wie man einem Gebäude seine Geschichte auf den ersten Blick noch nicht unmittelbar ansieht. Andererseits helfen die realitätsgetreuen und dabei doch distanzierten Zeichnungen sehr, sich eine Vorstellung zu machen von Berlin. Von seinem backsteinernen Stadtbild.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Reisebuch "Berlin. Satirisches Reisegepäck" stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Tilman Birr: Berlin. Satirisches Reisegepäck. Michael Müller Verlag, Erlangen 2015. 128 Seiten, 12,90 Euro.

Julia Csabai, Evelyn Csabai: Letzter Aufruf Tegel! Geschichten vom tollsten Flughafen der Welt. Berlin Edition im Be.bra Verlag, Berlin 2015. 304 Seiten, 9,95 Euro.

Fabrice Moireau, Boris von Brauchitsch: Berlin - Skizzen aus der Hauptstadt. Edition Braus, Berlin 2015. 96 Seiten, 29,95 Euro.

Michael Sobotta: Berlin. Farbfotografien aus den 50ern und 60ern. Sutton Verlag, Erfurt 2015. 168 Seiten, 24,99 Euro.