Reisebuch Schule des Waldes

Der Münchner Fotograf York Hovest besucht indigene Gruppen im Amazonas-Gebiet in Peru, Brasilien, Venezuela und Ecuador. Sie sind erstaunlich offen für Fremde.

Von Stefan Fischer

Der Fotograf York Hovest sieht den Amazonas-Regenwald und das Leben der Menschen dort stark bedroht - allerdings nicht durch ein Zuviel an Wasser. Die Regenzeit zwischen Dezember und April, so schreibt er vielmehr in seinem Fotoreportage-Buch "Hundert Tage Amazonien", sei die beste Reisezeit, um in Perus Norden zu gelangen. Je mehr Wasser da sei, desto besser komme man mit dem Kanu voran - und das ist zum Teil die einzige Möglichkeit, sich fortzubewegen. Das war vor zwei Jahren. Heute stellt sich die Situation ganz anders dar, Peru leidet unter starken Überschwemmungen, landesweit sind Dutzende Menschen gestorben, auch in der Amazonas-Region ist in vielen Verwaltungsbezirken der Notstand ausgerufen worden.

Doch auch wenn York Hovest den peruanischen Teil dieser Region anders erlebt hat, als er sich derzeit präsentiert, so untermauern die aktuellen Ereignisse seine Darstellung: Er zeigt auf, wie fragil die ökologische Situation in Amazonien ist. Und ein Zusammenhang zwischen der Abholzung des Regenwaldes, dem Klimawandel und Naturkatastrophen ist vernünftigerweise nicht von der Hand zu weisen.

In vier Ländern - neben Peru noch Brasilien, Venezuela und Ecuador - dringt der Fotograf in Regionen des Regenwaldes vor, die noch intakt sind und in denen indigene Völker ursprünglich leben können. Rund drei Millionen Menschen wohnen im Amazonas-Regenwald, sie gehören mehr als 350 verschiedenen ethnischen Gruppierungen an. Auf den Wegen zu einigen von ihnen ist die Zerstörung dieses Lebensraumes für Hovest nicht zu übersehen. Für Sojapflanzungen und um Bodenschätze zu gewinnen, wird der Urwald immer weiter abgeholzt, das Quecksilber der Gold- und Diamantensucher verseucht die Böden. Etlichen der indigenen Völker, die unter vorindustriellen Bedingungen leben, rücken die Rodungsgebiete bedrohlich nahe.

Viele sind von einem Straßennetz umzingelt, ihre Wege werden so abgeschnitten, ihre Schutzgebiete zum Teil illegal verkleinert. Der Kontakt zu dieser Außenwelt ist bei den meisten dieser Gruppen dennoch sehr gering. Entsprechend kompliziert ist es für York Hovest, Zugang zu diesen Gemeinschaften zu finden. Er braucht Mittelsmänner, oft sind die Lieferungen von Proviant und anderen Hilfsmitteln, auf die einige der indigenen Völker inzwischen angewiesen sind, eine Möglichkeit, zu ihnen zu gelangen.

In Peru besucht Hovest die Matsés, bei ihnen ist er wie bei den meisten anderen Ethnien auch willkommen, sie zeigen ihm beispielsweise, wie sie jagen. Es gibt Matsés, die in permanentem Kontakt mit Fremden stehen, andere leben extrem zurückgezogen. Doch auch die lernt Hovest kennen. Lediglich in Venezuela ist die Annäherung an ein Dorf der Yanomami riskant, die Besuchten sind erst einmal skeptisch.

So eindrücklich und lehrreich diese Begegnungen für York Hovest sind - er weiß selbst, dass er kaum unter die Oberfläche blickt, wenn überhaupt. Manchmal sind die Besuche extrem kurz, und selbst wenn sie mehrere Tage dauern, so bekommt er doch nur einen kleinen Ausschnitt des Alltags dieser Menschen mit. Zumal in der Regel auch noch ein Übersetzer zwischen ihm und den Indigenen steht. Zuletzt ist Hovest bei den Shuar in Ecuador, die sich behutsam der Mehrheits-Zivilisation annähern. Unterstützt werden sie von der Amazonica-Akademie in Puyo. Die, gegründet von einer Deutschen, möchte zum Erhalt der Traditionen beitragen und die Menschen ermutigen, sich ihrer Rechte bewusst zu werden.

Vor dieser zentralen Frage stehen die Gemeinschaften, die als Selbstversorger leben, heute: Sollen sie sich immer weiter zurückziehen in die letzten intakten Winkel Amazoniens oder sich öffnen, um möglichst viel von dem zu bewahren, was ihre Identität ausmacht. Davon geben die Bilder Hovests ein anschauliches Zeugnis.

York Hovest: Hundert Tage Amazonien. Meine Reise zu den Hütern des Waldes. National Geographic, München 2016. 220 Seiten, 49,99 Euro.

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