Reisebuch Nordpool

Sebastian Copeland dokumentiert die Schönheit der Arktis - lässt sich von ihr aber nicht blenden. Denn das Eis wird hier selten noch wirklich alt.

Von Stefan Fischer

Es wird nicht so sein wie in Michael Endes Abenteuerroman "Die unendliche Geschichte", wo die Parallelwelt Phantásien immer weiter schrumpft und sich an deren Stelle das Nichts ausbreitet. Denn schmilzt das polare Eis, so ist immer noch etwas da - eine riesige Menge Wasser. Aber die Arktis ist das dann nicht mehr, wenn alles Eis weg ist. Dieses irdische Phantásien mit seinen eigenen Lebensgesetzen wird dann verschwunden sein.

Spätestens von 2040 an, zitiert der Abenteurer und Fotograf Sebastian Copeland in seinem Band "Arctica" aktuelle Prognosen, werde in den Sommermonaten alles Meereseis der Arktis schmelzen - zum ersten Mal seit drei Millionen Jahren. Der Nordpol ist dann ein Punkt zwischen zwei Wellen. Schon heute übersteht nur noch sieben Prozent des arktischen Meereises die Sommerschmelze und ist mindestens fünf Jahre alt. Vor einer Generation war es noch die Hälfte des Eises.

"Ich habe den Großteil meines Lebens damit verbracht, über die größten Eismassen der Erde zu reisen und dabei fast 8000 Polarkilometer auf Skiern zurückgelegt", schreibt Copeland in seinem dreisprachigen Bildband. Diese seine Welt steht vor der Zerstörung - "The Vanishing North" heißt das Buch im Untertitel. Der Norden verschwindet.

Etwas Verschwindendes zu dokumentieren, ist jedoch extrem schwierig. Motive, wie Sebastian Copeland sie in den vergangenen zehn Jahren fotografiert hat, konnte man zuvor auch schon ausmachen. Eine Sommerschmelze gibt es schließlich seit Menschengedenken in der Arktis und also immer schon das, was Copeland auf seinen Bildern zeigt: Schneegänse und Eisbären, die in Pfützen stehen; tropfende Gletscher; Eisflächen, die auseinanderreißen. Nur häufen sich diese Szenerien, und der Raum, der davon unberührt bleibt, wird stetig kleiner - das kann ein einzelnes Bild allerdings in der Regel nicht zeigen. Nur einigen Fotografien vom Festland sieht man auf den ersten Blick an, dass die Gletscher darauf einmal größer gewesen sein müssen angesichts der Beschaffenheit des abgeschmirgelten Gesteins neben den aktuellen Gletscherzungen.

Der Norden verschwindet: Sebastian Copelands Bildband zeigt die Vergänglichkeit des ewigen Eises.

(Foto: Sebastian Copeland)

Sebastian Copeland setzt deshalb auf die argumentative Überwältigung durch Masse: Mehr als 200 Fotografien präsentiert er in seinem Band, und auf keiner hat das Eis eine gigantische und also folglich immerwährende Dimension. Selbst verhältnismäßig großen Eisbergen ist an der Struktur ihrer Oberfläche ein Schmelzen und Abfließen und In-sich-Zusammenrutschen anzusehen. Schnee ist auf vielen Bildern sulzig, Eisschollen wirken nicht mehr bedrohlich, sondern luftmatratzenklein.

Es sind trotz allem ästhetische Fotografien, die von der Schönheit und Besonderheit der Arktis erzählen. So deutlich wie Copeland hat jedoch bislang kaum ein anderer Fotograf die Bedrohung durch den Klimawandel bildlich begreifbar gemacht. Als Alarmismus lässt sich das nicht abtun. Es mag sein, dass die Arktis immer noch genügend Motive bietet, die in Summe ein heileres Bild ergäben. Aber der polaren Realität kommt sehr wahrscheinlich Sebastian Copeland näher. Und die nimmt für die menschlichen wie tierischen Bewohner eine fatale Entwicklung.

Sebastian Copelands Selbstporträt belegt: Die arktische Kälte kann unerbittlich sein. Und doch wird es stetig wärmer.

(Foto: Sebastian Copeland)

Sebastian Copeland: Arctica. The Vanishing North. Verlag teNeues, Kempen 2015. 304 Seiten, 98 Euro.