Reisebuch Im Rausch des Umbruchs

Der Journalist Gerald Drissner hat schon in Israel, der Türkei und in Ägypten gelebt. Jetzt wirft er einen klugen Blick auf seine neue Heimat: Tunesien.

Von Stefan Fischer

Man darf dem ersten Blick nicht trauen, auch in Tunesien nicht. Der Journalist Gerald Drissner lebt seit knapp zwei Jahren im Land und er ist zu dem Schluss gelangt: "Die beste Werbung für Tunesien ist vielleicht, dass es im ganzen Land keinen einzigen McDonald's gibt, keinen Burger King, kein Subway, kein Starbucks-Café." Das bedeute aber eben nicht automatisch, dass in Tunesien kulinarisch alles zum Besten stünde. Die Mehrzahl der rund 3000 Restaurants in der Hauptstadt Tunis böten ungesundes Essen an, schreibt Drissner eingangs seines Buchs "In einem Land, das neu beginnt".

Es hat im Übrigen durchaus Vorstöße US-amerikanischer Fast-Food-Ketten gegeben, Filialen in Tunesien zu eröffnen. Aber die Mehrheit eines Unternehmens muss in diesem Land stets einem Tunesier gehören - was bei lukrativen Geschäften in der Regel lange Zeit bedeutet hat: einem Mitglied der korrupten Familie des langjährigen Diktators Ben Ali. Durch die Revolution habe sich nicht grundlegend etwas geändert, ist Gerald Drissners Einschätzung: "Das Land bekam ein Update, aber kein neues Betriebssystem." Das bis ins Mark korrupte System sei zwar entstaubt worden, aber nicht zerschlagen.

Dennoch lebt der österreichische Journalist gerne hier, weil er etwas vorfindet, das in weiten Teilen der Welt nicht mehr existiert: Mag das Land arm sein, auch dreckig, so sei es aber vor allem "wenig globalisiert und gleichgemacht". Davor, eine allzu wildromantische Einstellung von Unverfälschtheit zu entwickeln, ist Drissner jedoch gefeit. Er hat in Israel, der Türkei und in Ägypten gelebt. Er weiß, was es bedeutet, auf eine schlecht funktionierende Bürokratie angewiesen zu sein. Er hat oft genug erlebt, wozu es führt, wenn man sich auf Regeln nicht wirklich verlassen kann und sich einer Willkür ausgesetzt sieht.

Dennoch reist Gerald Drissner neugierig durch das Land, das schon immer etwas offener und liberaler war als andere muslimische Staaten. Er beobachtet, wie junge Mädchen sich für den Vollschleier entscheiden und junge Männer sich betrinken: "Wir sind in einer Zeit der Findungsphase, wo man Extremes ausprobiert", erklärt ihm eine Tunesierin. Die tunesische Gesellschaft sei gespalten in der Frage, wie sie sein möchte, so Drissner: "eine freie Gesellschaft, die von Islamisten bedroht wird, oder eine unfreie Gesellschaft, in der es keine Islamisten gibt". Weil eine Diktatur sie unterdrückt und eliminiert.

In Tunesien zu leben oder das Land zu bereisen, ist derzeit nicht einfach, das macht dieses gut recherchierte Buch klar. Es bietet jedoch besondere Erlebnisse, gerade weil sich vieles im Umbruch und manches in einem Aufbruch befindet. Gerald Drissner wird noch eine Weile in seiner 30-Quadratmeter-Wohnung in Tunis bleiben.

Gerald Drissner: In einem Land, das neu beginnt. Eine Reise durch Tunesien nach der Revolution. DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2015. 344 Seiten, 14,99 Euro.