Bildband "Dark Heavens" Eintauchen in das scheinbar Unerklärliche

Der Fotograf Hamid Sardar hat unter mongolischen Nomaden gelebt. Mit einem außergewöhnlichen Bildband liefert er nun Einblicke in eine irritierende Kultur.

Rezension von Stefan Fischer

Es genügt nicht, schreibt der Fotograf Hamid Sardar in einem seiner überaus informativen Begleittexte, einfach "ins Feld zu gehen, um Mythen und Überlieferungen aufzuzeichnen". Also ein bisschen mitzureiten mit den mongolischen Nomaden, dabei viele Fotos zu machen, fertig - das sei zu wenig, um sich und den Lesern ein Bild von einer für Westeuropäer derart exotisch fremden Kultur zu machen. Man müsse schon aktiv in sie eintauchen, so Sardar, um wenigstens in Ansätzen zu verstehen, was man da beobachte.

Tatsächlich geht man in den Fotografien alleine verloren, so wie man sich in der Weite der Mongolei verlieren kann: Unwirklich erscheinen etliche Motive, mindestens jedoch unerklärlich. Es bedarf vielfacher Erläuterungen, um die Lebenswirklichkeit verschiedener Nomadenvölker in der Mongolei wenigstens oberflächlich zu begreifen. Dazu genügt es nicht, sich mit den alltäglichen Handlungen vertraut zu machen; ein Einblick in die Vorstellungswelt dieser Menschen ist unabdingbar.

Motive aus dem Bildband:

Dem Geweih nach

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Diesen Einblick liefert Hamid Sardar, der unter Mongolen gelebt hat, für seine Film- und Fotografieprojekte. In seinem staunenswerten Bildband "Dark Heavens" geht es um die Jagd der Nomadenvölker und den eng damit verbundenen Schamanismus. Für den ist, wie Sardar ausführt, die wesenhafte Einheit von Tier und Mensch elementar. Der Fotograf und Forscher leitet her, wie sich dieser Glaube seit der Bronzezeit bei turkstämmigen und mongolischen Nomadenvölkern etabliert hat, wie sich diese beiden Kulturen vermischt haben - und wie sich diese archaische Sicht auf die Dinge in der Mongolei bis heute erhalten hat. Auch die Sowjets und die von ihnen abhängigen mongolischen Kommunisten konnten diese Kultur nicht auslöschen, obwohl sie zum Beispiel dem Volk der Dukha seine Rentiere genommen haben und die Menschen über Jahrzehnte etwa in Fischfabriken zur Arbeit verpflichteten. 1992, nach dem Ende des Kommunismus, erhielten die Dukha ihre Tiere zurück und versuchten, das alte Leben wieder aufzunehmen - offenbar mit Erfolg.

Ursprünglich hatte Hamid Sardar eine Typologie der mongolischen Nomaden im Sinn bei seiner Fotoserie. Allmählich rückten die Menschen jedoch aus dem Zentrum seiner Aufnahmen, wurden Teil eines größeren Motivs. So zeigen die Fotos die Menschen und ihre Tiere; beides ist nicht ohne einander denkbar. Wir sehen Wölfe, Adler, Bären. Und immer wieder Rentiere, die zu den ersten Tieren gehören, die von Menschen domestiziert worden sind. Die Bilder haben nichts Kitschiges und nichts Esoterisches. Sie sind irritierend fremd und spannend.

Hamid Sardar: Dark Heavens. Die Schamanen und Jäger in der Mongolei. Aus dem Englischen von Kurt Rehkopf. Verlag teNeues, Kempen 2016. 272 Seiten, 79,90 Euro.

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