Preis für den Nomaden

Reiseblog des Monats /
Von Katja Schnitzler
/ Veröffentlicht am , im Reiseblog

Die Bilderwand des "Modern Nomad" lädt zum Klicken ein.

(Foto: www.themodernnomad.com)

Gustav Andersson machte sich in der Silvesternacht zwischen 2010 und 2011 wie Millionen andere Menschen Gedanken über Grundsätzliches: Ob er noch glücklich ist in seinem Acht-Stunden-Job und mit seinem gemütlichen Londoner Alltag. Die Antwort lautete nein. Also tat der gebürtige Schwede, was in diesem Fall die meisten tun: Er plante, seinen Job zu kündigen, seine Wohnung zu verkaufen und durch die Welt zu reisen. Doch dann machte Andersson, was 99 Prozent der unzufriedenen Menschen nicht tun: Er kündigte, verkaufte und reiste tatsächlich ab. Und zwar für immer, nicht nur für ein Sabbatical-Jahr. So lautet zumindest der Plan.

Seitdem ist er ein moderner Nomade, bleibt lange genug an einem Ort, um Freunde zu finden. Und geht, bevor ihn die Routine einholt. Wie, zum Kuckuck, finanziert er sich das, fragen die zaghaft Daheimgebliebenen. Er jobbt, nicht nur als Computer-Experte, auch bei der Arbeit sucht er neue Erfahrungen, aber bitte zeitlich befristet. Allerdings hat er bisher nur einen Tag als Teppichreiniger geschuftet - mit einem schwer zu bändigenden Profistaubsauger: "Als mich das Monster akzeptiert hatte und nicht länger versuchte, meinen linken Fuß zu fressen, war der Job ziemlich friedlich."

Vorschläge für weitere Ein-Tages-Jobs sind willkommen, ebenso Tipps für Ziele, außergewöhnliche Verkehrsmittel, Themen oder Unterkünfte - auch freie Sofas werden gerne belegt. Dass sich Anderssons Erfahrungen im vergangenen Reisejahr nicht auf Staubsaugen beschränken, sehen Besucher an der umfangreichen "Bilderwand". Diese ist zugleich eine Möglichkeit, rein intuitiv durch den Blog zu surfen.

Andersson sagt von sich selbst, er sei ein Computerfreak, aber offenbar ein Freak mit viel Gespür für Design und Grafik. Also finden Blog-Besucher hinter jedem interessanten Bild den passenden Eintrag, etwa über das hyperkreative Burning-Man-Festival in der einzigen Stadt der Welt, die jedes Jahr nur eine Woche lang existiert: Black Rock City in der Wüste von Nevada. Wer hier nur zum Zuschauen hinfährt, hat in der staubigen Hitze wenig Spaß, warnt Andersson - wer mitmache, wolle immer wiederkommen.

Die Texte sind sehr persönliche kleine Reportagen für Familie, Freunde und den Rest der Welt. Die Berichte, auch Essays, rundet ein angenehm lakonischer Humor ab. So schreibt er über die Schweiz, in der er auf Einladung eines Lesers das neue Jahr begann: "Ein Land, umgeben von kriegslustigen Vipern und ohne Verbündete, würde paranoid werden - so auch die Schweiz." Vielleicht trug zu diesem Eindruck auch bei, dass Andersson fast als Einbrecher vertrieben worden wäre, als er Freunde in Zürich besuchen wollte: Er wusste von dem Schlüssel unter der Fußmatte - doch die Eltern seiner Freunde, die zufällig in der Wohnung waren, wussten nichts von ihm.

Sein Humor kommt aber offenbar nicht nur bei den erschrockenen Eltern an, die er schnell wieder beruhigen konnte: "The Modern Nomad" wurde gerade bei der Abstimmung für den Weblog-Awards 2012 zum Travelblog des Jahres gekürt - und war auch unter den Finalisten für den insgesamt besten Blog 2012.

Also werden künftig noch viel mehr Menschen lesen, wie man sich in der Box auf das Bullen-Niederringen beim Rodeo in den USA vorbereitet: "Das eine Horn steckt unter meiner linken Achsel, die rechte Faust umklammert das andere Horn, mit der linken Hand packe ich das Maul - und frage mich, was ich hier eigentlich mache." Bullen-Bezwingen, fällt das nicht unter Globetrotter-Latein? Nein, der Schwede packte tatsächlich zu - und stellt das Beweisvideo unter den Eintrag.

Nachdenkliche Essays

Da überraschen nachdenkliche Essays, etwa anlässlich des Breivik-Attentats in Norwegen - doch dann passt der Text durchaus zu dem Ziel, dem Andersson sein Nomadendasein verschrieben hat, nämlich ein ortsunabhängiges, nachhaltiges und gutes Leben zu führen.

In dem Essay reflektiert Andersson über tödliche Ignoranz und Vorurteile. "Wenn ich eine fremde Kultur kennenlerne, bin ich immer wieder überrascht, dass die Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen bei weitem die Unterschiede überwiegen." Diese Erfahrung machte er überall, in Iran, Bolivien, Russland, England ("Bei weitem nicht so regnerisch wie behauptet") - und diese Erfahrung machen offenbar auch Menschen, auf die er bei seinen Reisen trifft.

Ein typischer Satz seiner neuen heterosexuellen Freunde sei: "Ich war ja ein bisschen homophob, aber seit ich dich kenne, glaube ich, ihr seid nicht so viel anders als wir. Willst du ein Bier?"