Von Maik Rosner

Eine Radtour um die Erde in etwas mehr als zwei Jahren: Das Ehepaar Höhle aus Frauenaurach hat mehr als 46.000 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt und kann nun von Abenteuern aus 35 Ländern berichten.

Erzählt haben sie von ihrem Vorhaben nur dem engsten Freundeskreis. Es hätten sich Probleme einstellen können, und dann sollte es schließlich nicht heißen: ,,Schau dir die an: Wollen um den ganzen Erdball radeln und in Österreich sind sie schon am Ende.''

Anzeige

Mittlerweile kann Klaus Höhle unbesorgt von der außergewöhnlichen Fahrradtour berichten, die ihn und seine Frau Doris bislang über mehr als 46.000 Kilometer durch 35 Länder bis nach Los Angeles geführt hat. Seine Augen strahlen, wenn er die Erlebnisse schildert. Klaus Höhle lebt gerade seinen Traum, und beinahe scheint er es zu bedauern, dass die Erde so klein ausgefallen und damit auch das Träumen endlich ist.

Die Liste ihrer bereits durchradelten Länder sieht imposant aus, sie verteilen sich auf alle fünf Erdteile. Die Zahlen ihrer bisherigen Reise sind Ausdruck einer enormen Willensleistung: 286.000 überwundene Höhenmeter, 654 Tage unterwegs, 2870 Stunden im Sattel, Tagesschnitt knapp 71 Kilometer. Und immer dabei: 45 Kilogramm Gepäck. Wie oft sie bereits einen Reifen flicken mussten, haben sie irgendwann aufgehört zu zählen.

Rund 50 Jahre hat Klaus Höhle darauf gewartet, die Freiheit zu haben, den gesamten Erdball zu bezwingen. ,,Mir läuft das Leben davon'', sagt er, ,,wenn ich es jetzt nicht mache, ist es vielleicht zu spät.''

68 Jahre ist er jetzt alt, seine Frau Doris 55. Als er mit 18 Jahren seinen Lebenstraum für sich entdeckte, da stoppte ihn seine Mutter auf kuriose Weise. Von Garmisch-Partenkirchen aus hatte er sich zu einer nach seinen heutigen Maßstäben kleinen Radtour durch den Alpenraum aufgemacht. Und weil es ihm so gut gefiel und er dabei zufällig einen Weltumradler kennenlernte, wollte er ihn noch ein wenig begleiten. Doch an der Grenze zum damaligen Jugoslawien ließen ihn die Grenzbeamten nicht passieren. Seine Mutter habe das damals veranlasst, erzählt Höhle. Zu Hause standen die Abiturprüfungen kurz bevor, der Traum musste warten, bis zur Rente. Als Bauingenieur hat er gearbeitet, seine Frau als Beamtin im Erlanger Rathaus.

Papierkram und Lebensträume

Auch Ende des vergangenen Jahres musste sich das Paar aus Frauenaurach den Behörden beugen und zurück nach Deutschland fliegen. Papierkram hatte sich aufgestaut, mit romantischen Lebensträumen lassen sich Versicherungen und das Finanzamt nicht aufhalten. Anfang Februar ging es nun wieder zurück nach Kalifornien, von wo aus sie die letzten rund 10.000 Kilometer ihrer Erdumradlung in Angriff nahmen.

Von West nach Ost quer durch die USA, anschließend mit dem Flugzeug über den Atlantik hinüber nach Marokko. Ursprünglich hatten sie Algerien danach als Etappenziel vorgesehen, doch die Grenze zwischen den beiden Maghreb-Staaten ist wegen des Westsahara-Konflikts nach wie vor gesperrt. Statt durch Algerien, Tunesien und Italien haben sie sich nun die Route über die iberische Halbinsel, durch Frankreich und die Schweiz vorgenommen, ehe sie wieder zurückfahren in die Heimat nach Mittelfranken.

Am 15. März 2006 um Punkt 9.30 Uhr waren sie dort aufgebrochen. Ende Juli, Anfang August müssten sie nach ihren Planungen wieder in der Heimat ankommen. Wenn alles weiterhin so läuft wie bisher.

,,Manchmal waren wir wirklich fertig. Es war teilweise schon wirklich hart. Aber das ist nun mal eines der letzten großen Abenteuer der Welt. Da können wir doch nicht einfach aufgeben'', sagt Höhle. Seine Frau sieht es ähnlich, und dass sie sich auf ihren Mann bei dieser Herausforderung verlassen kann, da ist sich Doris Höhle sicher: ,,Halbe Sachen oder Rückzieher gibt es nicht. Er hat noch nie aufgegeben - und war es noch so schwer.''

Mit 50 Jahren hatte Klaus Höhle für sich beschlossen, dass es noch etwas anderes gibt als Arbeit. Er schaffte sich Freiräume im Berufsleben, betrieb intensiv Ausdauersport, nahm mehrmals an Ironman-Triathlons teil. Auch Doris Höhle hat sich seit Mitte der 90er dem Ausdauersport verschrieben. Das gemeinsame Hobby und die Freude am Reisen machten ihre aktuelle Tour möglich.

Nacht im Tempel

Belohnt werden sie dabei mit aufregenden Erlebnissen, die Normalreisende in allen Urlauben ihres Lebens zusammen kaum bekommen: heftige Schneestürme in der Osttürkei, mit Messern werfende Jugendliche an der Grenze zum Iran, weil das Paar keine Zigaretten und kein Geld verschenkte, 500 Kilometer Fahrt mit den Rädern im Militärkonvoi in Pakistan entlang der afghanischen Grenze.

Die positiven Geschichten aber überwiegen. ,,Eine faszinierende Gastfreundschaft'' hätten sie vielerorts erfahren, sagt Klaus Höhle, besonders im Iran, wo sie häufig kostenlos übernachten durften, teilweise in Koranschulen. ,,Im Iran war es am schönsten, die Menschen waren unglaublich freundlich.'' In Kambodscha schliefen sie in einem buddhistischen Tempel.

Im australischen Outback wurden sie von Kängurus kilometerlang auf ihrem Weg durch die Wildnis begleitet. In Bolivien radelten sie auf mehr als 4000 Höhenmetern durch die karge Andenlandschaft, übernachteten in einem heruntergekommenen Armeelager, in dem die Soldaten den Kochtopf mit alten Eisenbahnschwellen beheizten. Nach der langen Fahrt durch die menschenleere Hochgebirgsöde mussten sie am riesigen Salzsee Salar de Uyuni überrascht feststellen, dass für das Betreten der kleinen Insel in der Mitte Eintritt verlangt wird.

Das Reisebudget ist knapp kalkuliert. Für die etwas mehr als zwei Jahre andauernde Tour werden sie alles in allem rund 40.000 Euro ausgegeben haben. Günstig sei die Welt, sagt Klaus Höhle, zumindest nach mitteleuropäischen Maßstäben. Und noch eine Erkenntnis haben beide bereits jetzt von ihrer Reise durch viele verschiedene Kulturen mitgenommen: ,,99 Prozent der Menschheit sind nett.''

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Wo die Deutschen wohnen

Die Nationalmannschaft logiert während der EM an einem exklusiven, schnörkeligen Ort. Reise-Beilage zur EM Jetzt lesen ...

(SZ vom 12.2.2008)