Pro Familienhotel Wir bleiben für immer

Aussicht auf Ruhe

(Foto: Ales Krivec/Unsplash)

Will man wirklich ins Familienhotel, wo es nur so wimmelt von Kindern? Unbedingt! Nirgends machen Eltern und ihr Nachwuchs entspannter Urlaub.

Von Katja Schnitzler

Es gibt Eltern, die würden niemals - niemals! - in ein Familienhotel fahren: Viel zu viele andere Kinder da, von denen wahrscheinlich alle bei Weitem nicht so gut erzogen sind wie der eigene Spross (finden rosarot bebrillte Mütter und Väter) oder aber sich wahrscheinlich genauso aufführen wie der eigene Nachwuchs (finden überforderte Pessimisten mit chronischem Tinnitus). Diese Familien gehen stattdessen anderen Gästen in normalen Hotels oder sich selbst in engen Ferienwohnungen auf die Nerven. Währenddessen lehnt sich der Familienhotel-Gast mit der Kaffeetasse in der Hand zurück, winkt fröhlich den Kindern auf dem Spielplatz zu und setzt nahtlos die Unterhaltung mit seinem Reisepartner fort. Diese führt er störungsfrei am Stück und kann dabei sogar weitschweifige Gedankengänge ausformulieren. Eltern wissen: Dies ist eine seltene Erfahrung, sobald Kindsvolk anwesend ist.

Doch der Nachwuchs eilt höchstens herbei, weil es nun bitte wieder in die Kinderbetreuung will, da warte sowieso noch ein halbfertiges Steckperlenbild und die Lieblingsbetreuerin, die eine Spiel-Revanche versprochen hat. Dabei erfährt die Betreuerin nebenbei die intimsten Details jeder Gast-Familie, aber man sieht sich ja nur einmal im Leben. Oder einmal im Jahr.

Denn wer schon mal in einem gut geführten Familienhotel war, hat eine hohe Rückfallquote: Weil alle im Urlaub tiefenentspannt bleiben, selbst wenn es eine Woche lang so regnet, dass die schöne Bergkulisse nur im Prospekt zu bestaunen ist. In einer normalen Unterkunft hätte man vielleicht einen halben Tag durchgehalten und dann doch den Fernseher angeschaltet oder das Touchpad gezückt. Im Familienhotel hingegen können Eltern bei der Ankunft ein Rundum-Medienverbot aussprechen, ohne jemals einknicken zu müssen. Es gibt einfach viel zu viel zu erleben.

Es muss Gokart gefahren und um die Wette geschaukelt, müssen Raketen oder Häuser aus Riesenpuzzleteilen mit gebaut und Traumfänger gebastelt werden. Es muss ein Schleichweg in den kinderfreien Ruhebereich für Erwachsene gefunden werden (um festzustellen, wie langweilig es dort ist, da Erwachsene tatsächlich möglichst bewegungslos herumliegen). Und ein Blick in den Raum nur für Teenager erhascht werden (der verheißungsvoll bleibt, weil die Teenies ihr Reich vehement verteidigen).

Dazwischen bleibt höchstens Zeit zum Essen. Ist der große Speisesaal in kleine Räume unterteilt und so auf einen annehmbaren Geräuschpegel reduziert, hören die Gäste höchstens, wenn ein Kleinkind seine Müdigkeit herauskräht. Dann verschwinden die Eltern in ihr mit Windeleimer, Wickelauflage und Gitterbett bestens ausgerüstetes Zimmer, um mit Babyphon in der Hand wiederzukehren. Später sieht man sie damit auf der kerzenbeschienenen Terrasse sitzen.

Im Familienhotel spielen sich natürlich auch Dramen ab: Weil die Zicke mit den blonden Zöpfen das Katzenbaby, das die eigene Tochter gerade liebevoll in den Arm nehmen wollte, schon selbst vor Liebe fast erdrückt und auf keinen Fall herausrückt. Oder weil im riesigen, überdachten Sandkasten die coolen Sitzbagger, mit denen auch Eltern gerne schaufeln, besetzt sind. Zum Glück ist gleich daneben der Wasserspielplatz.

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Nun könnte der Eindruck entstehen, Familienhotels seien dazu da, getrennt Urlaub in einem Haus zu machen und bei der Abfahrt nur durchzuzählen, ob alle eingestiegen sind oder sich jemand im Bällebad versteckt. Tatsächlich gibt es Eltern, die mit ihrem Kind noch vor den Betreuern morgens im Kinderland stehen und erst abends um kurz nach 20 Uhr wiederkehren - nach einem langen Tag ohne Nachwuchs, mit dem sie auch im Alltag nicht allzu viel anzufangen wissen.

Für die meisten aber ist ein Familienhotel die Möglichkeit, entspannt Zeit miteinander zu verbringen, ohne dass alle immer aufeinanderhocken müssen. Nach einem gemeinsamen Ausflug am Vormittag, nach Planschen im Pool, nach einer "eeendlosen Wanderung" zur Alm, die für die Erwachsenen gerade mal ein Spaziergang war, kann jeder machen, was er will: Die Großen ziehen vielleicht noch mal zu einer richtigen Bergtour los oder tun hemmungslos überhaupt nichts, während die Kleinen die Ziegen mit frischem Laub beglücken, die Ponys in den Halbschlaf striegeln und dabei mit anderen Kindern Freundschaften fürs Leben oder wenigstens bis zur Abreise schließen.

Wie, ihr wollt kein Eis?

Und die Eltern können dann das Fünf-Gänge-Abendessen spätestens ab dem Hauptgang zu zweit genießen, weil da die Kinder längst fertig sind und sich glücklich wieder zum Toben verabschiedet haben. Außer es ist Schokobrunnen-Tag.

Dieses Rundum-Sorglos-Paket ist zwar nicht billig, aber wenn Speisen (oft genug), Getränke (jederzeit) und Kaffee (so viel man will) inklusive sind, lohnt sich das Gegenrechnen mit einem normalen Urlaub.

Eine Warnung zum Schluss: Eine mögliche Nebenwirkung einer solchen Feriengestaltung ist Sehnsucht nach dem eigenen Kind. Etwa wenn die Eltern kommen, um den Spross auf ein Eis abzuholen, doch der verzichtet dankend - keine Zeit.

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