sueddeutsche.de: Jetzt können Sie nur am Geruch feststellen, dass etwas nicht stimmt?

Jörg Handwerg Pilotenvereinigung Cockpit, oh

Flugkapitän und Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit: Jörg Handwerg (© Foto: oh)

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Handwerg: Wenn es an Bord unangenehm riecht, kann das tausend Gründe haben - die menschliche Nase reicht zur Warnung vor den Giften nicht aus.

sueddeutsche.de: Das Problem ist Herstellern und Airlines wohl bekannt. Warum wird nichts dagegen unternommen?

Handwerg: Beide versuchen, das Thema unter dem Teppich zu halten: Solange nicht einwandfrei bewiesen ist, dass es durch die verunreinigte Kabinenluft zu dauerhaften Nervenschädigungen bis hin zu Parkinson-Symptomen kommt, sehen sie keine Notwendigkeit, etwas zu unternehmen. Doch für uns ist diese Haltung nicht akzeptabel - es geht schließlich um die Gesundheit von Besatzung und Passagieren. Aus unserer Sicht muss man Risiken aktiv ausschließen und nicht darauf warten, dass genügend Schädigungen aufgetreten sind, damit man ausreichend Beweise für einen Zusammenhang zwischen Zapfluft und den Vergiftungen hat. Dennoch wird verharmlost, vertuscht und das Problem geleugnet.

sueddeutsche.de: Klagen Betroffene nicht gegen die Verantwortlichen?

Handwerg: In Australien hat eine Flugbegleiterin ihren Prozess gewonnen, sie erhält Schadenersatz. Da wurde ja der Beweis geführt, so dass unsere Forderungen nicht aus der Luft gegriffen sind. Auch in den USA stehen eine Reihe von Klagen Vergifteter - auch Passagieren - an.

sueddeutsche.de: Das sollte die Hersteller doch eigentlich zum Einbau von Filtern bewegen. Schließlich wird es teuer, wenn in den USA ein Kläger gewinnt ...

Handwerg: Die Industrie fürchtet ja gerade eine Klagewelle. Wenn sie sich jetzt zu dem Problem bekennt und sagt, ja, die Kabinenluft kann vergiftet sein, wäre sie in der Haftung. Da ist Abstreiten derzeit anscheinend noch der billigere Weg.

sueddeutsche.de: Waren Sie auch schon mal betroffen?

Handwerg: Es kam schon vor, dass im Flug die Nase plötzlich stark und heftig lief, es nach "alten Socken" roch und ich wusste nicht, warum. Aber bislang war das Problem auch bei den Piloten noch nicht so bekannt, erst seit einem Jahr wird man sich dessen zunehmend bewusst - obwohl bereits bei der Umstellung in den sechziger Jahren auf Zapfluft darauf hingewiesen worden war, dass es zu Problemen mit giftigen Dämpfen kommen könnte. Doch durch das Weglassen eines eigenen Belüftungssystems wurden die Flugzeuge leichter und billiger - und Bedenken ignoriert.

sueddeutsche.de: Was raten Sie Passagieren, wenn sie Ölgeruch wahrnehmen? Sollen sie zur Sauerstoffmaske greifen?

Handwerg: Das wird nichts nützen, da aus der Maske größtenteils zugemischte Kabinenluft strömt. Aber man sollte dem Cockpit den verdächtigen Geruch melden. Bei akuten Beschwerden sollten Passagiere einen Arzt aufsuchen und ihm auch von dem Verdacht berichten, toxischen Dämpfen ausgesetzt gewesen zu sein. In Urin- und Bluttests kann man kurz nach der Kontamination noch Rückstände des Giftes feststellen. Ein Schnelltest ist gerade in der Entwicklung.

sueddeutsche.de: Was ist noch wichtig, falls man gegen die Fluggesellschaft klagen will?

Handwerg: Man sollte die genaue Uhrzeit festhalten, wann man die Dämpfe wahrgenommen hat, die Flugnummer und die Flugphase. Außerdem sollte man sich die Meldung bei den Flugbegleitern bestätigen lassen und die Namen des Bordpersonals und einiger Mitpassagiere notieren, um Zeugen benennen zu können.

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(sueddeutsche.de/kaeb/cmat)