Inka-Stätte Choquequirao in Peru Zu Besuch bei der Schwester Machu Picchus

Die steinerne Stadt lässt sich nur zu Fuß erreichen. Die Wanderung führt über 6000 Höhenmeter und dauert vier Tage.

(Foto: John Warburton-Lee/Mauritius Images)

Machu Picchu ist toll, aber überlaufen. Nicht so eine andere geheimnisvolle Inka-Stätte in Peru: Choquequirao. Doch bald ist es mit der Ruhe auch hier vorbei.

Von Sebastian Erb

Gegen Ende des ersten Tages, nach Stunden durch die Hitze, über steinige Pfade und einen reißenden Strom, Gesicht und Arme von Moskitos zerstochen, kommt der Zweifel. Wäre es nicht zumindest eine gute Idee gewesen, ein oder zwei Maultiere mitzunehmen fürs Gepäck? So machen es schließlich die meisten. Und der Rucksack ist einfach verdammt schwer bei dieser extremen Steigung. Aber wir wollten es mit eigener Kraft schaffen nach Choquequirao, der alten Inkastadt.

Von unten im Canyon sah das Tagesziel so nah aus, ein leuchtend grüner Fleck rund 600 Meter höher, der wie ein Balkon über dem kargen Hang thront. Man konnte Bananenstauden und Maispflanzen erkennen. Jetzt aber sieht man gar nichts mehr außer die paar Meter Staub und Steine vor den Füßen. Bald wird die Sonne untergehen. Choquequirao, die "Wiege des Goldes", wie die Ruine übersetzt heißt, lässt sich nur zu Fuß erreichen. Die Wanderung dauert insgesamt vier Tage, 32 Kilometer hin und 32 wieder zurück, fast 6000 Höhenmeter sind es im Auf- und Abstieg durch die peruanischen Anden.

Die Wanderung ist eine Alternative für alle, denen Machu Picchu zu überlaufen ist. Die legendäre Inkastadt ist für viele Südamerika-Urlauber das Ziel Nummer 1. Viele reisen überhaupt nur deswegen nach Peru. Machu Picchu ist dem Ansturm kaum mehr gewachsen, der Treck dorthin ist monatelang im Voraus ausgebucht. Dazu kommen viele Backpacker und Pauschaltouristen, die direkt zum Weltkulturerbe fahren und mindestens 50 Dollar Eintritt bezahlen. Die Ruinenstadt ist fast schon ein kleines Disneyland. Die Besucherzahl wurde inzwischen auf 2500 am Tag begrenzt. In Choquequirao, die auch "die Schwester Machu Picchus" genannt wird, ist das anders. Noch. Aber zunächst muss man überhaupt hinkommen.

Die erste größere Schwierigkeit der Wanderung haben wir bereits überstanden: die Überquerung des Apurímac. Weit unten in einem der tiefsten Canyons der Welt fließt er, ein Quellfluss des Amazonas, ein Strom voller brauner Brühe, auf der weißer Schaum tanzt. Da die alte Brücke vor Jahren bei einem Hochwasser zerstört wurde und die neue noch nicht fertig ist, muss man hier einer besonderen Zwischenlösung vertrauen: einer Seilbahn. Wobei Seilbahn etwas hochtrabend ist. Es handelt sich um eine Metallkiste mit Holzboden, per Rolle an einem Stahlseil aufgehängt, das über den Fluss gespannt ist. Den Rucksack einladen, einsteigen und los. Eine rasante Fahrt - bis zur Flussmitte. Dann muss man sich an einem dünnen Tau langsam emporziehen. Es wackelt und geht ziemlich in die Arme.

Bislang ist erst ein Drittel von Choquequirao ausgegraben.

(Foto: Sebastian Erb)

Wir schleppen uns weiter den Berg hinauf. Ein Mann kommt uns entgegen, er hüpft regelrecht den Pfad hinab. Noch ein oder zwei Stunden, sagt er freundlich. Es soll motivierend klingen - und bewirkt das Gegenteil. Wo gibt es hier eisgekühlte Inca-Kola? Die goldgelbe Nationallimonade würde nie besser schmecken als jetzt. Langsam weiter. Als wir endlich im Weiler Santa Rosa ankommen, ist es schon dunkel, vor den Holzhütten flackern Feuer. Im Schein der Stirnlampen bauen wir unser Zelt auf. Schnell schlafen wir ein und wachen später kurz auf, als es so klingt, als streife ein fauchender Puma direkt ums Zelt.

Am nächsten Morgen beim Kaffee vom Gaskocher, die Bäume triefen noch nach dem nächtlichen Regen, setzt sich Julián Covarrubias zu uns. Anfang dreißig ist er, ein kleiner Mann mit einem runden, freundlichen Gesicht. Er ist der Wart des kleinen Zeltplatzes und wohnt direkt auf dem Platz in einem Häuschen, das ein Solarpaneel auf dem Dach hat. Weil er Probleme mit den Beinen hat, kommt er kaum von hier weg. Aber er bekommt dafür umso mehr mit. Wahrscheinlich gibt es in der ganzen Gegend keinen besseren Erzähler.

Der Großvater erzählt seinem Lieblingsenkel von der Entdeckung der Stadt

Pumas kämen hier nur selten vorbei, sagt er. "Und wenn, dann töten wir sie." Wahrscheinlich sei das in der Nacht ein Ozelot gewesen. Überhaupt die Tiere. Brillenbären gebe es hier viele. Und dann erzählt er minutenlang von einer Spinne, die bei ihm wohnte, die aber wohl doch keine Spinne gewesen sein kann, weil sie nur sechs Beine hatte. Aber eigentlich wollte er ja berichten, wie seine Vorfahren Choquequirao entdeckten.

Die Geschichte gebe immer der Großvater an seinen Lieblingsenkel weiter, sagt Julián Covarrubias. So habe er sie vor einigen Jahren zum ersten Mal gehört.

Um 1880 also kamen seine Vorfahren in die Gegend, auf der Suche nach neuem, fruchtbarem Land. Sie fuhren erst mit einem Floß, denn es gab keine Wege durch den unberührten Urwald. Sie rodeten den Wald mit Feuer. Sie verloren die Kontrolle über das Feuer, deshalb mussten sie sich in einer Höhle verstecken. Drei Monate lang. Julián Covarrubias erzählt in einem verwaschenen Spanisch, lautmalerisch und mit viel Drama. Es ist nicht ganz leicht, ihm zu folgen. Noch weniger lässt sich sagen, wo Fiktion sich in die Realität einwebt. Aber vielleicht spielt das auch keine Rolle.