Volk der Emberá Guter Deal in Panama

Viele Emberá leben noch heute in strohgedeckten Holzhäusern. Der Anbau von Bananen und Yucca allein reicht allerdings nicht zum Überleben.

(Foto: Massimo Ripani/Grand Tour/Corbis)

Um nicht in den Drogenhandel verwickelt zu werden, haben die Emberá ihr Stammesgebiet verlassen und eine Aktiengesellschaft gegründet. Ihr Kapital: Touristen.

Reportage von Tom Noga

Der Bahnhof von Panama-Stadt ist nicht gerade imposant. Ein Flachbau, weiß getüncht, mit weit überstehendem Dach. Es spendet Schatten - schon morgens um kurz vor sieben brennt die Sonne vom Himmel. Auf dem einzigen Gleis wartet der Zug der Panama Canal Railways: eine alte Diesellok mit fünf Waggons, gelb mit roten und schwarzen Längsstreifen. Die Bahn ist ein Überbleibsel aus der Zeit vor der Jahrtausendwende, als der Kanal noch von den USA betrieben wurde. Sie fährt von Panama-Stadt nach Colón an der Karibikküste. Ein Luxuszug, die Bänke sind aus Edelholz, die Sitzflächen aus Leder.

Entspannt lehnt sich Julián Chang zurück, ein großer, sehniger Mann in Flipflops und Shorts, während der Zug sich in Bewegung setzt. Hinter der Schleuse von Miraflores, der pazifischen Einfahrt in den Kanal, beginnt der Urwald. Die Luft ist feucht und frisch. Haushohe Farne säumen den Gleiskörper, dazwischen Jacaranda-Bäume mit ihren lilafarbenen Blüten.

Nach einer halben Stunde Fahrt ist der Lago Gatún erreicht, durch den der Kanal verläuft. Wohin man blickt: Wasser. Und Inseln, manche nicht größer als eine Tischtennisplatte, bei anderen sind deren Dimensionen mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Aus dem Schatten einer dieser Inseln taucht ein Indiokanu auf. "Emberá", sagt Julián Chang.

"Sie bewegten sich meisterhaft in den Kronen der Bäume"

Die Emberá sind eines von vier indigenen Völkern Panamas. In den vergangenen sechs Jahren haben sich einzelne Gruppen auf den Inseln im Lago Gatún angesiedelt. In das älteste dieser Dörfer ist Julián Chang unterwegs. Als Historiker mit Lehrstuhl an der Universität von Panama-Stadt hat er zu Geschichte und Kultur der Emberá geforscht, seit seiner Pensionierung lebt er mit ihnen. "Weil das Leben bei ihnen noch natürlich ist. Um acht, neun Uhr abends hörst du keinen Laut mehr. Du schläfst ruhig, und wenn du aufwachst, pflückst du dir ein paar Früchte zum Frühstück. Wo findet man das denn sonst?"

Ursprünglich kommen die Emberá aus den Tiefen des Amazonas in Brasilien. Ende des 17. Jahrhunderts sind sie nach Norden emigriert, in den Darién, das Hügelland in Panama an der Grenze zu Kolumbien. "Sie bewegten sich meisterhaft in den Kronen der Bäume und konnten geräuschlos marschieren", erzählt Julián Chang, "vor allem aber kämpften sie mit Pfeilgift, das sie aus Blasrohren verschossen." Das hätten sich die Spanier zunutze gemacht in ihren Kämpfen gegen die Kuna, den anderen großen Indianerstamm Panamas. "An der Seite der Kolonialherren haben die Emberá eine westlich geprägte Kultur entwickelt."

Die Emberá sind zugänglicher als die anderen Indianerstämme Panamas, seit jeher treiben sie Handel. Ob ihnen die Offenheit genutzt hat, darüber lässt sich streiten. Die weniger assimilierten Kuna haben Anfang der 1950er-Jahre eine Teilautonomie für ihr Stammesgebiete erstritten. Den Emberá ist das erst in den 1980erJahren gelungen - da waren sie schon über weite Teile des Landes verstreut.