Arlberg in Österreich Neuland am Berg

Klassik und moderne Kunst statt gewohntem Après-Ski: In St. Christoph am Arlberg wagt ein Hotelier ein großes Experiment.

Von Hans Gasser

Die alte Dame ist konsterniert. Zwölf Euro Eintritt hat sie gezahlt, und nun das: "So ein Graffl, das aufgeräumt gehört, also bitte! Ich hätt' mir schon mehr so künstlerisches Zeug erwartet, ein paar Bilder zumindest." Das "Graffl" ist das Ergebnis einer Performance zur Eröffnung der Kunsthalle Arlberg 1800. Zerbrochene Holzlatten, Papier und Glassplitter auf einem Haufen. Das Video dazu kann man sich auf einem Bildschirm ansehen: Ein schwarz gekleideter Schauspieler sitzt auf einem Hochstuhl und spricht zum Publikum: "Ich bin ein sinnloses Kunstwerk. Meinesgleichen gibt es viele." Die Performance mündet dann in eine deftige Publikumsbeschimpfung ("Wichser, Kunstbanausen"), an deren Ende der Schauspieler seinen Hochstuhl und ein dahinter hängendes Bild zertrümmert.

"Ich wünsche der Familie Werner viel Glück", sagt die stark geschminkte Dame, die ihren Winterurlaub schon so lange in St. Christoph am Arlberg verbringt, "dass man davon einen Picasso hier hereinhängen könnte". Viel Glück, das klingt in diesem Fall wie: Seid ihr deppert, hier, in einem mondänen Skiort auf knapp 1800 Metern Meereshöhe eine 600 Quadratmeter große und acht Meter hohe Kunsthalle in den Berg unter euer Fünf-Sterne-Hotel zu betonieren und dann vorwiegend seltsame Installationen zu zeigen?

Auf den ersten Blick mutet es tatsächlich so an. Draußen surren die Skilifte, die die Gäste Richtung Galzig und weiter zur Schindlerspitze hinaufbringen, damit sie in fantastischem Skigelände ihre Schwünge ziehen können. Die wenigen, allerdings ziemlich großen Häuser des 20-Einwohner-Ortes St. Christoph sind fast alle Hotels. Das größte davon ist das Arlberg Hospiz, ein altrosa Bau aus den frühen Sechzigerjahren, innen weinrote Teppiche, viel dunkles Holz, ein riesiger offener Kamin und gehobene Tiroler Gemütlichkeit. An ein solches Hotel ein modernes Kunst- und Kulturzentrum anzubauen, mit Sichtbeton und rein künstlicher Beleuchtung, dazu noch einen High-End-Konzertsaal mit 200 Plätzen und Steinway-Flügel, das ist ein bisschen so, als würde man in das Zentrum Berlins eine große Almhütte stellen.

Florian Werner ist solche Anfechtungen gewohnt. "Viele Leute haben den Kopf geschüttelt, inklusive meines Vaters", sagt der Wirt des Hotels Arlberg Hospiz. Er ist ein schmächtiger Mann mit feinen Gesichtszügen, den man eher für einen Pianisten halten könnte. "Aber meine Überzeugung war größer als meine Angst. Ich wusste, dass es funktionieren wird." Werner hat zwei stressige, aufreibende Jahre hinter sich, das 26-Millionen-Euro-Projekt drohte mehrmals an der Finanzierung zu scheitern. Im Herbst war Eröffnung. "Seitdem habe ich schon 60 Konzerte gehört, bald hab' ich einen Kulturschock", scherzt Werner. Und jetzt muss er schon wieder auf die Bühne des Konzertsaals, Gäste begrüßen und das Konzert ansagen. Beginn ist meist um 18.30 Uhr, und es dauert maximal eine Stunde. "Pre-Dinner-Konzerte" nennt Werner das, damit die Gäste noch rechtzeitig zu ihrem vielgängigen Galamenü im Hotel kommen. Heute spielen drei Studenten der Meisterklasse von Taihang Du, eines Professors, der an der zentralen Musikhochschule in Peking lehrt und den Werner mitsamt sechs seiner Studenten eingeladen hat. Eine Woche lang gibt der Meister hier Einzelunterricht, bei dem die Gäste auch ein- und ausgehen dürfen, an drei Abenden spielen sie Konzerte - das Ganze gegen Kost und Logis.

SZ-Karte

Der Saal ist halb gefüllt, unter anderem mit einer Gesellschaft, die im Hotel den schon etwas höheren Geburtstag eines deutschen Professors feiert. Werner begrüßt die Festgesellschaft, erklärt kurz, wie es zu dem Kulturprojekt kam, erwähnt, dass die Musikstudenten von der- selben Hochschule kommen, auf der auch Lang Lang studiert hat, und scherzt dann: "Das ist unsere neue Definition von Après-Ski." Gelächter, das Konzert beginnt. Debussy, Liszt, Beethoven, die sehr jungen Musikerinnen und Musiker spielen engagiert, die Akustik in dem Saal ist hervorragend, das betont auch der Meister Taihang Du nach dem Konzert. "Man hört die Feinheiten, das ist nicht immer so", sagt der Professor, der selbst länger als Pianist durch Europa getourt ist. "Das ist sehr großzügig von Herrn Werner, uns einzuladen. Ein so ambitioniertes Projekt muss man unterstützen, ja befeuern! Und die Luft ist hier oben natürlich viel besser als in Peking."

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