Österreich Ins Bergheim

Eine Skitour zum höchstgelegenen Gebäude Berlins, dem Brandenburger Haus, führt in eine wilde, vereiste Landschaft - und in die braune Vergangenheit der Alpenvereins-Sektion.

Von Dominik Prantl

Der Winter, dieser alte Taugenichts, mag heutzutage ja nur noch ein Schatten vergangener Tage sein. Doch hier, im hintersten Teil des Ötztals, kühlt er den Morgen vor dem Sonnenaufgang dann doch auf minus neuneinhalb Grad herunter. "Beim Gehen wird uns warm werden", sagt deshalb Paul Walser, aber der kann das natürlich mal so locker sagen, weil einem Bergführer aus dem nahen Obergurgl wie ihm rein kälteresistenzmäßig höchstens noch die Inuit was vormachen. Das Handy zeigt 6.23 Uhr; echte Berliner wackeln gerade eher vom Berghain oder einem anderen, richtig schönen Club nach Hause ins Bett als auf Skiern zum höchstgelegenen Gebäude Berlins.

Man wäre jetzt eigentlich nur zu gerne ein echter Berliner.

Paul Walser schultert also die Skier mit den Tourenfellen an der Unterseite, meint noch: "Sechseinhalb Stunden werden wir bis zur Hütte wohl brauchen." Dann läuft er die asphaltierte Straße durch den kleinen Ort Rofenhöfe oberhalb von Vent in Richtung Schnee und startet eine Skitour für sehr überzeugte Bergliebhaber - oder Masochisten. Zum Brandenburger Haus, das zwischen Gletschern in 3277 Metern Höhe auf einem Felsriegel liegt, sind es 13 Kilometer und 1500 Höhenmeter, ohne Rückweg. Wir sind an diesem Tag die einzigen Masochisten. Was hat sich Berlin bei diesem Standort bloß gedacht?

Vom "elenden Dorf" zum Stützpunkt für Bergsteiger: In Vent beginnt der Aufstieg

Auch wenn es sich in der Einsamkeit der Morgenstunden anders anfühlt, hat der Alpintourismus in diesem Talschluss durchaus eine gewisse Tradition. Die Rofenhöfe, auf 2015 Metern der am höchsten gelegene ständig besiedelte Weiler Österreichs, war schon im 19. Jahrhundert der Geburtsort einiger namhafter Bergführer, was dem Hauptort Vent früh den Ruf eines Bergsteigerdorfes eingebracht hat. Nur hatte die Wortwahl in dem 1834 erschienenen "Handbuch für Reisende durch die österreichische Monarchie" noch wenig mit der PR-Sprache in heutigen Werbeprospekten gemein: "Vent ist ein elendes, aus sechs Hütten bestehendes Dörfchen."

Im Februar 2016 ist Vent noch immer ein Dörfchen mit 150 Einwohnern und wenigen Häusern, aber das Elend ist nicht mehr da. Dafür gibt es rund 1000 Gästebetten im Ort, dazu weitere 800 Schlafplätze in den Berghütten rund um Vent, einen großen Parkplatz und einen Sessellift, dazu eine Franz-Senn-Stub'n und einen Franz-Senn-Weg. Franz Senn ist für den Tiroler Tourismus nämlich ungefähr das, was Steve Jobs für die Computerindustrie ist: Mastermind und Übervater einer ganzen Bewegung.

Der Priester Senn kam 1860 als Kurat und eine Art Entwicklungshelfer nach Vent. Sein Credo lautete, dass ein gut funktionierendes Gastgewerbe langfristig den besten Nährboden für ein sicheres Einkommen bildet. Unter dem Spitznamen Gletscherpfarrer bestieg Senn zudem jede Menge Gipfel. Und weil Senn als Seelsorger, Lehrer, Tourismuspionier und Bergführerausbilder offenbar noch nicht ausgelastet war, trieb er auch noch die Gründung des Alpenvereins im Frühjahr 1869 mit an. Noch im gleichen Jahr entstand die Berliner Sektion des Alpenvereins, und Bernd Schröder ist überzeugt: "Da wird Senn wohl sanften Druck ausgeübt haben."

Schröder ist Geschäftsführer der Sektion Berlin, seit Oktober 1992 schon. Er weiß, wie vorsichtig man mit der Geschichte und Überliefertem umgehen muss, vor allem, wenn es um die Geschichte des Alpenvereins und der Berliner Hütte geht, und selbst dann, wenn man sich mit Geschichte, Alpenverein und Hütten so gut auskennt wie er. Schröder leitet seine Erzählungen gerne mit Sätzen ein wie: "Das kann man wohl genau so sagen." Oder: "Ich würde jetzt mal frech behaupten, dass . . . " Schröder würde jetzt also mal frech behaupten, dass "der Senn damals das Kapital aus den Großstädten wie eben Berlin in die Täler bringen wollte".

Heute sind es gut 70 Höhenmeter vom Gletscher bis zur Hüttentür. Früher waren es deutlich weniger, wie die historische Postkarte zeigt.

(Foto: Deutscher Alpenverein Sektion Berlin)

Berlin ist aber gerade weit weg, genau 851 Straßen- und acht Tourenskikilometer; Bergführer Paul Walser meint: "Hier beginnt der Gletscher. Anseilen." Normalerweise sei das im Ötztal im Winter nicht nötig, aber dieser Winter ist nicht normal. Die Gämsen sind noch so fett wie sonst im Herbst; bis weit oberhalb von 2000 Metern schimmert der braune Untergrund durch die selten geschlossene Schneedecke. Ohne Schneefüllungen reißen die Gletscher ihre Eismäuler selbst im Hochwinter auf. Ganz langsam führt die Tour vom Gletscherrand auf 3000 Metern zum Oberen Guslarjoch auf 3361 Metern, durch eine Landschaft, die aussieht wie jene nördlich der Mauer in der Fantasy-Serie "Game of Thrones": alles nur Fels, Schnee, Eis.

Als Franz Senn und Julius Scholz, Mitbegründer der DAV-Sektion Berlin, bei ihrer gemeinsamen Erstbesteigung des Fluchtkogels 1869 über dieselbe Scharte kamen, gab es das heute jenseits eines Gletschermeeres sichtbare Brandenburger Haus noch nicht. Es wurde 1909 errichtet, von der Sektion Mark Brandenburg, die sich 1899 von der Berliner Sektion abgespalten hatte. "Als offizieller Grund wurde mir immer noch erzählt, dass man sich nicht einigen konnte, ob ein Tiroler Volkstanz nun rechts- oder linksrum gedreht wurde", sagt Bernd Schröder, wobei man sich freilich fragen darf, warum sich Berliner Bergkameraden überhaupt die Meinungshoheit über Tiroler Volkstänze anmaßten. Der wahre Grund war aber sowieso ein anderer und zeigt die Schizophrenie jener Menschen, die in vorauseilendem Gehorsam eine Trennlinie zwischen Rassen zogen und nur wenige Zeilen später gerne von der Freiheit in den Bergen schwärmten.

In der Festschrift anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens rückten die Brandenburger nämlich mit der Wahrheit heraus. Ziel sei damals die Gründung einer Sektion gewesen, "die nur deutsche Volksgenossen aufnahm". Die Berliner Sektion habe wiederum einen "nicht unerheblichen Prozentsatz semitischer Mitglieder" gezählt. Oder anders: Lange bevor Hitler und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei überhaupt an die Macht kam, gaben im Alpenverein mancherorts schon Nazis den Ton vor. Und die Abteilung Mark Brandenburg, die in den Zwanzigerjahren die Muttersektion Berlin mit 3000 Mitgliedern überflügelte, war das Nazi-Sammelbecken schlechthin.

"Die Brandenburger gingen richtig auf Einkaufstour", sagt Schröder. Unter anderem erwarben sie in den Ötztaler Alpen 470 Hektar nutzloses Land zwischen Almen und Gletschern, "nicht zusammenhängend, mit lächerlicher Grundsteuer, weil als Ödland eingestuft", so Schröder. Sie kauften das Hochjochhospiz, die Weißkugelhütte, und die alte Samoarhütte kauften sie auch gleich noch dazu. Weil Letztere bald zu klein wurde, planten sie noch vor dem Zweiten Weltkrieg einen Ersatzbau mit dem Namen Hermann-Göring-Haus. Und als der Bau des Brandenburger Hauses, ein bis heute im Kern unveränderter dreistöckiger Steinklotz mit kleinen Fenstern, 1905 ins Stocken geriet, hieß es, man müsse die Kräfte im Kampf mit den Naturelementen stählen, denn sie dienten "vornehmlich dem Vaterland als Stärkung seiner Volkskraft". Schröder sagt: "Das war schon ideologiebehaftet."

Paul Walser meint: "Die letzten Meter ziehen wir die Ski besser aus." Er muss es wissen, denn er war hier von 2006 bis 2008 selbst Hüttenwirt. Durch Blockgestein geht es vom Kesselwandferner in Skischuhen und dünner Luft bergauf, mehr stolpernd als steigend, rund 70 Höhenmeter. Auf alten Gemälden wirkt der Abstand vom Gletscher zum Haus noch wesentlich geringer, denn auch der Kesselwandferner ist geschrumpft.

"In dem Moment, wenn Sie durch die Tür treten, sind Sie in Berlin", hat Schröder gesagt. Hinter der ersten Türe liegt - ein gewaltiger Haufen Schnee. Die Hütte ist nur knapp drei Monate im Sommer bewirtschaftet, den Rest des Jahres hat nur der Winterraum geöffnet. Beim Anfeuern des Ofens zieht der Rauch nicht richtig ab, schon bald riecht es wie in einer Speckkammer. "Es gibt bessere Winterräume. Aber auch schlechtere", meint Walser. Auf den acht Matratzen des Lagers stapeln sich mehrere Decken, im Regal stehen Trinktassen mit rosa Elefantenhintern, daneben liegen Sonnenmilch, Bepanthen und Zeitschriften wie Der Rennwagen, Jahrgang 2000. Der letzte Eintrag im Hüttenbuch datiert vom 2. Januar. An der Wand hängen Bilder von den sechs Hütten der Berliner Alpenvereins-Sektion. Drei davon stehen in den Ötztaler Alpen.

Zum Zähneputzen gibt es keinen schöneren Platz als den Waschraum hier oben

1956 fielen das Brandenburger Haus wie auch das Hochjochhospiz und die Martin-Busch-Hütte an die neu gegründete Sektion Berlin, der gemeinhin ein sensibler Umgang mit dem schwierigen Erbe attestiert wird. Nur manchmal, wenn man genau hinsieht, schimmert die braune Vergangenheit noch immer durch. Der teilweise drahtseilgesicherte Weg vom Hochjochhospiz durch die Rofenschlucht, für den Paul Walser beim Abstieg wieder die Tourenfelle aufzieht, wurde erst im Jahr 2003 in Cyprian-Granbichler-Weg umbenannt. Bis dahin trug er den Namen von Waldemar Titzenthaler, dem völkisch gesinnten Vorsitzenden der Sektion Mark Brandenburg. Dessen Urne wurde nach seinem Tod 1937 in einer Felsnische am Anfang der Rofenschlucht beigesetzt; die darüber liegende Bronzetafel enthält den Satz: "Ein Kämpfer für das Deutschtum." Erst vor eineinhalb Jahren brachten der Deutsche und der Österreichische Alpenverein auf Anregung der Berliner Sektion eine kommentierende Tafel dazu an.

Reiseinfo

Anreise: Von der Inntalautobahn ins Ötztal und bis zu den Rofenhöfen bei Vent fahren. Wegen Parkmöglichkeiten (Gebühr) am besten beim Berggasthaus Rofenhof fragen, Tel.: 00 43/52 54/81 03, www.rofenhof.at

Unterkünfte: Das Brandenburger Haus (3277 m) hat nur in den Sommermonaten geöffnet, ansonsten steht der Winterraum offen, www.dav-berlin.de.

Bergführer: Alpincenter Obergurgl, Paul Walser, Tel.: 00 43/664/88 67 56 93, alpincenter-obergurgl.com, wapa79@gmail.com

Schröder mag die Gegend trotz der schwierigen Vergangenheit gerne, und besonders gerne mag er das Brandenburger Haus. Da kann es wegen der kurzen Öffnungszeiten und der hochalpinen Lage noch so viele Subventionen fressen. "Als höchstes Haus des Deutschen Alpenvereins ist es schon ein Objekt des Stolzes", sagt Schröder. Er wird im Sommer zwei Wochen lang hier sein und freut sich schon aufs Zähneputzen: "Wenn man im Waschraum steht und nach draußen blickt, gibt es dafür keinen schöneren Platz."

Paul Walser hat dagegen erst einmal genug vom Brandenburger Haus, nachdem selbst die Abfahrt die meiste Zeit nur ein Abstieg auf Skiern war. "Mir reicht's", sagt er - und wird dennoch zurückkehren.