Nostalgie-Skifahren in der Schweiz Ganz alte Ski-Schule

So sah es füher aus auf den Pisten: Skifahrer in den 1920ern.

(Foto: SZ Photo)

Mit Lederschuhen auf langen Holzbrettern: In Lenzerheide in der Schweiz können Gäste versuchen, wie anno dazumal Ski zu fahren. Wie ging noch mal der Stemmschwung?

Von Titus Arnu

Jeden Winter lässt sich die Ski-Industrie neue Gimmicks einfallen. Eine "intelligente Federung" mit Öldruckstoßdämpfer! "Carbon Power Boost"-Streben für gleichmäßige Kraftaufnahme! "Snowphobic Topsheets", eine schneeabweisende Skioberfläche! "Doubledeck-Technologie", die Schläge abdämpfen soll! "Race-Rocker" für dynamische Schwungauslösung!

Über all das verfügen meine Skier nicht. Sie sind nicht aus Carbon, sondern komplett aus Hickory-Holz. Der Sidecut beträgt genau null Zentimeter. Die Latten der Marke Record haben keine moderne Carving-Taillierung, sie sind schnurgerade und 1,95 Meter lang. Power-Boost-Streben? Intelligente Federung? Öldruckstoßdämpfer? Gibt es nicht, dafür aber einen Kabelzug mit Metallfeder, mit dem man die Skischuhe an den Holzlatten festschnallt. Die Stiefel sind nicht aus Hartplastik, sondern komplett aus Leder. Statt Schnallen haben sie Schnürsenkel. Und beim Fahren hilft einem kein Chip im Ski - man muss das eigene Hirn einschalten und die eigenen Muskeln benutzen.

Wir stehen am Übungslift "Dieschen" in Lenzerheide und fragen uns, wie weit man mit der Uralt-Ausrüstung unfallfrei kommt. "Die Kanten wurden geschliffen und die Skier frisch gewachst - vor 50 Jahren!" ruft Daniel Müller aufmunternd. "Schön in die Knie gehen, und bei der ersten Kurve einen Stemmbogen machen wie früher!" Stemmbogen, wie ging das noch mal? Kurve im Pflug anfahren, Druck auf den Außenski geben und dann den anderen Ski umsetzen, sodass die Latten wieder parallel sind. Gar nicht so einfach, wenn die Dinger fast zwei Meter lang sind.

Daniel Müller überprüft noch einmal die Bindung. Richtig fest sitzen die Schuhe nicht, beim Losfahren fühlt es sich weich bis wacklig an. Die Skier stammen aus den Fünfzigerjahren, die Schuhe der Marke Henke ebenfalls. Man bewegt sich automatisch ganz anders auf dem Hang als mit kurzen, drehfreudigen Carvingskiern. Um die Richtung zu ändern, braucht man viel mehr Kraft und einiges Geschick, damit sich die geraden Kanten nicht sofort im weichen Schnee verhaken.

Die Abfahrt auf den langen Brettern führt einerseits auf einem breiten Anfängerhang zur Talstation des Schlepplifts Dieschen, andererseits in die Anfänge des alpinen Skisports. Daniel Müller besitzt eine große Sammlung von historischen Wintersportgeräten, man kann sein kleines Privatmuseum in Summaprada bei Chur nach Anmeldung besichtigen. Und man kann bei ihm Unterricht im Old-School-Skifahren nehmen - ein interessanter Ausflug in die Frühzeit des Wintersports nach dem Motto: "Wedeln wie vor 100 Jahren".

Daniel Müller bringt nicht nur die alten Skier und das entsprechende technische Know-how mit, er ist auch für das Styling und die passenden Anekdoten verantwortlich. Zum "Nostalgie-Paket", das man in Lenzerheide buchen kann, gehört neben den Holzskiern, den historischen Stöcken und den Lederschuhen auch die angemessene Bekleidung. Müller bringt eine Kniebundhose aus Halbleinen mit, dazu Wadenwickel aus grobem Filz, ein Leinensakko, eine Schiebermütze und eine Skibrille aus Leder und Glas zum Umbinden, ein Modell der Schweizer Armee aus dem Jahr 1920. Durch die sogenannte Uhu-Brille sieht der Hang bläulich aus, und aus den Augenwinkeln bemerke ich, wie Wintersportler sich im Lift umdrehen und auf Müller und mich zeigen. Lachen die Leute? Oder schütteln sie den Kopf darüber, wie man sich ohne Helm und ohne TÜV-geprüfte Sicherheitsbedingung auf die Piste wagen kann? Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Mitleid, die uns im Skigebiet von Lenzerheide begegnet. Kinder glotzen uns an, ihre Eltern erklären: "So ist man früher Ski gefahren. Ehrlich! Ganz, ganz früher." Etwa kurz nach der Dinosaurierzeit.

Wintersport war schon immer teuer, besonders in der Schweiz. Für eine Skiausrüstung musste man auch vor 80 Jahren einen halben Monatslohn hinlegen. "1932 hat so ein Paar Skier 36 Franken gekostet", sagt Müller, das war damals sehr viel Geld. Dazu brauchte man noch eine Aufstiegshilfe, die aus Seehundfell hergestellt wurde und ebenfalls mehr als 20 Franken kostete. Skilifte waren zu dieser Zeit etwa so weit verbreitet wie Seehunde in den Alpen. Ein Wintersporttag bestand zu 90 Prozent aus Aufstieg und zu zehn Prozent aus Abfahrt. Bis 1934, als am Bolgen in Davos der erste Bügellift der Welt in Betrieb ging, erfunden vom Zürcher Ingenieur Ernst Gustav Constam. Der erste Lift der Welt stand übrigens in Schollach im Hochschwarzwald, er wurde schon 1904 mit Wasserkraft angetrieben, verfügte aber noch nicht über Bügel.

"In die Knie!" - Wie ging noch mal der Stemmbogen? Unser Autor beim Training.

(Foto: Arnu)

So viele Innovationen wie in den vergangenen Jahren gab es in der Ski-Industrie früher nicht. 1934 kamen die ersten Stahlkanten auf, die ersten Sicherheitsbindungen der Marke Lusser erst 1964. Die Methode, um die Bindung einzustellen, wirkt aus heutiger Sicht wie mittelalterlicher Hokuspokus. Heutzutage berechnet man den so genannten Z-Wert aus dem Gewicht des Fahrers, der Körpergröße, der Sohlenlänge des Schuhs und dem Können. "Damals nahm man am Handgelenk des Skifahrers Maß", sagt Daniel Müller, "je nachdem, wie dick oder dünn es war, stellte man die Bindung fester oder weicher ein."

Daniel Müller hat für seine Sammlung Stücke aus den letzten 100 Jahren des Skisports zusammengetragen. Vieles stammt von Skiklubs, die irgendwann ihre Rumpelkammern aufgeräumt haben, anderes von privaten Dachböden. Manche Exemplare sind überraschend wertvoll: Für einen Schnallenschuh der Marke Molitor, einen der ersten seiner Art, zahlen Sammler bis zu 1000 Franken. Mehr als 150 Paar Skier, dazu Skischuhe, Skibrillen und Skistöcke hat Müller gehortet. Darunter sind auch Skier aus dem Jahr 1909, die so viel wert sind wie mehrere Paar neue Race-Carver.

Bei einem historischen Ski-Treffen in Arosa vor 20 Jahren habe ihn "irgendwie ein Virus erwischt", gesteht Daniel Müller, seitdem könne er nicht mehr aufhören zu sammeln. Es geht ihm nicht nur um die Exponate, es geht ihm auch um die andere Art des Skifahrens. "Früher war man langsamer unterwegs", sagt er, "man musste erst zu Fuß aufsteigen, dann hat man eine Pause gemacht und ist schließlich vorsichtig abgefahren - es gab ja auch keine perfekt gewalzten Pistenautobahnen wie heute." Die Freiheit sei früher viel größer gewesen, das Bergerlebnis intensiver. Heute gehe es ihm viel zu hektisch und zu schnell zu in den Skigebieten.

Auf der Piste, in der Loipe

Die aktuellen Schneehöhen in den Alpen bei Schneehoehen.de.

Old-School-Skifahrer haben im Prinzip die gleiche Sehnsucht nach Entschleunigung wie Genuss-Tourengeher - mit dem Unterschied, dass ihre Ausrüstung eben uralt ist. Das heißt nicht, dass man zwangsläufig alt aussieht mit den historischen Sportgeräten. Je nach Mut und Können ist man genauso schnell unterwegs wie mit modernen Carvern. Wer den Federzug öffnet an der Bindung, hat die Hacken frei und kann versuchen, die Piste im Telemark-Stil hinabzuschwingen. In den dicken, überhaupt nicht atmungsaktiven Klamotten beginnt man dann garantiert schnell zu schwitzen. An Wedeln wie vor 100 Jahren ist aber nicht zu denken. Das schafft nur der Hund, der neben der Piste wartet und sich freut, als die historische Skistunde vorbei ist.

Das "Nostalgie-Paket" mit zwei Übernachtungen und Skikurs für zwei Personen ist über das Hotel Privà Lodge in Lenzerheide buchbar, ab 660 Euro für zwei, www.privalodge.ch; Infos zur Skisammlung von Daniel Müller unter www.holzski.biz.

Es muss ja nicht immer Skifahren sein

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