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Holland ist flach. Wie praktisch für den Niederländer Rob Meurs, der seine Landsleute zum Skifahren ins Sauerland holt. Natürlich inklusive Après-Ski. Die Party endet allerdings um Mitternacht. Gemäß Meurs Überzeugung: "Halb voll reicht auch."

Interview von Stefan Fischer

Winterberg im Sauerland hat bereits mehrere Teilnehmer an Olympischen Winterspielen hervorgebracht: Skispringer, Bobpiloten, Nordische Kombinierer. Regelmäßig finden hier Bob- und Rodel-Weltcuprennen statt. Breitensportler lockt Winterberg aber vor allem wegen des Skigebietes an, das die Betreiber als größtes nördlich der Alpen bezeichnen. Beliebt ist Winterberg vor allem bei im Alpinsport nicht olympiaambitionierten Niederländern. Einer von ihnen, Rob Meurs, lebt seit mehr als 30 Jahren mit seiner Familie in der Stadt und betreibt - überwiegend für seine Landsleute - das Hotel "Der Brabander".

SZ: Herr Meurs, gerade viel los bei Ihnen?

Rob Meurs: Ja! Die Wochenenden Ende Januar, Anfang Februar sind die besten vom ganzen Jahr. Heute allein sind 300 Gäste angereist. Und bald beginnen in Holland die Krokusferien. Erst sind im Süden eine Woche Schulferien, danach im Norden. Diese Wochen sind schon sechs, sieben Monate vorher ausgebucht.

Ist "Der Brabander" eine niederländische Kolonie im Sauerland? Oder haben Sie auch Gäste aus anderen Ländern?

Ein paar andere Leute trauen sich auch her. Fünf oder sechs Prozent unserer Gäste sind Deutsche. Anfangs waren es weniger. Als wir vor 30 Jahren begonnen haben, wollten die Deutschen im eigenen Land nicht unbedingt bei einem holländischen Gastgeber wohnen. Seit 2011 haben wir jedoch eine große Saunalandschaft - seitdem kommen immer mehr deutsche Gäste. Belgier werden für uns auch immer wichtiger. Um die müssen wir am meisten werben. Aber wenn sie einmal kommen, sind sie sehr treu. Sie sind gemütliche, extrem nette Gäste, sehr burgundisch: Sie essen gerne und trinken ein bisschen mehr Bier als die Holländer, auch die Frauen.

Aber Ihre Landsleute können schon auch feiern, oder?

Klar. Vor allem Anfang Januar sind viele junge Partygäste da, auch Gruppen, die sowohl Ski fahren wollen als auch feiern. Direkt neben dem Hotel gibt es dafür eine Spaßbude, unsere Skihütte.

Après-Ski in der Skihütte, die zum Hotel von Rob Meurs gehört. Gefeiert wird in der Spaßbude ab 16 Uhr, mit Pause, um Mitternacht ist Schluss. "Die Leute sind dann nicht besoffen, sondern halb voll, und das reicht auch."

(Foto: Der Brabander)

Wie muss man sich Après-Ski vorstellen in Winterberg? So exzessiv wie in Sölden?

Nein, wir sind mit einem anderen Konzept erfolgreich: Après-Ski beginnt in der Skihütte um 16 Uhr, um 17 Uhr ist es richtig voll, dann sind 500 Leute da. Das geht bis 19 Uhr, dann machen wir Pause. Die Leute gehen zum Abendessen, währenddessen machen wir sauber. Um 21 Uhr sperren wir wieder auf, bis Mitternacht. Die Leute sind dann nicht besoffen, sondern halb voll, und das reicht auch. Es gibt keine Probleme, keine Schlägereien, gar nichts. So mögen wir es: feiern, aber kontrolliert. In die Skihütte kommen übrigens auch viele Einheimische - die staunen dann manchmal, wie viele Besucher da sind.

In Ihrer Spaßbude kommt es also zu niederländisch-deutschen Verbrüderungen?

Ja, und das ist auch gut so. In der Skihütte sind unsere Hotelgäste in der Minderheit. Die Holländer sollen merken, dass sie nicht zu Hause sind, sondern im Sauerland. Auch im Hotel und in den Restaurants. Wir schenken zum Beispiel hauptsächlich deutsches Bier aus. Und klar: Wir haben Bitterballen im Angebot, kleine Fleischbällchen, die typisch sind für Holland - die schmecken übrigens auch den deutschen Gästen sehr gut. Aber wir servieren eben auch Bockwurst, kleine Haxen, Wurst von Metzgern aus dem Sauerland. Viele regionale Produkte und Spezialitäten also. So etwas lieben die Gäste, das ist ja ein großer Trend.

Ist Ihr Personal denn überwiegend niederländisch?

Es arbeiten auch viele Winterberger im Haus. Wir haben knapp 100 Angestellte, die Hälfte kommt von hier, die andere Hälfte sind Niederländer.

Aber wer bei Ihnen arbeitet, muss niederländisch sprechen?

Nein. Beim Frühstück zum Beispiel arbeiten einige deutsche Frauen. Die sprechen kein Niederländisch, aber sie können ein paar Worte: "Goedemorgen" zum Beispiel oder "Goed geslapen?". Das macht den Gästen Spaß - sie sprechen ein bisschen deutsch, die Deutschen ein bisschen niederländisch. Ich mag diesen Mix. Wir sind "Der Brabander", also Leute aus dem Brabant. Aber wir befinden uns im Sauerland.

Was brauchen Ihre Gäste denn, um sich hier wohlzufühlen?

Am allerwichtigsten ist die Freundlichkeit. Zimmer und Essen müssen passen, klar. Entertainment ist wichtig, aber auch, dass es ruhige Ecken gibt. Dazu die Saunalandschaft, der beheizte Außenpool mit Blick auf die Sprungschanze. Wir sagen aber immer: Wir verkaufen keine Zimmer, kein Bier, keine Pommes. Deutsche Kollegen fragen mich oft: Was machst du dann? Unsere Antwort: Wir verkaufen ein Urlaubsgefühl. Jeder Gast kommt hier freiwillig rein und will ein paar Tage verwöhnt werden. Kleine Präsente bei der Abreise sind wichtig und jeden Monat ein Newsletter. Wir wollen die Gäste einbeziehen, wie in einer großen Familie.

Sie haben also viele Stammgäste?

Ja, enorm. Wie viele Sterbeanzeigen wir schon bekommen haben von Gästen, die 25 Mal bei uns waren! Das ist natürlich immer traurig, aber es zeigt uns, dass diese Familien auch uns zu einem Teil ihres Lebens zählen. Wir haben Tausende Gäste, die mehr als zehn Mal bei uns waren. Das ist toll. Wir holen die Leute übrigens auch daheim ab: Inzwischen machen wir 29 eigene Busreisen im Jahr. Wir bringen die Gäste aus den Niederlanden hierher und zeigen ihnen Winterberg und das Sauerland.

Der Holländer Rob Meurs lebt mit Familie - neben seiner Frau Marja sind das vier Kinder und drei Enkel - im Sauerland. Den Landsleuten serviert er deutsches Bier und den Einheimischen holländische Fleischbällchen.

(Foto: Steffi Rost)

Viele Niederländer reisen in die Alpen zum Skifahren. Sind das unterschiedliche Gruppen?

Es sind die gleichen Leute. Sie fahren gerne Ski, oft eine Woche in Österreich und zwischendurch auch ein paar Tage bei uns. Dazu kommen Anfänger, die sich die Alpen nicht zutrauen. Aber viele sagen auch: Wir müssen gar nicht weiter fahren, das Angebot ist hier mittlerweile groß genug.

Wie populär ist Skifahren in den Niederlanden? In den Alpenländern macht man sich durchaus Sorgen um den Nachwuchs.

Die Wirtschaftskrise vor fünf, sechs Jahren haben wir gespürt. Viele Leute haben sich den dritten oder vierten Urlaub gespart - Wintersport ist in der Regel nicht der Haupturlaub. Aber in den vergangenen Jahren ist Winterberg wieder enorm gewachsen. Und wir bieten sehr viel für viel weniger Geld als in Österreich. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist top: Ski zu leihen, kostet 17 Euro am Tag, die Liftkarte 35 Euro, Parken ist kostenlos. Wir haben 34 Pisten, 26 Lifte, Flutlicht, ein Kinderland und vier Skischulen.

Sie betreiben selbst eine Skischule, die einzige niederländische außerhalb der Niederlande.

Das ist wichtig für unsere holländischen Gäste. Weil sie den Skikurs gleich mit dem Aufenthalt buchen können und weil wir 25 holländische Skilehrer für sie haben.

Haben Sie selbst noch Zeit, Ski zu fahren?

Letzte Saison war ich tatsächlich nur ein paar Tage in Serfaus - es ist einfach so viel Arbeit. Aber diesen Winter muss ich unbedingt auch in Winterberg wieder fahren. Ich will den Gästen aus eigener Erfahrung erzählen, wie schön das Gebiet ist.