Neues Flugzeug-Sitzkonzept Schau mir in die Augen, Fremder

Blickkontakt im Flugpreis inbegriffen: Der französische Hersteller Zodiac Aerospace hat eine Sitzreihe mit umgedrehtem Mittelplatz zum Patent angemeldet.

(Foto: Zodiac Aerospace)

Eng, enger, Economy-Class. Fluggesellschaften probieren vieles aus, um mehr Reisende in der Kabine unterzubringen. Ein Konzept lässt den Passagier in der Mitte rückwärts fliegen.

Von Eva Dignös

Die Reisebekanntschaft ist aus der Mode gekommen. Wer braucht noch die gepflegte Plauderei zum Zeitvertreib, wenn er das Entertainmentprogramm immer in der Tasche hat? Der Kontakt zum Sitznachbarn im Flugzeug beschränkt sich auf den sanften Druck gegen dessen Unterarm im hartnäckigen Kampf um die gerechte Aufteilung der gemeinsam genutzten Armlehne.

Das könnte sich ändern, wenn ein Sitzkonzept Wirklichkeit wird, das der französische Konzern Zodiac Aerospace zum Patent angemeldet hat. Das Unternehmen baut Innenausstattungen für Flugzeuge: Küchenmodule, Toiletten, Sitzreihen. Die "Super Business Class" zum Beispiel ist so ein Design, das direkt den Wachträumen eines schlaflosen Economy-Class-Passagiers entsprungen zu sein scheint: ein fliegendes Mini-Wohnzimmer mit Schlafsofa und Großbildschirm. Ach ja, Reisen könnte so schön sein.

Der nun veröffentlichte Entwurf "HD31" dagegen holt den Reisenden auf den harten Boden der Holzklasse zurück, in der die Airlines seit einigen Jahren mit schmaleren Sitzen, weniger Beinfreiheit, dünneren Rückenlehnen oder kleineren Bordküchen um jeden Zentimeter Raumgewinn kämpfen. Das Zodiac-Sitzkonzept ist die nächste Stufe der Raumoptimierung.

Die Planzeichnungen erinnern an Bienenwaben. Dicht an dicht sind kleine Sechsecke ineinander geschachtelt, an einer Seite etwas breiter, dort, wo das menschliche Gesäß naturgemäß eine etwas größere Ausdehnung hat.

Der Clou: Anstatt wie bisher menschliche Breitseiten nebeneinander zu reihen, wechseln schmal und breit einander ab. Das ist das Prinzip Schuhkarton. Schon mal ein Paar Schuhe Absatz neben Absatz hineingestellt? Passt nicht? Eben. Aber Spitze neben Absatz - das funktioniert.

Die Passagiere sitzen deshalb abwechselnd gegen und in Flugrichtung, schmale Knie neben ausladendem Rumpf. Der Hersteller verspricht die Quadratur des Kreises: Die Airline bringt in der Kabine mehr Passagiere unter und die hätten trotzdem mehr Beinfreiheit. Für den Zustieg wird die Sitzfläche hochgeklappt. Ohne Klappsitze und in breiter gibt es so etwas schon: Manche Airlines ordnen in der Business Class die breiten Sessel versetzt zueinander an, spendieren aber auch eine Trennwand für mehr Privatsphäre.

In der Economy Class ist dafür kein Platz. Stattdessen: Blickkontakt. Den Sitznachbarn geflissentlich ignorieren, indem man einfach den Kopf wegdreht - das geht nicht mehr. Denn der sitzt ja nun gegenüber. Und zwar nicht, wie im Zug, mit einem Distanz schaffenden Tisch, sondern ziemlich nah, Oberschenkel an Oberschenkel. Dafür fällt der Kampf um die Armlehne weg. Die Armlehne allerdings auch: In Zodiacs Sitzkonzept ist sie ersatzlos gestrichen.

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Seit Billigflieger den Preiskampf unter den Fluggesellschaften vorantreiben, schrauben die Airlines vor allem auf der Kurzstrecke an den Sitzkonfigurationen in der Kabine, um möglichst viele Passagiere pro Flugzeug von A nach B befördern zu können. Etwa 75 Zentimeter misst der Abstand zwischen den Sitzreihen im Schnitt, auf Langstrecken sind es fünf bis zehn Zentimeter mehr.

Schmalere Sitzflächen machen zusätzliche Plätze möglich: Bis zu elf Personen sollen künftig im Airbus A380 nebeneinander sitzen können. Plätze mit mehr Fußraum, die es zum Beispiel an den Notausgängen immer noch gibt, lassen sich manche Airlines bei der Reservierung extra bezahlen. Oder etablieren eine "Premium Economy" mit höheren Ticketpreisen.

Noch schaffen es nicht alle Ideen für die platzsparende Passagier-Unterbringung bis ins Flugzeug. Halb sitzend, halb stehend, ähnlich wie auf einem Motorroller, wollte ein italienischer Sitzhersteller die Fluggäste platzieren. Und auch der Stehplatz über den Wolken wird immer wieder diskutiert, bisher aber nicht realisiert.

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Und dann wäre da noch das Gepäckproblem: Mehr Passagiere tragen mehr Koffer ins Flugzeug. Gerade auf kürzeren Strecken wird der Kampf um die Gepäckfächer mit harten Bandagen ausgefochten. Doch der Versuch des Weltluftfahrtverbandes IATA, die Maximalgröße für Handgepäck zu reduzieren, sorgte kürzlich umgehend für Protest. Mit Erfolg: Der Vorschlag soll jetzt noch einmal überarbeitet werden. Kleine Sitze, aber dafür große Gepäckfächer - vielleicht ist das die Zukunft. Dann reist wenigstens der Koffer bequem.

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