Neue Tourismusstrategie für Griechenland All you can greek

Mehr "Greekness" wollen die Tourismus-Strategen dem Urlauber bieten. Das kann ja nett werden.

(Foto: Louisa Gouliamaki/AFP)

All-inclusive-Hotels entfremden Touristen und Einheimische, findet die neue Regierung in Athen. Sie will für mehr Griechenland-Gefühl im Urlaub sorgen. Weniger Freibier am Pool also? Britische Zeitungen sorgen sich schon um den Vollrausch.

Von Christiane Schlötzer

Der Winter verwöhnt Athen in diesen Tagen, auch am Abend fällt das Thermometer selten unter zehn Grad. Auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament ziehen Skater ihre Schleifen. Ein Springbrunnen leuchtet in Rosa, dann in Türkis. Der neue Premier Alexis Tsipras hat die Sperrgitter vor dem Abgeordnetenhaus abbauen lassen, sie sollten Demonstranten fernhalten. Die Regierung rechnet derzeit nicht mit Volksaufständen. Erschöpft, aber friedlich wirkt die griechische Hauptstadt nach dem epochalen Regierungswechsel.

Das Büro von Andreas Andreadis liegt nur wenige Schritte vom Syntagma entfernt. Der Chef der griechischen Tourismusvereinigung SETE wird nun viel gefragt, ob er sich vor Tsipras fürchte. Schließlich missfällt dessen Linkspartei Syriza ein auch in Griechenland recht erfolgreiches Geschäftsmodell: der All-inclusive-Tourismus. Tsipras hatte vor der Wahl gewettert, solche Angebote würden die Gäste von den Einheimischen "entfremden", und der lokalen Wirtschaft schade es auch, wenn Touristen keinen Fuß in die örtliche Taverne setzen, weil sie an der Hotelbar alles umsonst kriegen. Andreadis war alarmiert, als er erstmals, vor etwa zwei Jahren, mit Syriza-Leuten über deren Tourismus-Konzepte sprach: "Das klang nach Sowjetunion."

Der Tourismusmanager aber dämpft nun die Erregung: Keine Regierung könne einem Hotelbesitzer vorschreiben, "wie viel Kaffee er seinen Gästen serviert". Der SETE-Chef setzt auf einen Lernprozess bei den Neuen - und in der eigenen Branche. "Wir können auch ein griechisches All-inclusive schaffen, mit Tavernen-Besuchen und mehr griechischen Produkten auf dem Hotelbuffet", sagt Andreadis. Kleine Familienhotels könnten in größere Angebote eingebunden werden. Ferien inklusiv mit griechischem Familienanschluss also. "Oder im Fünf-Sterne-Hotel mit Lokalkolorit, aber ohne Plastik-all-inclusive." Mach aus der Not eine Tugend, ist das neue Motto. "So betonen wir die Greekness", sagt Andreadis.

Elegant die Kurve genommen

Ob das die vielen jungen Briten interessiert, die gern Kreta oder Kos inklusive Vollrausch buchen? Die britische Daily Mail fürchtet schon um den beliebten "Familienurlaub" am "All-you-can-eat"-Buffet und um "unlimited drinks by the pool". Die Vereinigung der Britischen Reiseagenturen warnte bereits, britische Urlauber könnten auch in die Türkei oder nach Ägypten abwandern.

Erleichtert hat Andreadis deshalb zur Kenntnis genommen, dass das Tourismus-Ressort in der neuen Regierung keinem Syriza-Mann anvertraut wurde, sondern einen Frau aus den Reihen der Rechtspopulisten: Elena Kountoura. Die Politikerin, die bereits als Leichtathletin und als Modell auf dem Laufsteg Karriere gemacht hat, hat auch schon elegant die Kurve genommen. Es werde "keine Schritte" gegen Pauschalurlaube in Griechenland geben, ließ sie verlauten, allenfalls eine "qualitative Verbesserung" solcher Angebote.

Kountoura ist Vizeministerin im neuen Superressort für Wirtschaft, Infrastruktur und Seefahrt, ein eigenes Tourismus-Ministerium gibt es in der verschlankten Regierung nicht mehr, was Andreadis bedauert. Aber an der Politik der alten Regierung gefiel ihm auch nicht alles. Zuletzt hatte der nun abgewählte konservative Premier Antonis Samaras noch die Idee, die Mehrwertsteuer für Hotelübernachtungen von 6,5 auf 13 Prozent zu erhöhen, weil die Kreditgeber Griechenlands dringend zusätzliche Einnahmen oder neue Sparmaßnahmen verlangten.

Seit 2009 haben sich die Steuern im Gastgewerbe so oft geändert, dass man sich die Sprünge kaum noch merken kann: von neun auf zehn Prozent, dann auf elf (für Übernachtung und Essen), schließlich auf 13 Prozent für Restaurants, aber zurück auf 6,5 Prozent fürs Bett. Eine Weile wurden auf Tavernen-Rechnungen gar 23 Prozent draufgeschlagen, 2013 waren es dann wieder 13 Prozent. Das bringt Reiseveranstalter ins Schleudern, schließlich müssen sie ihre Preise im Voraus kalkulieren. "In der Türkei haben sie seit zehn Jahren acht Prozent Mehrwertsteuer", sagt Andreadis.

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Trotz alledem war 2014 ein goldenes Jahr für den Tourismus in Griechenland. Erstmals "seit 100 Jahren", so jubelte der Präsident der Vereinigung der Hotelbesitzer, Giorgos Tsakiris, in Kathimerini, habe die Zahl der Hotels und Campingplätze die Marke von 10 000 erreicht. Die Zahl der Gäste aus dem Ausland stieg um gut 22 Prozent, auf 24 Millionen.

Auf die breite Masse eher anspruchsloser einheimischer Urlauber können viele Hoteliers nicht mehr zählen. Weniger als die Hälfte der Griechen können sich noch einen Urlaub leisten. Dafür kommen immer mehr Gäste aus den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Das hat viele Hoteliers zum Umdenken gebracht. Sie haben ihren Service verbessert, und vielerorts können sich die Gäste auch über gesunkene Tavernen-Preise freuen. Der Umsatz in der Branche erreichte erstmals über 13 Milliarden Euro. Nur knapp 15 Prozent davon macht der All-inclusive-Urlaub aus.

Aber Hoffnungen auf ein weiteres steiles Wachstum könnten sich zerschlagen. Die neue Regierung hat schon die geplante Privatisierung von 14 Regionalflughäfen auf Eis gelegt. Darunter befindet sich auch der Airport von Heraklion auf Kreta. "Der ist längst an der Kapazitätsgrenze angekommen", sagt Andreadis. Auch den Hafen von Piräus, den größten des Landes, möchte die Regierung nun nicht weiter privatisieren. "Da gibt es nicht mal einen Trolley fürs Gepäck, wenn sie mit dem Schiff ankommen", schimpft Andreadis.

Nach griechischen Medienberichten wurden kurz vor der Parlamentswahl Investitionen in Großprojekte - darunter auch Hotelanlagen - für mehr als zehn Milliarden Euro erst einmal gestoppt. Die Investoren aus dem In- und Ausland warten die Signale aus Athen ab. Auch die Ängste, Griechenland könnte doch noch aus der Euro-Zone fallen, sind noch nicht verflogen. Andreadis aber ist sicher: "Dies kann sich keine griechische Regierung leisten, sonst stürzt sie am nächsten Tag."

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