Nessie im Loch Ness in Schottland Ungeheuer wertvoll

Das erste Mal wurde das Ungeheuer von Loch Ness angeblich vor 80 Jahren gesichtet, von einer Hotelbesitzerin. Nun wertet ein Forscher tausend Berichte von Zeugen aus: Ein Großteil von ihnen profitiert ebenfalls von Nessie.

Von Katja Schnitzler

Während andere Länder Pharaonenschätze ausgraben oder sich mit immer höheren Wolkenkratzern übertreffen, um Touristen anzulocken, hat Schottland den Urlaubern nur eine zugegebenermaßen malerische Natur zu bieten, garniert mit Schlössern und Ruinen, sowie den eher kontraproduktiven Ruf eines ständigen Feuchtgebietes.

Kurz, Schottland stand nicht allzu weit oben auf der Liste der beliebtesten Reiseziel. Bis zum April 1933. Damals glaubte Aldie Mackay - Besitzerin des Drumnadrochit Hotels, das heute Teil des Loch Ness Zentrums ist - das Ungeheuer zu sehen. Sie saß mit ihrem Gatten im Auto, als sie im See etwas großes Schwarzes zu erblicken meinte, das Wasser sei daran herabgeströmt. Das Vieh schwamm dekorativ einmal im Kreis und tauchte dann ab ins Reich der Legenden. Dies war die erste einer Vielzahl von Sichtungen in der Neuzeit (Gerüchte über ein Seeungeheuer gab es seit dem Mittelalter). Und die erste, über die das Lokalblatt Inverness Courier berichtete.

Der Autor des Artikels war zugleich als Verwalter zuständig für den See. Der Bericht löste eine neue Art des Tourismus aus: Urlauber strömten zum Loch Ness, ebenso mal mehr, mal weniger ernsthafte Forscher. Es wurden Beweisfotos gemacht, als Fälschungen angezweifelt und bloßgestellt.

Dabei, äußert ein Wissenschaftler nun vorsichtig, könnte das Ungeheuer von Loch Ness an sich eine Erfindung sein - und zwar von Hotelbesitzern. Bevor es Sie vor Staunen von den Sitzen reißt: Wie gesagt, es ist nur eine Andeutung.

Charles Paxton von der schottischen Universität St Andrew's arbeitet sich laut einem Bericht der BBC derzeit durch tausend Aussagen von Zeugen, die Nessie gesehen haben wollen: Darunter waren Polizisten, Bankmanager, Studenten, Waldarbeiter, Fischer. Aber ein Großteil, sagte Paxton der BBC, sei Café- und Hotelbesitzer am See - so auch die erste Augenzeugin.

Trotzdem ist heute nicht nur Nessie weltbekannt, sondern auch der zugehörige See und Schottland gleich mit dazu. Und während manche Spuk-Hotels im Nachhinein lieber nichts über das Hausgespenst erzählt hätten, weil die Gäste in den gruseligen Zimmern keinen Schlaf mehr fanden, erwies sich Nessie als Glücksfall: "Soweit ich weiß, gibt es seit Anbeginn des Tourismus keine größere Erfolgsgeschichte im Königreich, bei der eine ganze Urlaubsindustrie mitten im Nirgendwo erschaffen wurde."

Dies sagt - ebenfalls im Inverness Courier - ein zufriedener Anwohner und Verantwortlicher für das Loch Ness Marketing, Willie Cameron. Ihn stört es nicht, dass es noch immer keinen Beweis für die Existenz des Ungeheuers gibt. Warum auch?

Das Phänomen ziehe jährlich eine Million Touristen an, "das bringt der hiesigen Wirtschaft 25 Millionen Pfund", sagte Cameron. Angesichts dieser Zahlen wünschten sich die Anwohner der benachbarten Lochs Morar, Oych und Lochy (heißt tatsächlich so) auch werbewirksame Seemonster.

Nun soll im Loch Lochy die kleine Schwester des berühmten Monsters "Nessie" hin und wieder auftauchen, sie heißt dem See entsprechend "Lizzie". Und auch Loch Oich und Loch Morar hätten mit einem weiteren Nessie-Verwandten, "Wee Oichy", und einer nixenähnlichen Kreatur, genannt Morag, das Potential zur Sehenswürdigkeit. Doch gegen Nessie kommen diese Monster einfach nicht an. Vielleicht sind sie einfach zu zurückhaltend vor Publikum, dabei warten am Seeufer bestimmt bereitwillige Augenzeugen.

Wobei selbst Forscher Paxton der Meinung ist, dass die meisten Menschen wirklich glauben, etwas im See gesehen zu haben - und zwar mehr als nur wirtschaftlichen Aufschwung. Letztlich, so Paxton, sage die Auswertung der Protokolle mehr über uns selbst und die Glaubwürdigkeit von Zeugen aus als darüber, ob im Loch Ness wirklich ein Monster lebe.

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