Nachhaltiges Wirtschaften im Mühlviertel Für ein besseres Leben

Biobetriebe prägen das Mühlviertel. Manche setzen auf wild wachsende oder fast vergessene Pflanzen. Gemeinsames Anliegen ist den Erzeugern und Landwirten der schonende Umgang mit der Natur und der Landschaft.

Von Stephanie Schmidt

Zum Abendessen wird Christine Stummer ihrem Mann Brennnesselrolle mit Frischkäse und farbigen Blüten servieren. "Das ist eine grüne Biskuitroulade, aber salzig", erklärt die Biolandwirtin. Davor wird sie eine kleine Wanderung machen, "weil ich mal wieder was für die Kondition tun muss". Christine Stummer möchte auf den 1077 Meter hohen Bärenstein - für die Bewohner des nördlichen Mühlviertels ist er der Hausberg, man erreicht den Gipfel vom Gasthof Panyhaus in einer guten halben Stunde. Von früh bis spät sind die Kräuterbäuerin und ihr Mann Alfred mit Anbau, Pflege und Verarbeitung ihrer wild wachsenden und kultivierten Pflanzen beschäftigt. Gemeinsam betreiben sie die Kräuteralm Klaffer am Hochficht im Norden des Mühlviertels und pflegen die umliegenden fünf Hektar Land. Das Mühlviertel erstreckt sich nördlich der Donau bis nach Südböhmen an die Grenze zu Tschechien, im Osten liegt Niederösterreich, im Westen Bayern. Es umfasst eine Fläche von gut 3000 Quadratkilometern und damit etwa ein Viertel des Bundeslands Oberösterreich.

Viertausend Biobetriebe gibt es in Oberösterreich, die Hälfte davon im Mühlviertel

Wie oft die Kräuterexpertin schon auf dem Bärenstein war? So oft, dass sie es nicht mehr sagen kann. Die Wanderung mit Ausblick auf den Lipnostausee in Tschechien ist Teil des Wegs der Entschleunigung, eines Rundwanderwegs, bei dem man in einer knappen Woche den Böhmerwald im nördlichen Mühlviertel erkunden kann. Entschleunigung - dieser Begriff passt für das gesamte Mühlviertel, das arm an Industrie und reich an Wäldern, Wiesen, Burgen und Bächen ist. Die sanfte Hügellandschaft mit zahlreichen Weilern und kleinen landwirtschaftlichen Betrieben zieht Naturliebhaber an, die umweltschonend und auf individuelle Art verarbeiten wollen, was hier wächst. Vierzig Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe sind Biobauernhöfe, heißt es übereinstimmend bei verschiedenen lokalen Tourismusverbänden. Insgesamt gibt es 4000 Biobetriebe in Oberösterreich, die Hälfte davon befindet sich im Mühlviertel.

Allein auf den Wiesen, die das Anwesen von Christine und Alfred Stummer umgeben, haben die beiden circa 350 Kräuter ausfindig gemacht. "Probieren Sie mal die Löwenzahnoliven", sagt Christine Stummer und pflückt eine Löwenzahnknospe. Aus Kräutern und Gemüse bereitet sie Aufstriche, Marmeladen, Tees und Tinkturen. "Vogelmiere eignet sich auch für Dips, Frauenmantel kann man auch für Salate verwenden", erklärt die 58-Jährige.

Das Paar steht oft lange vor Morgengrauen auf. "Manche Kräuter müssen wir vor Sonnenaufgang ernten, damit sie optimal schmecken", erklärt Christine Stummer. "Wir sehen das nicht als Arbeit, für uns ist es unser Leben", sagt Alfred Stummer. Es ist ihr neues Leben. Vor knapp zehn Jahren stiegen der 57-Jährige und seine Frau aus ihren Jobs aus; er hatte ein Werbebüro, sie war Führungskraft in einer Behörde. "Meine ehemaligen Kolleginnen hatten mich für verrückt erklärt", erzählt Christine Stummer. "Aber die Entscheidung war genau richtig, ich bereue nichts", sagt die Biolandwirtin mit fester Stimme. Sie absolvierte eine Ausbildung als Kräuterpädagogin. "Wir wollen unsere Art des Lebens an andere weitergeben", sagt sie. Wiesenschaumkraut, Breitwegerich, Madonnenlilienblüte - woran man solche Pflanzen erkennt, erklärt die Expertin den Teilnehmern ihrer Kräuterwanderungen.

Der Kauf der auf 800 Metern Höhe gelegene Alm glückte, weil die Gemeinde Klaffer sich als Vermittlerin einschaltete - sie hat sich als "Kräuter-Gemeinde" positioniert und sieht hier Unternehmer gerne, die sich auf diesem Gebiet engagieren. Das ganze Jahr über bietet die Kommune Veranstaltungen zu Themen wie Gesundheit, Kosmetik und Kulinarik mit Kräutern an. Die Passion für Wildpflanzen hat auch nahe gelegene Ortschaften erfasst: Die Böhmerwaldschule in Ulrichsberg bringt Interessenten die Schätze des Waldes näher. Weiter im Osten des Mühlviertels liegt das Kräuterdorf Hirschbach, das mit ähnlichen Angeboten aufwartet wie die Gemeinde Klaffer.

Die Stummers schätzen besonders die Brennnessel. "Wir düngen nur mit Pflanzenjauche, gut ist dafür Beinwell oder Brennnessel", erklärt Alfred Stummer. "Drei- bis viermal die Woche gibt's bei uns ein Gericht mit Brennnesseln", verrät seine Frau. Sie schwört auf eine kaum bekannte Wirkung der behaarten Pflanze: "Ich kenne einen Brennnesseltrank, der ein toller Muntermacher ist, da die Pflanze Eisen enthält. Man braucht keinen Kaffee, um wach zu werden."

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Fünfblättrige Blüten hat eine der Lieblingspflanzen von Judith Rabeder: Flachs. Sie war im Marketing tätig, ihr Mann Günther leitete eine Internetagentur, bevor sie beide Biolandwirte auf dem elterlichen Betrieb oberhalb des kleinen Ortes Niederwaldkirchen im Bezirk Rohrbach wurden. Felder voller hellblauer Blüten sind typisch für das Mühlviertel; in der Umgebung von Niederwaldkirchen blüht der Flachs meist Ende Juni. Aus der Pflanze kann man Leinen weben, aus den Samen Öl gewinnen. "Früher gab es in dieser Gegend viele Leinenwebereien. Leinsamen waren das Nebenprodukt", sagt Judith Rabeder. Für das Paar sind sie das Hauptprodukt. Es stellt feine Öle für die kalte Küche her. Neben kalt gepresstem Leinöl erzeugen die Rabeders unter anderem Leindotter-Öl. Es schmeckt nach Brokkoli. Oder doch nach Kohlrabi? "Leindotter galt früher als Unkraut, es wächst zwischen dem Flachs", sagt sie. "Als wir vor fünf Jahren mit unserer Biolandwirtschaft angefangen haben, hatten wir den Eindruck, dass Bedarf an Leinöl da ist. Man hat aber zu der Zeit wenig Flachs bei uns angebaut. Leinöl ist reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Und Flachs ist eine genügsame Pflanze, die kargen Böden in der Gegend sind gut für sie geeignet", erklärt sie.

Einige ihrer Öle verarbeiten die Rabeders selbst, andere lassen sie in der Steiermark pressen und füllen sie auf ihrem Hof in Flaschen ab. Sie bauen alle Rohstoffe selbst an, außerdem kooperieren sie mit 25 Biobauern, die sich auf den Anbau von Ölsaaten spezialisiert haben, dafür 70 Hektar Ackerfläche bewirtschaften und ihnen zum Beispiel Mohn oder Hanf liefern. Hanföl schmeckt erst nach Nüssen, dann nach Heu. "Das passt gut zu Fleisch", erklärt die 40 Jahre alte Biolandwirtin. "Und Kartoffelpüree kann man mit Leinöl verfeinern."

Seit drei Jahren bieten die Rabeders ihre Öle unter dem Markennamen "Farmgoodies" an. Sie wollen noch wachsen und sich nicht auf Öle beschränken - eine Farm bietet ja auch andere Leckereien. Seit Kurzem haben sie auch zwei Senfsorten im Sortiment, einen süßen und einen scharfen. Mit Blick auf das benachbarte Bayern und verschmitztem Lächeln sagt Judith Rabeder: "Der süße Senf passt übrigens auch sehr gut zur Weißwurst."