Mittelamerika Costa Rica: Naturwunder mit ehrgeizigen Klimazielen

Der Wald ist der große Schatz Costa Ricas. Mehr als die Hälfte der Fläche versteckt sich unter Baumkronen.

(Foto: dpa)

Das Land setzt auf Ökotourismus und will der erste CO2-neutrale Staat der Welt werden. Aber ohne Auto geht's dann doch nicht.

Von Anja Martin

Er quakt nicht, glotzt die nächtlichen Besucher mit leuchtend roten Augen an. Nicht ahnend, dass er als eine Art Nationaltier Costa Ricas durch die ganze Palette von Souvenirs und Postkarten hüpft, mit denen das Land beworben wird. Momentan guckt er über ein Blatt ins Taschenlampenlicht. Dahinter Otto Méndez. Er hat den Fröschen dieses Biotop geschaffen. Der Landwirt, Landschaftsbauer und Umweltschützer weiß, was die Tiere mögen. Etwa das stehende Wasser der Bromelien, kleine Teiche, große Blätter.

Das hier ist kein Tierpark, es ist einfach ein Garten nach ihrem Geschmack. Elf Froscharten kann Otto in dieser Nacht vorzeigen - vom kronkorkenkleinen Blue Jeans Dart Frog bis zum riesigen Ochsenfrosch, ein Spiegel für die nationale Vielfalt. Aber warum Frösche? Es könnten ja auch Affen, Tukane oder Schmetterlinge sein oder was Costa Rica sonst noch aufweisen kann. "Sie leiden am stärksten unter dem Klimawandel", sagt Otto. Er kämpft im Kleinen für eine intakte Umwelt.

Costa Rica (für die Reise - Autorin: Anja Martin) Otto Méndez, aufgenommen an seiner Bar auf der Terrasse seines Hauses.

(Foto: Anja Martin)

Mögen es früher Bananen und Kaffee gewesen sein, so kennt man Costa Rica heute für seine Natur. Laut einer Umfrage der Tourismusbehörde gaben 2014 knapp 50 Prozent der Urlauber Naturbeobachtung als eine ihrer Hauptaktivitäten an. Viele Klimazonen, dichter Regenwald und allenthalben Tiere, farbig und laut. Es piept und kreischt und brüllt. Und das nicht nur auf Wanderwegen. Leguane kreuzen durch den Swimmingpool, Langschwanzhäher stibitzen den Frühstückstoast, Faultiere hängen wie Fellkugeln in den Bäumen und Brüllaffen lassen einem das Blut gefrieren.

Fünf Prozent des Artenreichtums der Erde sollen im Land beheimatet sein. Umso härter trifft es die Klimaerwärmung. Der Nebelwald von Monteverde verändert sich zum Regenwald, was dem berühmten Quetzal-Vogel nicht gefällt, und die Touristen fragen selbst im Hochland nach Klimaanlagen. An den Küsten spült das Meer den Strand weg, und das Wetter schlägt Kapriolen. Vielleicht hat sich Costa Rica deshalb ein so hohes Ziel gesetzt: Es will bis 2021 CO₂-neutral sein - als erster Staat der Welt.

Der Strom kommt vor allem aus Wasserkraftwerken, doch die lehnen viele Umweltschützer ab

Was die Stromproduktion angeht, ist man schon sehr weit. Im vergangenen Jahr hat Costa Rica seine Energie zu 99 Prozent aus erneuerbaren Quellen gewonnen - aus Geothermie, Wind- und Wasserkraft, wobei Letztere mit fast 70 Prozent überwiegt. Und genau das ist das Problem. Jedenfalls für Méndez und viele Mitstreiter. Die grauen, langen Haare zu einem dünnen Zopf geflochten, steht er auf einer der vielen Brücken des bergigen, vulkanbestandenen Landesinneren und zeigt hinunter auf einen schwächlichen Rio La Esperanza. "Meine Kinder haben hier Schwimmen gelernt, außer der Jüngsten. Der mussten wir es im Schwimmbad beibringen."

Zehn Wasserkraftwerke entstanden in 15 Kilometern Umkreis um sein Zuhause. Manche Flüsse werden drei oder vier Mal während ihres Laufs gestaut. Der Eingriff ins Ökosystem ist erheblich. Und Tiere wie auch Menschen müssen ohne Fluss auskommen, der nun in Röhren und hinter Zäunen fließt. "Das ist keine saubere Energie", sagt Méndez. Er hofft auf ein Einsehen der Regierung. Erste Anzeichen der Besserung gibt es. So dürfen ab April erstmals Privatleute ihren Solarstrom ins Netz einspeisen.

Ein paar Kilometer Hoppelpiste weiter oben, verborgen im Wald: eine Lodge, die schon fast CO₂-negativ sein müsste. Bei der Errichtung der La Tigra Rainforest Lodge wurde kein Benzin verbraucht, um Ziegel oder Möbel herbeizuschaffen, alles wurde aus dem Holz der Bäume gefertigt, die hier vor 15 Jahren gepflanzt worden waren. Ganz bewusst verwendeten die Tischler den kompletten Baum, samt Ästen, aus denen man Türgriffe oder Garderoben schnitt. Kein künstliches Licht beleuchtet die Wege. "In den Bäumen treffen sich die Vögel. Das würden sie mit Laternen davor sicher nicht mehr tun", meint Gelbert Lobo, einer von sechs Besitzern der Lodge, zu denen auch Otto Méndez gehört und der deutsche Reiseveranstalter Travel to Nature.