Kulturhauptstadt Valletta sucht sich selbst

Bunte Holzbalkone schmücken die Häuser in der Battery Street, eine der typischen Altstadtstraßen von Valletta.

(Foto: Malcolm Debono)

Zwischen Tourismusboom und Korruption: Die vielfältigen Aktivitäten in der kleinsten Hauptstadt eines EU-Landes spiegeln die schwierige Situation Maltas wider.

Von Viktoria Großmann

Der Abstieg beginnt am zentralen Kirchenvorplatz in Maltas Hauptstadt Valletta. Ein Loch im Boden, eine improvisierte, steile Metalltreppe. Der Abgrund, der sich hier auftut, wirkt so tief wie die St. John's Co-Cathedral hoch ist, ein Gewölbe mit Bögen, Geländern, Treppen. Der jahrhundertealte Raum, aus Anlass des Kulturhauptstadtjahres wieder geöffnet, ist Teil einer unterirdischen Stadt. Die Ritter vom Orden des Heiligen Johannes, kurz Malteserritter, schufen unter der Erde Verstecke, Fluchtwege, Vorratsräume und Wasserspeicher. Jetzt hallen abwechselnd der Klang einer Glocke und die Stimme der schottischen Künstlerin und Turner-Preisträgerin Susan Philipsz durch die Zisterne. Sie singt den Leonard-Cohen-Song "Who by Fire". So heißt auch diese Arbeit.

Die Zisterne ist nicht der einzige unterirdische Raum, der nun geöffnet und neu genutzt wird. Erklärtes Ziel ist es, sich in diesem Kulturhauptstadtjahr selbst auf die Spur zu kommen, sich der eigenen Kultur und Geschichte zu stellen. Und das in einer problematischen Gegenwart, in der Korruption, Machtmissbrauch und die Verfolgung von Kritikern die Menschen in Malta beschäftigen.

Gedenken an Daphne Caruana Galizia

Kein Ort könnte für den Beginn dieser neuen Selbstsuche geeigneter sein als dieser Platz zwischen dem Gerichtshof und der St. John's Co-Cathedral direkt an der Hauptstraße Vallettas. Hier haben einige Malteser einen Gedenkort für die im Oktober ermordete Journalistin Daphne Caruana Galizia aufgebaut, die gegen die politischen Zustände anschrieb. Touristen stehen an, für den Besuch der Kirche mit ihren zwei Caravaggio-Gemälden. Oder für ein Eis an der Ecke. Straßenhändler und Musiker schlagen ihre Stände auf. Der Bretterverschlag, der auf die unterirdische Kunstinstallation hinweist, geht beinahe unter.

"Wir haben die Diskussion über unsere kulturelle Identität schon verpasst", sagt der Architekt David Felice. Er hat 2012 als Chef des Organisationsteams Valletta den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2018 geholt. Weil der so furchtbar lang ist, sagen die Malteser nur V18. 2013 wurden Felice und sein Team ausgetauscht - was im Verlauf der Vorbereitungen von Kulturhauptstadtjahren nicht ungewöhnlich ist. Eine neues Parlament war gewählt worden, die Labour Party regiert seither. Felice hofft nun vor allem, dass am Ende etwas bleibt von diesem Jahr - für die Malteser. Er wollte die Kulturlandschaft voranbringen, ihr Spiel- und Ausstellungsorte geben, Selbstbewusstsein. "Unsere Künstler sollen Teil eines internationalen Netzwerks werden", sagt er. Und nun ist das Kunstmuseum geschlossen und das neue noch nicht fertig.

Die Urlauber lassen sich von den Negativ-Berichten nicht abschrecken

"Das Jahr ist eine Chance für die Malteser, mehr über sich selbst zu lernen", sagt Francesca Giuliano von der Tourismusbehörde. Als typische Malteserin hat sie sowohl sizilianische wie britische Wurzeln. Als ihre Muttersprache betrachtet sie das Malti, das mit seiner arabischen Grammatik und seinem diversen europäischen Sprachen entliehenen Vokabular die reiche Geschichte des Landes widerspiegelt. Sie sorgt sich um diese Sprache. "Es werden kaum Bücher auf Maltesisch geschrieben", sagt sie bedauernd.

Doch sie freut sich über den rasanten Aufschwung, den der Inselstaat nimmt. Auch der Tourismusboom ist ungebrochen, trotz der negativen Schlagzeilen der vergangenen Monate. "Die Hotels sind ausgebucht bis Oktober", sagt Giuliano, "wir bekommen keine Gruppen mehr unter." Seit dem Jahr 2010 hat sich die Besucherzahl auf etwa 2,5 Millionen Menschen pro Jahr verdoppelt. Sicherheit war stets eines der Hauptargumente für einen Urlaub auf den Inseln. Und nun, nach dem Mord?

Ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit scheint es weder bei den Einheimischen noch bei den Touristen zu geben. Tatsächlich hat sich an dem, was für Touristen wichtig ist, nichts geändert: Von der Kriminalität im großen Stil spüren sie nichts, Malta ist keine Hochburg der Taschendiebe. Händler und Verkäufer lassen einen in Ruhe bis zur Unachtsamkeit. Dass man über den Tisch gezogen wird, kann höchstens passieren, wenn man sich für das falsche Taxi entscheidet. Und Frauen, denen die Anmache in anderen Mittelmeerländern auch mal zu viel wird, hatten derartiges in Malta nie zu befürchten.

Handtaschen festhalten

Von Kleinkriminellen abgesehen gilt Malta als sicheres Land für Touristen. Es reicht die überall geltende Vorsicht beim Ausgehen oder Busfahren. Von Viktoria Großmann mehr ...

Dass Malta nicht Lummerland ist, hat nun jeder mitbekommen. Man muss nicht groß nach Daphne Caruana Galizia fragen. Die Malteser sprechen auch so von ihr. Eine neue Regierung müsse eben her, heißt es dann meist. Was viele zurzeit mehr aufregt, ist, dass in der Woche vor Pfingsten ein 17-Jähriger bei einer Verkehrskontrolle einen Polizisten überfahren und schwer verletzt hat. Es gab große Beileidsbekundungen in Valletta, Demonstranten lobten die Polizei. Die Insel verändert sich. Die Malteser scheinen es mit Sorge und Hoffnung zugleich zu beobachten. Vom Taxifahrer bis zum V18-Helfer aber steht am Ende immer die Beteuerung: Zuwanderung ist gut.