"Das hier ist der wahre Omeletteman", sagt der Sohn, zeigt auf den Vater, dann deutet er rüber zum Zigarettenladen des Bruders, zum Hotel des anderen Bruders. Sie haben sich ihr ganzes Leben um den Vater herum aufgebaut. Wer Durst bekommt oder eine rauchen will zum Omelette - es bleibt in der Familie.
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So ist das mit dem Lonely Planet. 1973 erschien der erste Reiseführer des australischen Ehepaares Wheeler, Nebenprodukt einer langen Reise quer durch Asien. 1981 kam der Lonely Planet India raus und wurde sofort zum Bestseller. Der Rest ist Legende, es heißt, dass Bill Gates nur zwei Leute treffen wollte, als er nach Australien kam: den Premierminister - und Tony Wheeler.
Oben im Norden, in Kaschmir, da hat der Lonely Planet India jetzt wieder mal alles auf den Kopf gestellt. Dort mussten sie den Schrein eines muslimischen Heiligen für Ausländer schließen. Sie wussten sich nicht mehr anders zu helfen. Ein winziger Schrein, und so ein großes Durcheinander. Grund ist ein kleiner Text in der neuesten Ausgabe des Lonely Planet India: "Jesus in Kaschmir?" Das war es.
Der Imam des Rozabal-Schreins kann sich nicht erinnern, jemals so viele Touristen gesehen zu haben. Sie rannten ihm das winzige, grüne Häuschen fast ein. Und alles nur, weil jetzt auch in diesem Reiseführer stand, was schon seit mehr als 100 Jahren als Gerücht kursiert: Dass Jesus Christus in Indien begraben wurde. Und zwar genau in diesem kleinen Schrein. 1890 berichtete ein russischer Reisender das erste Mal davon. Nach ihm unzählige andere, Verschwörungstheoretiker, Autoren, Reisende. Aber jetzt steht es im Lonely Planet India, Seite 290, in millionenfacher Auflage, in allen Sprachen. Jetzt ist es ein Problem.
Gawlani lacht, haut Eier in die Pfanne für ein Plain-Butter-Omelette. Oh ja, er kennt das, da ging es ihm wie dem Heiligen da oben im Norden. Ihm hat es auch von einem Tag auf den anderen das Leben durcheinandergehauen, weil irgendwo weit weg in Australien jemand ein paar Zeilen geschrieben hat. Nie hat er an die Macht der Worte geglaubt. Jetzt bleibt ihm nichts anderes übrig. Mächtiger können Worte nicht werden, oder?
Der Mann, den die Welt nur noch Omeletteman nennt, steht auf einem Schemel, damit er hineinsehen kann in die Pfanne, sein Kittel ist voller Fett. Er sieht müde aus. Die Söhne blättern durch Hunderte Fotos, die den Vater zeigen, umarmt von Chinesen, Deutschen, Italienern, Koreanern. Thank you Mr. Omeletteman.
Im neuesten Lonely Planet India steht jetzt übrigens, dass Ramkishan Gawlani mehrere tausend Eier am Tag verarbeitet. Warum er so viele Eier braucht, steht allerdings nicht drin.
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(SZ vom 20.05.2010/beu)
Berliner Zeitung
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