London von oben Schöne Aussicht, gutes Essen

Guy de Maupassant genoss bei seinen Eiffelturm-Besuchen nicht nur eine schöne Aussicht, sondern vermutlich auch eine gute Mahlzeit. Diese Kombination bietet London an diversen Orten. Ein Fenstertisch im Portrait Restaurant der National Portrait Gallery etwa ist zugleich ein Logenplatz zur Betrachtung der Taubenmassen, die Nelson's Column umflattern. Die beste Fernsicht inklusive (Bar-)Menü hat man von der Vertigo 42 Champagner Bar aus. Sie liegt im 42. Stock des sogenannten Tower 42, einem architektonisch nichtssagenden Wolkenkratzer in der City. Die Hochhäuser der umgebenden Banken, darunter Norman Fosters Gherkin, schaffen Manhattan-Atmosphäre. Buchungen sind allerdings schwierig, die Bedienung herablassend und die Höhe der Preise in der Bar stellt die ihrer Lage noch in den Schatten.

Wunderbarer Blick vom Parliament Hill - und gratis

Angenehmer ist da Harvey Nichols im obersten Stockwerk des Oxo-Turms am Südufer der Themse. Das Restaurant bietet eine interessante Mischung aus britischer und asiatischer Küche und hat den Vorteil, dass die Gäste bei schönem Wetter auf der großen Terrasse sitzen können. Hauptblickfang ist St. Paul's Cathedral am anderen Ufer. Das Restaurant Babylon in den Kensington Roof Gardens schließlich ist umgeben von einer grünen Parklandschaft, die in den Dreißigerjahren auf dem Dach eines Kaufhauses angelegt wurde. Es gibt drei verschiedene Gärten, Flamingos durchwaten flache Gewässer und Enten brüten seit Generationen hier. Babylon selbst bietet vorzügliche Küche und einen wunderbaren Blick auf Kensington.

Die besten Orte, um ganz London visuell in sich aufzusaugen, sind erfreulicherweise gratis. Unerlässlich ist ein Besuch auf der Kuppe des Parliament Hill in Hampstead Heath. Der majestätischste Blick von Norden umfasst in der Ferne die Hochhäuser in den Docklands, und, etwas näher, die der City. Geradeaus heischen der Shard und der Telecom Tower (dessen sich drehende Plattform auch ein großartiger Aussichtspunkt, aber nicht immer in Betrieb ist) um Aufmerksamkeit. Dieses wunderschöne Panorama bleibt auf absehbare Zeit unangetastet, denn ein Gesetz untersagt jede Verbauung.

Manche Aussichtspunkte funktionieren nur im Winter. Das gilt ganz besonders für Cox's Mount in Greenwichs Maryon Park. Die kleinen Eichen, die an seiner Flanke emporwachsen, lassen einen Durchblick nur zu, wenn ihre Äste winterlich kahl sind. Ohne grüne Sichtsperre kann man den Hügel durchaus als Süd-Londoner Entsprechung des Parliament Hill begreifen. Er ist nicht ganz so hoch, und auf seiner Kuppe haben jeweils auch nur ein halbes Dutzend Menschen Platz. Aber die Blickachse nach Nordwesten vervollständigt gleichsam das Panorama, das sich von Hampstead aus bietet: linker Hand das Stadion des Fußballclubs Charlton Athletic. Geradeaus der Shard und die Wolkenkratzer der Docklands, weiter rechts die silbern gleißenden Stahlkapuzen der Thames Barrier, der großen Schutzwehrschleuse gegen Nordsee-Sturmfluten.

Der Cox's Mount ist nicht nur wegen dieses vielleicht schönsten Blicks in ganz Süd-London bemerkenswert. Auf ihm erhob sich vor mehr als 2000 Jahren ein eisenzeitliches Kastell, dessen Reste man über einen Zaun hinweg betrachten kann. Im Maryon Park drehte Michelangelo Antonioni 1966 große Teile seines Thrillers "Blowup". Aber London ist ja nicht nur eine viel genutzte Filmkulisse, sondern vor allem ein gigantischer, dreidimensionaler Theaterprospekt. Und im Theater sind die besten Plätze nicht oben, sondern im Parterre, also auf Augenhöhe. Das zeigt sich nirgends deutlicher als auf der Millennium Bridge, die im Gegensatz zum London Eye ihren Namen auch nach der Jahrtausendwende behalten durfte.

Am Nordende der Fußgängerbrücke über die Themse thront St. Paul's, am Süd-Ende bilden Tate Modern und Globe Theatre ein ungleiches, aber reizvolles Gespann. Flussabwärts hält die Tower Bridge Stellung. Flussaufwärts, jenseits der Blackfriars Bridge, macht die Themse eine gemächliche Kurve. Wenn man ihrem Verlauf mit den Augen folgt, bleiben sie an einem gigantischen gläsernen Zacken hängen. Aber nicht nur der Shard wirkt von unten noch beeindruckender. Die Stadt entfaltet ihr ganzes Drama nicht von oben, sondern dann, wenn man sich mittendrin befindet.