Von Anna Schaffner

Neue Hülle für die schmutzige Haut: Die Schmuddelstadt Glasgow wird zum strahlenden Exempel kosmopolitischer Eleganz. Entdecken Sie eine Stadt, der eine zweite Chance gewährt wird - und die sie auch nutzt.

Das Viadukt, unter dem der Hintereingang von "The Arches" liegt, schimmert nur schwach. Über dem Kopf verlaufen angerostete Stahlstreben und stützen rußgeschwärztes Holz. Müll und zersplittertes Glas liegen am Gehsteig. Menschliches Strandgut fließt stadtauswärts vorbei.

Ein Ort, an dem man sein sollte: Glasgow ist weit vor London und Edinburgh zum beliebtesten Reiseziel der Insel gewählt worden. Die Stadt gilt als cool und schnell. (© Foto: seeglasgow.com)

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Nur ein Irrtum führt einen hierher, abseits von Glück und Zeit. Ein paar Meter weiter, ein Schwenk nach links, und das Szenario des Abgesangs wandelt sich in das edle Design des Erfolgs: Glasgows schickster Szeneclub. Grün glitzert der Schriftzug über dem vorderen Eingang der einst ausrangierten Fabrikhalle. Kein zufälliges Ereignis in Glasgow, vielmehr ein fortwährendes Déjà-vu.

Glasgows Gesicht zeigt Züge einer noch unvollendeten Operation. Viel Geld wird investiert, damit das Hässliche dem Schönen weiche, und das Ergebnis soll nicht nur dem Auftraggeber gefallen. Falten werden retuschiert, und nicht immer gelingt, was der Architekt dem Gesicht verspricht.

Paralleluniversum von Alt und Neu

Aus der Oberfläche treten dann die Reliquien des Vergangenen und gaukeln einem unverdrossen und vielfach renoviert ihren Anspruch auf Repräsentation vor. Die Geschichte hat Narben hinterlassen, und wer das Messer schlecht gesetzt hat, starrt nach der Operation in ein Paralleluniversum von Alt und Neu.

Unter Glasgows neuer Hülle gibt es auch Geschichte. Versteckt taucht sie an Straßenecken, am Hafenquai, in den Gassen des Kaufmannsviertels auf, weshalb sich die Mehrzahl der Fremden erst gar nicht die Mühe macht, dort abzusteigen. Ein Industriemoloch, dessen Glaubenskämpfe nicht in Kathedralen ausgetragen werden, sondern in Fußballstadien.

Eine Stadt, verkommen wie die 80er Jahre im Großbritannien der Eisernen Lady. Was dem Staat auf der Tasche liegt, wird wegrationalisiert; und das gilt beinahe für ganz Glasgow. Die Stadt verkommt. Die Dimension der Verödung ist in Europa ohne Vergleich.

Seit wenigen Jahren vernimmt man einen anderen Ton. Glasgow wird, weit vor London und nur von Edinburgh geschlagen, zum beliebtesten Reiseziel der Insel gewählt. Vielmehr noch gilt die Stadt jetzt als cool und schnell. Ein Ort, an dem man sein sollte; dem eine zweite Chance gewährt wird, und der sie auch nutzt.

"In den Arches", erzählt Ian, "ist der Underground längst zum Establishment geworden"; man zelebriert sich selbst. Designerklamotten reiben sich an Designermöbeln, das neueste Album von den Delgados schiebt sich durch Stimmengewirr. Ian ist Maler, vor Jahren von den Schafheiden der Lowlands in die Metropole gezogen.

"Die Bedingungen für uns sind besser als in den anderen britischen Städten. Edinburgh ist gut, Glasgow besser. Man muss hier kein Erbe antreten, weil keines hinterlassen wurde; kein Mittelalter, höchstens ein bisschen Mackintosh. Niemand quatscht hier rein. Du triffst dauernd neue Leute, die neue Sachen machen, neue Läden gründen und neue Projekte laufen lassen."

Und so fällt ihm als Vergleich einzig New York ein, das er nicht kennt. Aber er weiß, dass man es dort mit demselben Gemisch aus Multikultur, Weltbürgertum und Offenheit für neue Konzepte zu tun hat.

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