Kuba-Tourismus im Wandel Havanna ist längst nicht mehr die alte Dame, die viele Touristen wehmütig suchen

"Der Tourismus bringt Wohlstand, jedoch nur wenigen", kritisiert Saralys, die draußen auf ihre Gruppe wartet. Ihr Musikstudium hat die junge Frau, die nicht mit richtigem Namen in der Zeitung stehen möchte, für den Job als Tourguide aufgegeben. "Unser Problem ist, dass sich die Gesellschaft spaltet." "Bei uns haben sich viele Türen geöffnet", sagt auch Javier, der ebenfalls seinen echten Namen nicht genannt sehen möchte. "Aber es sind kubanische Türen. Es geht langsam."

Javier sitzt im Rincón de la Salsa, einer angesagten Bar in Trinidad. Javier ist 27 Jahre alt und angehender Ingenieur. Seine Vision ist ein Sozialismus, der allen gute Lebensbedingungen ermöglicht. "Man braucht doch nicht ständig ein neues Handy oder Auto. Dann könnte es funktionieren." Auch Javier arbeitet neben dem Studium als Reiseleiter, man muss ja von irgendwas leben. Und trotzdem: "Einen Kapitalismus, wie ihr ihn habt, der so viel Stress produziert, den wollen wir nicht."

Auch Havanna ist längst nicht mehr die alte, im Verfall begriffene Dame, die viele Touristen wehmütig suchen. Seit Jahren wird die Stadt saniert, zwischen der mittelalterlichen Morro-Festung und dem Kapitol, einer Kopie des gleichnamigen Baus in Washington, sieht es nach Aufschwung und Kommerz aus. Die zentralen Straßen Obispo, Mercaderes und San Ignacio, wo wohlhabende Touristen der historischen Atmosphäre nachspüren, sind voller Läden, Restaurants und Souvenirshops. Kolonialbauten sind eingerüstet, Straßenzüge aufgebrochen, hier wird renoviert, dort die Infrastruktur verbessert. Traditionsgeschäfte eröffnen neu, zum Beispiel der Herrenausstatter Sastrería Stein oder die Parfumeria Habana 1791, die nach persönlicher Beratung individuelle Düfte kreiert.

Schrauben ohne Ende

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Beides sind staatliche Kaufhäuser, die auf die Konkurrenz durch die neuen Selbständigen reagieren. An den neuen Unternehmern lässt sich auch erkennen, wie weit sich das Land schon geöffnet hat. Ein einfaches Paladar-Restaurant ist nicht mehr genug. Man spezialisiert sich auf italienische oder mexikanische Küche, Hamburger oder Bocaditos, auf Büfett- oder Schnellbistros, auf Gourmetlokale, von denen manche schon legendär sind. Auch die Preise passen sich an. Eine Eiskugel in der Waffel kann 2,50 Euro kosten, wie in Deutschland. Die Kubaner wissen längst, was die Touristen aus Europa wollen und was sie dafür zu zahlen bereit sind.

Es dürstet sie heute nach einem besseren Leben, so wie vor fünfzig Jahren nach Cuba Libre, einem freien Kuba. Und so warten vor der Kathedrale San Cristóbal Frauen in bunten Kostümen, Wahrsagerinnen und Dandy-Typen mit Zigarre im Mund auf Touristen, die sie fotografieren wollen. Revolutionsdevotionalien wie Bücher über die Rebellen, Poster von Che oder alte Geldnoten sind beliebte Souvenirs, die Kubaner spielen schon mit ihrer Vergangenheit. Am Parque Central poliert ein junger Mann seinen schicken pinkfarbenen Chevrolet aus den fünfziger Jahren. Stadtfahrten mit ihm kosten pro Stunde 26 Euro. "Im Geiste sind alle Kubaner Amerikaner", sagt er. "Wir haben dieselben Cocktails, dieselben Tänze, dieselben Träume."

Am Malecón, der berühmten Uferpromenade, spritzt die Gischt auf den Bürgersteig, Jugendliche spielen mit den Wellen, sie lassen sich locken, weichen zurück, sobald das Wasser kommt. Mit Amerika geht es den Kubanern ähnlich. "Ein bisschen Amerika kann nicht schaden", sagt ein Angler, der hier auf guten Fang hofft. Er blickt aufs Meer, hinüber zum mächtigen Nachbarn. "Nur nicht zu viel."

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Information

Anreise: Condor fliegt von München nach Havanna, hin und zurück ab ca. 650 Euro, www.condor.com. Für die Einreise benötigt man eine Touristenkarte, die man bei der Botschaft, bei Konsulaten oder über den Reiseveranstalter erhält. Preis 25 Euro.

Reisearrangements: Einige kleinere Reiseveranstalter wie Erlebe Cuba (www.erlebecuba.de) oder Cuba Erlebnisreisen (www.cuba-erlebnisreisen.de) haben sich auf Reisen mit Privatquartieren spezialisiert. Auch große wie der Münchner Marco Polo Reisen (www.marco-polo-reisen.de) haben sie in ihre Katalogreisen aufgenommen.

Weitere Auskünfte: Kubanisches Fremdenverkehrsbüro, Berlin, Tel.: 030/44 71 96 58, www.cubainfo.de