Kuba-Tourismus im Wandel Was ist das bessere Leben?

Straßenfußball in Havanna.

(Foto: Alexandre Meneghini/Reuters)

Noch schnell hin, bevor die Amerikaner kommen: Kuba flirtet immer heftiger mit dem Kapitalismus und ist als Reiseziel derzeit beliebt wie lange nicht mehr. Das hat auch Schattenseiten.

Von Beate Schümann

Sie sehen sich ähnlich, der Mann mit der Zeitung und sein Abbild aus Bronze. Auch wenn Norberto Betancour, das Original, nicht ganz so dramatische Augenringe hat, auch wenn seine Mundwinkel weniger in die Breite gezogen sind. Auf der Plaza del Carmen sitzt der 82-Jährige auf einer Bank und lässt sich von Touristen dafür bezahlen, dass er eine nach ihm erschaffene Statue doubelt. Die Künstlerin Martha Jiménez hat sie gegossen, wie auch die anderen: Mateo mit den Tonkrügen, die schwatzenden Damen. Sie sollen vom Alltag des historischen Viertels der Stadt Camagüey erzählen. Für Betancour hat sich mit der Installation eine lukrative Verdienstmöglichkeit aufgetan. Pro Foto verlangt er einen Peso Convertible, fast einen Euro. An guten Tagen nimmt er um die 30 Pesos Cubanos Convertibles ein, kurz CUC, wie die kubanische Devisenwährung heißt. Diese zweite Währung neben dem kubanischen Peso braucht jeder, der sich nicht nur von Reis und Bohnen ernähren will. Und Betancour rechnet damit, dass die Geschäfte bald noch besser laufen. "Ich habe Diktator Batista erlebt, Fidels Revolution und die Marktwirtschaft von Raúl Castro", sagt er. "Ich habe vor nichts Angst, auch nicht vor Amerika."

In einem türkisgrünen Buick durch Kolonialambiente fahren, schnell den Gegenentwurf zur westlichen Welt erleben, bevor die Verwestlichung Einzug hält - das wollen gerade viele. Schon der Rücktritt des kranken Comandante im Jahr 2008 löste ein Kuba-Fieber aus. Vor allem Kanadier lieben Kuba als Reiseziel. Aus Deutschland kamen 2014 rund 139 000 Gäste; nach Angaben des Fremdenverkehrsbüros in der kubanischen Botschaft in Berlin stieg ihre Zahl im Vergleich zu 2012 um 28 Prozent. Insgesamt kamen im vergangenen Jahr mehr als drei Millionen Urlauber - ein Rekord. Seit US-Präsident Barack Obama zum Jahreswechsel einen Neuanfang in den Beziehungen zu Kuba verkündet hat, wird man bald auch mehr US-Amerikaner auf der Insel sehen. Bislang waren ihnen Reisen auf die Insel untersagt, es gab aber Ausnahmen wie Familienbesuche oder der Zwischenstopp mit einem Kreuzfahrtschiff. Jetzt soll alles leichter werden: Mehrere amerikanische Fluggesellschaften planen Direktflüge. US-Bürger dürfen neuerdings ihre Kreditkarten auf Kuba nutzen.

"Mir gefällt der American Way of Life"

Die Kubaner sind sich nicht ganz sicher, was sie von ihrer neuen Beliebtheit halten sollen. Zum einen verdienen immer mehr von ihnen gut an den Touristen. Zum anderen fürchten nicht wenige, dass ihre Insel wieder zum Vorhof Amerikas werden könnte, wenn sich ein ungezügelter Kapitalismus breitmacht - wie einst vor der Revolution. Amerika, das klingt für die meisten Kubaner nach einem Versprechen auf ein besseres Leben. Gleichzeitig wollen sie ihre Identität wahren, ihre Unabhängigkeit und die Errungenschaften der Revolution wie den freien Zugang zu Bildung und zu medizinischer Versorgung.

Dabei zeigt sich der Wandel längst. Die Jiménez-Skulpturen haben den lauschigen Platz vor der Barockkirche Nuestra Señora del Carmen, den tadellos restaurierte Häuser umgeben, zu einer Hauptsehenswürdigkeit gemacht. Deshalb hat Lisbel Tena hier ihr privates Restaurant "El Paso" eröffnet . Es ist ein sogenannter Paladar, die seit einiger Zeit erlaubte Alternative zu Kubas staatlichen Restaurants, die oft schlechten Service mit miesem Essen kombinieren. Lisbel Tena aber will serviceorientiert arbeiten. "Mir gefällt der American Way of Life", sagt sie und geniert sich ein wenig. Um ihre Gäste kümmert sich die Chefin persönlich, die Menüs sind vorzüglich, als Dankeschön bekommt jeder Kunde eine Zigarre geschenkt. Bezahlen muss man in CUC, der harten Währung. An der Bar steht Osvaldo, ein smarter Richard- Gere-Typ, der von sich behauptet, er kenne alle Cocktails der Welt. Er spricht perfekt Englisch. Cuba Libre mixt er mit echter Coca-Cola, eine Rarität auf Kuba.

Kubas nächste Revolution

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"Socialismo o muerte", Sozialismus oder Tod, steht überall im Land auf den Plakatwänden. So lautete die Parole der Revolution von 1959, die Kuba von der Diktatur und vom amerikanischen Einfluss befreien sollte. Vielen Kubanern ist das Ideal einer gerechten sozialistischen Gesellschaft nach wie vor wichtig, einer Gesellschaft, in der es keine Korruption, keine Kriminalität und keine Prostitution geben soll. Doch der Spruch ist mittlerweile so betagt wie Fidel Castro selbst. Fünfzig Jahre lang versuchten die USA, Kuba mithilfe des Embargos in die Knie zu zwingen. Der Erfolg war bescheiden. Statt die Einparteien-Herrschaft aufzugeben, begann die Kommunistische Partei, mit dem Kapitalismus zu flirten: Kuba öffnete sich der Marktwirtschaft, erlaubte freies Unternehmertum.

Wer Hummer bezahlen kann, bekommt ihn auch

"Sí podemos" hat jemand auf eine Fassade geschrieben - "Yes we can" würden Amerikaner das Graffito übersetzen. Mit Barack Obamas Wahlkampf-Slogan halten es heute viele Kubaner. Die meisten versuchen, im Tourismus Geld zu machen, schließlich ist die gängige Währung der Branche CUC. Rund 500 000 Kubaner arbeiten mittlerweile auf eigene Rechnung, die meisten in der Gastronomie, als Reiseleiter oder Taxifahrer. Gut 8000 private Zimmervermieter gibt es nach Angaben der kubanischen Botschaft in Berlin, und die Zahl steigt. Denn für eine Nacht erhält man etwa 25 CUC, rund 22 Euro - so viel, wie manche Kubaner, die in der nationalen Währung Peso bezahlt werden, in einem Monat verdienen.

Anfangs waren die Casas Particulares genannten Privatquartiere einfach und mit Familienanschluss. Inzwischen gibt es für sie Standards. Dazu gehören ein eigener Türschlüssel, eine Klimaanlage und ein eigenes Bad. Wie bei William und Delvis Montoya Sánchez in Baracoa, der kleinsten und ältesten Stadt im Osten Kubas. Die Besitzer der Kolonialvilla haben diese mit viel Sorgfalt restauriert; sie vermieten drei Zimmer, sauber, wohnlich, zeitweiser Stromausfall inklusive. Auf Wunsch serviert William ein Frühstück, zu dem original Baracoa-Trinkschokolade gehört, heiß und dickflüssig. Am Abend veranstaltet Delvis für eine Reisegruppe einen Kochkurs. "Meeresfrüchte mögen unsere Gäste", sagt die Hausherrin und zeigt, wie man Scampi säubert. Außerdem gibt es Hummer, normalerweise ein Exportgut und nur auf dem Schwarzmarkt zu haben - für harte Währung in CUC, versteht sich. "Wer heutzutage von Fremdenzimmern leben will, muss sich von anderen Anbietern unterscheiden", sagt Delvis. Der Wettbewerb sei hart geworden. Und das, obwohl der Tourismus in Baracoa noch gar nicht richtig angekommen ist.

Anders in Trinidad, der von der Unesco geschützten Stadt aus dem 18. Jahrhundert. Alle Inseltouren machen hier halt, denn keine andere Stadt setzt das goldene Zeitalter des Zuckerbooms prachtvoller in Szene: Pastelltöne, vergitterte Fenster, blank getretenes Kopfsteinpflaster. An fast jeder dritten Tür signalisiert der blaue Anker Privatquartiere. Sonaly González Toledo hat kürzlich zwei Zimmer freigeräumt, modern und komfortabel ausgestattet. "Sie sind ständig belegt", sagt die Vermieterin und freut sich darüber. Sie hat genügend Gäste, weil sie mit mehreren staatlichen Agenturen zusammenarbeitet. Im Wohnzimmer flimmert ein großer Fernseher, in der Küche stehen drei hohe Kühlschränke. Sie hat eine Mikrowelle angeschafft und sich eine Haushaltshilfe zugelegt. In derselben Straße, der Calle Colón, befindet sich auch das sogenannte Haupthaus des Vermieters Jesús Pineda, in dem die Ankunft von Gruppen routinemäßig abgewickelt wird: Empfang, dann Abendessen. Ein Mojito oder ein Bier kostet extra. In der Calle Colón parken immer mehrere Reisebusse. "Das Geschäft läuft gut", sagt Jesús Pineda zufrieden.

Zwischen den Reisebussen steht ein alter Amischlitten, an seiner Heckscheibe klebt ein Spruch: "La Envidia no mata pero mortifica" - Neid tötet nicht, aber er tut weh. Der Satz drückt aus, was viele Kubaner gerade fühlen.