Kreuzfahrt im Südatlantik Von Kap zu Kap

Eine Schiffsreise durch den noch unbekannten Südatlantik führt auch zur einsamsten Insel der Welt, Tristan da Cunha. Die Frage ist nur: Warum soll man sich das antun?

Von Sven Weniger

Es ist ein mystisches Land. Bei der Ankunft in Südgeorgien bläst der Südwind eisige Böen über die Außendecks der Lyrial. Tiefe Wolken verdecken Bergketten hinter zerrissenen Uferlinien. Schemenhaft sind Buchten zu erkennen, über denen ein mattes Grün liegt. Oberhalb beginnen die Schneefelder. Gletscher wälzen sich von den Bergen hinab wie gefrorene Lava und spalten die Küste. Lange Klagelaute wehen herüber - eine südpolare Fjordlandschaft, ein Land der Trolle und Geister. Das also ist die Insel, die den britisch-irischen Forscher Ernest Shackleton vor dem Tod bewahrte. Zwei Wochen irrten er und fünf seiner Männer 1916 im Beiboot ihres im antarktischen Eis zerquetschten Schiffes durchs Meer. Dann kam Südgeorgien in Sicht. Das Ziel der Lyrial ist Grytviken, der einzige Hafen auf dieser lang gestreckten Insel, die viermal so groß ist wie Berlin. Dreißig Menschen halten die Stellung, als Forscher, Umweltschützer, Inselverwalter. Das Kreuzfahrtschiff läuft in die Bucht ein, die See beruhigt sich, und das Geheimnis der mysteriösen Klänge klärt sich.

Alles ist übersät mit schiefergrauen jungen Pelzrobben. Im Wasser, am steinigen Ufer, vor allem aber in dem in dieser Klimazone heimischen Tussock-Gras, das in dicken Büscheln aus dem moosigen Untergrund aufragt. Es ist Spielwiese und gleichzeitig Schutz vor den Sturmvögeln und Raubmöwen, die über den Köpfen der Jungtiere kreisen. Ständig quengeln, rufen und kabbeln sich die Robben, ein Klangteppich, der typisch ist für Südgeorgien. Darunter mischt sich das hohe Gekrähe der Königspinguine, die mit ihren orangefarbenen Zeichnungen an Hals, Brust und Schnabel wie farbenfrohe Clowns in trüber Umgebung aussehen. Im Hintergrund eine Handvoll moderner Häuser, die verrosteten Anlagen der ehemaligen Walfangstation, eine Holzkirche und, ganz am Rand, der kleine Friedhof mit dem Grab Shackletons.

Die französische Lyrial überquert den Südatlantik einmal im Jahr. Preis: ab 9550 Euro pro Person in der Doppelkabine. Nächste Reise: 3.3. bis 24.3.18, Informationen: de.ponant.com. SZ-Karte

Der Südatlantik gehört, viel mehr als sein Pendant im Pazifik, zu den großen Unbekannten der Erde. In seinen Weiten gibt es keine Palmenatolle, keine exotischen Insulaner, keine Badestrände. Nur eine Handvoll schroffer Eilande: Falklandinseln, Südgeorgien, der Archipel Tristan da Cunha. Es sind allesamt britische Überseegebiete und die einzigen Stopps des Inselhoppings von Kap Hoorn zum Kap der Guten Hoffnung. Drei Wochen braucht die Lyrial dafür, die Hälfte davon auf See ohne Land in Sicht. 8500 Kilometer auf einer Fläche, die von Flensburg bis Nordafrika, von Frankreich nach China reichen würde.

Warum soll man sich das antun? Die Kreuzfahrtbranche meinte dazu bis dato: gar nicht. Ein Reisesektor, der im Stakkato auf immer neue Reize und Entertainment setzt, um das Publikum bei Laune zu halten, hat ein Problem, wenn auf dem engen Raum eines Schiffs wenig passiert. Die Premiere der Reederei Ponant ist denn auch ein Selbstversuch für die Passagiere. Wie geht man für viel Geld mit viel Zeit um?

Shackleton und die Seefahrer der Jahrhunderte zuvor stellten sich diese Frage nicht. Wochenlang waren sie auf See. Die einen wollten zur Antarktis, die anderen nach Indien. Einfach hinaus in die Weite des Ozeans wollte keiner. Doch oft trieben sie Wetter, Wind und Strömungen ins Unbekannte ab. Die Inseln im Südatlantik wurden mehrfach gesichtet, von Franzosen, Portugiesen, Briten, zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten, da schlecht kartografiert, gefunden und gleich wieder verloren, vergessen, wiederentdeckt, alle unbewohnt, nutzlos für lange Zeit. Jenen Männern fühlt man sich seltsam nah, wenn die Lyrial tagelang scheinbar ziellos durchs Meer pflügt, man fragt sich, wie sie die Leere empfunden haben mögen. Wenn Wasser und Wellen für Augen und Ohren der alles überlagernde Eindruck werden, ein Albatros zur Sensation wird, ein Wal, ein Sonnenaufgang über dem Ozean grandios wie auf einem Barockgemälde, pathetisch, erhaben, eine göttliche Erscheinung.

Napoleon ist schuld, dass hier überhaupt jemand wohnt; St. Helena ist die Nachbarinsel

Es ist die Reduktion, die jedes Erlebnis dieser Reise größer macht. Auf den Falklandinseln wirken die Andenken des Krieges vor mehr als dreißig Jahren, das Denkmal der Gefallenen in Stanley, die verbliebenen Minenfelder nahe der Hauptstadt umso irrwitziger, je mehr man sieht, dass der Archipel bis heute nur eines ist: ein Paradies für Seevögel. Auf Steeple Jason und New Island sind sie ganz unter sich. Eselspinguine schreiten in langen Kolonnen an Kreuzfahrern in knallroten Polarjacken vorbei, völlig unbefangen. Kormorane brüten in großen Kolonien. Über die flach ansteigenden Inseln bläst unablässig Wind. Wenn es nicht regnet, hat die Sonne im subpolaren Spätherbst Kraft. Und obwohl Südgeorgien nur zwei Seetage weiter südlich liegt, könnten beide gegensätzlicher kaum sein. Jeder Tag Richtung Antarktis ist, als nähere man sich einem Gefrierschrank mit offener Tür. Heute noch eine frische Brise, kurz danach schon der kalte Hauch des ewigen Eises. Da tut es gut, sich im Komfort der Lyrial verkriechen zu können, in den schicken Kabinen mit breiten Fenstern, dem eleganten Restaurant mit seinen Feinschmeckermenüs, der Panoramalounge mit der Cocktailbar. Die harsche Natur in derart luxuriösem Umfeld zu erleben, der Wechsel von Schlauchbootexkursionen, rauen Landgängen und der alle wieder einfangenden Behaglichkeit an Bord - diesen Alltag auf der französischen Luxusyacht hätte sich Tristão da Cunha im Traum nicht ausmalen können.

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Der portugiesische Admiral war 1506 mit einer Flotille nach Asien unterwegs, als er, abgetrieben von ungünstigen Winden, die Insel sah, fast kreisrund und mit einem himmelhohen Vulkan in der Mitte, dessen Spitze meist in der Wolkendecke verschwindet. Er gab ihr seinen Namen und segelte weiter. Die Landebedingungen waren zu miserabel. Das sind sie noch immer. Fünfhundert Jahre später gleicht der Ritt im Schlauchboot durch die Brandung einem Rodeo. Die Hafenanlage ist für Schiffe ungeeignet. Die Tristanians schaffen Nachschub vom Frachter auf Flößen an Land. Ein gutes Dutzend Schiffe pro Jahr tauchen vor der Küste auf, meist ist es das Postboot aus Kapstadt. 262 Menschen leben in der Siedlung Edinburgh of the Seven Seas. Es gibt neun Familiennamen, alle Bewohner sind seit Generationen miteinander verwandt. Napoleon ist schuld, dass hier überhaupt jemand wohnt. Die Briten hatten ihn 1816 nach St. Helena verbannt und auf der Nachbarinsel Tristan, zweieinhalbtausend Kilometer entfernt, eine Militärgarnison zu seiner Bewachung erbaut. Nicht gerade vor der Haustür des Korsen, aber hier unten sind die Distanzen halt größer. Ziemlich mittig zwischen Südamerika und Südafrika ragt der Flecken Erde mit ein paar weiteren Felsen aus dem Wasser. Tristan da Cunha ist der abgelegenste von Menschen besiedelte Ort der Welt.

Extreme faszinieren, sie umweht die Aura der Einzigartigkeit. Der Autor Raoul Schrott arbeitete sich in einem Mammutwerk am Geheimnis einer Insel ab, die nur wenige je betreten haben und werden. Mancher Kreuzfahrttourist setzt alles daran, den Entdecker da Cunha hierin zu schlagen. Auf der Lyrial sind Passagiere, die es schon mehrmals versucht haben - und scheiterten. Auch das macht diese Reise spannend. Denn es gelingt zum ersten Mal in diesem Jahr.

Halb Edinburgh ist gekommen, um fast so viele Besucher willkommen zu heißen, wie Tristan Einwohner hat. Sie sind so normal, dass es dem Mythos Hohn spricht. Ihre Gespräche drehen sich um die Bewirtschaftung der Kartoffelfelder, der wichtigsten Nahrungsquelle; den Langustenfang, der die Insulaner wohlhabend gemacht hat; die Erziehung der 26 Kinder in der einzigen Schule. Auf Tristan lebt eine Gemeinschaft, für die das Unbequeme Alltag ist. Selbst als der Vulkan Queen Mary's Peak 1961 ausbrach und alle die Insel für ein Jahr verlassen mussten, kamen fast alle zurück in ihre Heimat.

Auch das ist eine Erfahrung der Reise im Südatlantik. Er ist nicht leer, hier leben Menschen, Tiere und Pflanzen in Klimazonen vom Eis Südgeorgiens bis zum mediterranen Tristan da Cunha, von dem aus es jetzt noch einmal vier Seetage bis Kapstadt sind.

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