Klimawandel "Absurd ist es schon"

„So, wie man sich früher künstlichen Schnee nicht vorstellen konnte, können wir uns heute einen Wintertourismus ohne Skifahren nicht vorstellen.“ Katharina Conradin, Präsidentin von Cipra International.

(Foto: Martin Walser)

Die Zahl der Skifahrer im Alpenraum stagniert seit Jahren, dennoch wird allerorts in neue Lifte investiert. Warum nur? Katharina Conradin, Präsidentin von Cipra International, plädiert für ein Umdenken angesichts des Klimawandels.

Interview von Hans Gasser

Der frühe Wintereinbruch weckt in vielen Alpentälern die Hoffnung auf eine umsatzstarke Skisaison. Es wurde wieder viel in Lifte und Beschneiungsanlagen investiert, das soll sich rechnen. Aber insgesamt stagnieren in fast allen Ländern im Alpenraum seit Jahren die Skifahrerzahlen. Das liegt am demografischen Wandel, an schneearmen Wintern und daran, dass viele Gäste mehr Zeit in Wellnesshotels, beim Einkaufen oder Rodeln verbringen. Katharina Conradin, Präsidentin von Cipra International, einem Verband von etwa 100 Organisationen, die sich für eine nachhaltige Entwicklung in den Alpen einsetzen, plädiert deshalb für ein Umdenken: Auch wegen des Klimawandels solle man sich mehr Gedanken über einen zukünftigen Wintertourismus machen, bei dem Skifahren nicht mehr die Hauptrolle spielt.

SZ: Sie sagen, Skitourismus ist kein Geschäftsmodell mit Zukunft. Sind die Skigebietsbetreiber alle verrückt, wenn sie so viel investieren?

Katharina Conradin: Es mutet schon etwas absurd an, dass Milliarden investiert werden in immer leistungsfähigere Seilbahnen und künstliche Beschneiung, obwohl die Zahl der Skifahrer in den meisten Ländern stagniert. In der Schweiz geht sie sogar deutlich zurück.

In St. Anton, in Ischgl oder Zermatt scheint es sich aber durchaus zu lohnen.

Ja, man muss natürlich differenzieren. Die hoch gelegenen, großen Gebiete wird es noch länger geben. Aber längerfristig wird der Klimawandel die Alpen insgesamt überdurchschnittlich stark treffen, Experten prognostizieren dort eine Erwärmung um bis zu vier Grad. Nur noch die höchstgelegenen Skigebiete werden übrig bleiben. Heute schon arbeitet ein Viertel aller Skigebiete defizitär. Die Gemeinden täten gut daran, schon heute nicht nur 15 Jahre, sondern 30 und mehr Jahre nach vorne zu denken. Sonst sind sie nämlich zu spät dran, um noch das Steuer herumzureißen.

Viele sagen, mit Beschneiungsanlagen würden sie das gut hinkriegen.

Für künstliche Beschneiung muss es mehrere Tage in Folge kalt genug und relativ trocken sein. Das ist immer seltener der Fall. Der Wasser- und Energieverbrauch dafür ist enorm und könnte auch zu Verteilungskonflikten führen. Die wenigsten Gäste fahren gern auf einem weißen Band in brauner Landschaft. Das haben die vergangenen drei schneearmen Winter gezeigt. Es kam in vielen Skigebieten zu massiven Einbrüchen.

Ohne Skilifte, wird gesagt, gäbe es kein wirtschaftliches Auskommen in vielen Alpenregionen.

Ja, die Bergbahnen sind für bestimmte Regionen sehr wichtig. Die Cipra verlangt ja auch nicht einen Stopp von heute auf morgen, sondern den Beginn eines Umdenkens. Denn die Alpen sind nicht nur für den Tourismus da, es gibt auch andere Modelle. In der Schweiz wird diskutiert, Teile von Universitäten und Hochschulen aus den Großstädten in Berggebiete zu verlagern. Im Hochrheintal gibt es heute schon einen Cluster für Medizintechnik. Natürlich brauchen wir den Tourismus auch, aber nicht um jeden Preis. Viele Gebiete investieren auf Teufel komm raus, um etwas vom kleiner werdenden Kuchen abzubekommen. Irgendwann sind sie zu groß, um scheitern zu dürfen, und der Staat, also der Steuerzahler, muss einspringen.

Wie sieht für Sie ein zukunftsfähiger Wintertourismus aus?

Wir müssen uns lösen von den Bildern im Kopf, die Wintertourismus unbedingt mit Schnee und Skifahren assoziieren. Die Sonne etwa ist viel wichtiger. Wir sitzen im Winter in den Tälern oft im Nebel, auf den Bergen scheint die Sonne. Also könnte man mehr damit werben. Generell sollte die Natur im Fokus stehen. Wintersport ist auch ohne Schnee möglich. Und wenn Schnee liegt, kann man rodeln und Schneeschuh laufen. Man bräuchte weniger Bergbahnen, weil sie die Menschen ja nur ein- oder zweimal hinaufbringen müssten, und es gäbe weniger Eingriffe in die Berglandschaft durch möglichst plane Pisten.

Es gibt heute schon viele Winterurlauber, die nicht Ski fahren. Aber auch die kommen meist mit dem Auto.

Das stimmt. Die Haupt-Umweltauswirkung des alpinen Tourismus ist die Anreise mit dem Auto. Deshalb muss man viel stärker auf den öffentlichen Verkehr setzen. Und sich an der eigenen Nase fassen. Statt sechsmal pro Jahr ein verlängertes Wochenende, lieber nur ein- oder zweimal fahren, aber dafür für längere Zeit.

Ist der Zusammenschluss von Skigebieten aus Ihrer Sicht immer schlecht?

Neue Skigebiete gibt es im Alpenraum ohnehin kaum mehr. Die Zusammenschlüsse mögen manchmal Sinn machen, beeinträchtigen aber oft letzte ruhige Gebiete für Tiere und Pflanzen. Die Aufweichung des Alpenplans für einen Verbindungslift am Riedberger Horn ist so ein Fall. Das könnte zum Präzedenzfall für weitere Eingriffe werden. Aber solche Vergrößerungen sind nicht unbedingt wirtschaftlich erfolgreich. Beim Zusammenschluss der Skigebiete von Andermatt und Sedrun geht selbst die Kantonsregierung davon aus, dass das nie rentabel sein wird, aber man unterstützt es, weil es regionalwirtschaftliche Bedeutung habe. Nur: Bei einer sinkenden Zahl von Skifahrern wird ein solcher Verbund anderen Gebieten in der Region die Gäste wegnehmen, man kannibalisiert sich gegenseitig.

Sanfter Tourismus, funktioniert der wirtschaftlich?

Ja, es gibt einige Gebiete, die damit erfolgreich sind. Das Safiental in Graubünden hat schon immer auf sanften Tourismus gesetzt, die haben nur einen Lift. Seit einigen Jahren verzeichnen sie dort sehr hohe Zuwachsraten im Tourismus. Am Mieminger Plateau in Tirol hat man sehr erfolgreich umgestellt, die haben heute mehr Gäste als vorher, als es noch die Lifte gab. Unsere Großeltern hätten uns für verrückt erklärt, wenn wir vor 40 Jahren behauptet hätten, bald werde man auf künstlich erzeugtem Schnee Ski fahren. Ähnlich unvorstellbar ist es heute für viele, dass alpiner Wintertourismus in 30, 40 Jahren großteils ohne Skifahrer stattfinden wird.