Karneval auf den Kanaren Traurig-komisches Ende des Karnevals

Die Sponsoren, von Internetseiten bis zu Spielzeugherstellern, haben mit Strass nicht gespart. Gut 15.000 Euro kostet jedes Kostüm, breit wie ein Scheunentor und schwer wie ein Geldschrank. Das wird später, nach dem Defilee vor Kameras und Publikum, prämiert, nicht die Schönheit der Trägerinnen. Wird das alles halten? Dann geht das Tor auf, und die Mädchen treten eine nach der anderen durch die Laserlicht-Spirale auf die Bühne, ins Feuer der gut eine Million Watt starken Lichtanlage. Die Leute jubeln.

Agüimes mit seinen 6000 Einwohnern ist traditionell das Herz des ländlichen Karnevals auf den Kanaren. Nur hier feierte man, obwohl es verbotenwar, sogar unter Franco, während überall in Spanien Friedhofsruhe herrschte. Ein kleines Dorf gegen den bigotten Diktator - Asterix español, darauf ist Agüimes heute noch stolz. Jeder kann sich einreihen in den Zug oder daraus verschwinden, um irgendwo mit Freunden zu feiern. Noch immer ist das meiste Improvisation. Manche Pappmasché gewordene Idee erweist sich als instabil, besonders, als wir in die steilen Gassen im Ortskern einbiegen, dort, wo es eng und dunkel ist.

Ein Wagen wurde zu breit gebaut, ein Aufbau ist zu hoch und stößt nun gegen ein Kabel zwischen den Häusern. Der Zug stockt. Helfer springen herbei, Leute lehnen in den Türen, Bässe lassen Scheiben zittern. Der Marktplatz mit den riesigen Lorbeerbäumen ist zum Bersten voll. Der Bürgermeister hält die Eröffnungsrede, doch kaum einer hört zu. Alle wollen nur feiern. Die Latinoband auf der Plaza dreht die Verstärker auf. Wir haben uns warmgetanzt. Es ist gleich Mitternacht, die große Sause kann beginnen. Es wird spät werden.

Karneval in Las Palmas, das ist Inszenierung total. Zweitausend Zuschauer haben Eintrittskarten bekommen, um sich von diesem Entertainment beeindrucken zu lassen. Die meisten jedoch drängen sich hinter den Absperrgittern und folgen dem Spektakel im Stehen. Spaßmacher tragen politische Spottlieder vor. Die karnevalistischen Botschafter kommen aus allen Ecken Gran Canarias und haben monatelang an Texten und Choreografien gefeilt. Auch andere Inseln schicken ihre besten Clowns. Manche kommen gar aus Venezuela oder Kuba, wo viele Canarios in x-ter Generation leben, nachdem ihre Vorväter die einst bitterarme Heimat verließen. Nach zwei Stunden ist die Show vorbei.

Der Pflicht ist Genüge getan, die neue Königin in Amt und Würden. Draußen kommt Leben in die Buden. Menschen drängen durch Grilldunst zu Tapas und Hochprozentigem. Die Plaza Santa Catalina wird zur Open-air-Disco. Einige ziehen zum nahen Las-Canteras-Strand, andere nehmen noch ein paar Drinks. Die Bars haben bis zum Morgengrauen geöffnet. Familien schieben Kinderwagen nach Hause. Die erste Schlacht ist geschlagen.

Wenige Urlauber auf Gran Canaria wissen, dass unter ihren Augen und doch Lichtjahre entfernt vom routinierten Ferienbetrieb an der Küste einmal im Jahr kanarische Lebenslust explodiert. Dabei kann jeder dabei sein, mit und ohne Pappnase. Bei der Wahl der Drag Queen zum Beispiel, die in Las Palmas und auch in Playa del Inglés ein paar Tage später stattfindet. Auf grotesk hohen, schwankenden Plateausohlen schreiten die Schönen der Nacht zur Wahl ihrer Königin auf die Bühne.

Faune, Feen, Freaks - elegante Traumgestalten, deren Exotik sich niemand entziehen kann. Oder bei der Gran Cabalgata in Las Palmas, die dieses Jahr von der Innenstadt zur Halbinsel La Isleta führt. Den "großen Umzug", der sich im Schritttempo über sechs Stunden hinzieht, begleiten 200.000 Menschen. Auch Scharen verkleideter Kinder bestaunen die Festwagen. Die Kleinen haben sogar ihre eigene Königin, ihren eigenen Umzug. Jeder kann mitlaufen, auch Feriengäste sind willkommen.

"Wir Canarios freuen uns, wenn wir hier auch Touristen beim Karneval treffen", versichert Efi. Wer sich unter die Tanzenden auf dem Platz vor der Kirche von Agüimes mischt, wird schnell Teil dieser Ausgelassenheit. Erst am frühen Morgen des Sonntags bringen wir unsere Carroza zurück. Alle sind müde. Nur das Schwein hoch oben auf seinem Podest sieht nach wie vor taufrisch aus. Einmal noch werden wir es hervorholen und durch die Straßen fahren, zum Entierro de la Sardina.

Das traurig-komische Ende des Karnevals kommt als "Begräbnis der Sardine" daher. Warum, stellvertretend für die tollen Tage, ausgerechnet ein Fisch zu Grabe getragen wird, weiß niemand so recht. Silbrig, aufgetakelt mit Krönchen und rotem Schmollmund, eine Kreuzung aus Miss Piggy und Meernixe, blickt sie herab von ihrer Carroza, ein Pappkamerad im Wal-Format. Auf einem Karren ziehen sie die Sardine dann hinter den Umzugswagen her - durch Agüimes, Las Palmas, Playa del Inglés, begleitet von einer greinenden Schar alter Weiber, die, ganz in schwarz und tief gebeugt, lauthals den Tod des Tieres beklagt. Müßig zu sagen, dass auch diese nur als verkleidete Clowns dem Karneval sein letztes närrisches Geleit geben.

In Maspalomas wird die Sardine über den Strand geschleppt. In Las Palmas geht der Fisch am Meer in Flammen auf. In Agüimes setzt man die Sardine vor der Kirche in Brand. Dann werden wir uns noch einmal alle versammeln in Kostüm und Maske, Efi, María, Elena und die anderen. Wie Donnerhall wird es um Mitternacht durch die Menge brausen: "Verbrennt die Sardine! Verbrennt die Sardine!" Dann geht der Fisch inmitten eines Feuerwerks in Rauch auf. Der Karneval ist tot, es lebe der Karneval!

Vulkantourismus auf Teneriffa Mann im Mond