Karneval auf den Kanaren Feiern bis die Sardine brennt

Das schönste Kostüm gewinnt: In diesem Jahr trug es Giovanna Lee Alfonso, die passenderweise als frisch gekürte Karnevalskönigin von Las Palmas ein paar Tränen verdrückte. Ihr Gewand heißt "Lágrimas por ti" (Tränen für dich).

(Foto: dpa)

Faune, Feen, Freaks: Zum Karneval explodiert die kanarische Lebenslust. Dann ist Gran Canaria Lichtjahre entfernt vom routinierten Ferienbetrieb. Doch nur wenige Touristen wissen davon.

Von Sven Weniger

Die Musik schwillt an. Drüben, am anderen Ende des Parkplatzes, fährt irgendjemand die Phonzahl hoch. Der Generator summt. Ein paar kostümierte Nachzügler nähern sich im fahlen Licht der Straßenlaternen. Clowns prügeln auf ihre Trommeln ein. Mädchen mit Federboas lassen die Hüften kreisen. Ein halb nackter Steinzeittrupp schwingt seine Keulen. Atem steigt wie Nebel auf. Es ist kurz nach 22 Uhr im Ort Agüimes, eine Februarnacht in den Bergen Gran Canarias bei 13 Grad Celsius.

Kein Problem, María reicht den Rotwein herum, Elena erst die Tortilla, dann den Zimtkuchen. Efi prüft die Carroza, den Umzugswagen, auf dem ein riesiges Pappmasché-Schwein auf einem Podest sitzt, fett, grinsend und sichtlich zufrieden - sein Werk. Gelächter, Zurufe. Elena zieht uns allen das Make-up nach. Das ganze Jahr über haben meine Freunde und Nachbarn auf diesen Tag hingearbeitet, haben in ihrer Freizeit genäht, geklebt, geschraubt und montiert für diesen Moment. Sie haben es mir nachgesehen, dass ich selten hier war, weniger geholfen habe. Ich gehöre zum Dorf, zu ihnen, seit ich hier wohne, auch wenn ich oft unterwegs bin.

Daher bin ich jetzt ein Clown wie sie, mit blaugelben Augen, weißem Kinn und Wangen, bunten Girlanden am Zylinder. Die ersten der zwei Dutzend anderen Wagen setzen sich in Bewegung. Die Menge beginnt zu brodeln. Auch wir rollen los. Heute ist die Nacht der Nächte, und niemand spürt die Kälte - weder Teufel noch Transvestiten, Hexen oder Cowboys. Denn heute ist Karneval.

Einmal im Jahr vergessen die Canarios alle Konventionen: was gut und anständig ist, was frivol und unmoralisch. Auch Efi Hidalgo, Verwalter eines Ferienkomplexes im Süden, die Lehrerin María, seine Frau, die Studentin Elena Sánchez und all die anderen. Einmal so sein, wie man es sich im Alltag nie trauen würde, offen oder hinter Maske und Schminke. Sich verkleiden, sich gehen lassen, trinken, tanzen, über die Stränge schlagen. Spaß haben bis zum nächsten Morgen und dann wieder und wieder - drei Wochen lang. Und jeder macht mit, ob acht oder 80 Jahre alt.

Die Cabalgata, unser gut 300 Meter langer Festzug, schiebt sich nun die Hauptstraße hinab; grell bepinselte Lieferwagen, Musikboxen im Fond, Türen weit offen, um kein Dezibel zu vergeuden; dann die Carrozas. Dahinter schwitzende Trommler zu Fuß, wippende Pulks aus Tänzern und Sängern, quietschbunt gestylt wie ein Fernsehtestbild. Ein Traktor zieht eine rollende Diskothek ins taghelle Licht. Hier auf der Hauptstraße stehen die Scheinwerfer des lokalen Fernsehens, das live überträgt. Hier wollen wir gut aussehen, tänzeln in Salsaschritten. Auf beiden Seiten drängen sich die Zuschauer. Man sieht sich, erkennt sich erst bei genauem Hinsehen, macht Witze. Wir prosten uns zu, werfen Kindern Bonbons zu. Auch diesmal haben sich Efi und seine Freunde wieder reingehängt. Denn der beste Festwagen wird prämiert.

"Jedes Jahr gibt es ein Karnevalsmotto", erklärt er, "zu diesem müssen sich alle etwas einfallen lassen. Diesmal heißt es ,Die Natur ist weise'. Deshalb das Schwein auf dem Sockel." Natürlich war unsere Interpretation bis zum Umzug streng geheim. Den Wagen hat niemand vorher gesehen, der nicht zu uns gehört. Wir wollen ja gewinnen. Die Chancen stehen gut. In Agüimes ist man nämlich immer auch bemüht, Ingenio auf den Arm zu nehmen. Seit ewigen Zeiten herrscht Rivalität mit der Nachbargemeinde, deren Einwohner bei uns nur Cochineros, Schweinetreiber, heißen, weil dort früher ein großer Sauenmarkt war. Da machen wir mit unserem Tier bestimmt Extrapunkte.

Im Santa Catalina Park in Las Palmas steht zur selben Zeit eine riesige Bühne, gegenüber eine bestuhlte Tribüne wie beim Pferderennen. Palmen wiegen sich in der Meeresbrise auf dem weitläufigen Platz. Es ist ein lauer Frühlingsabend. Hinter den Kulissen sind die Mädchen nervös. Nicht, dass sie viel zu tun hätten. Nur einmal einen Aufbau von Kostüm über die Bühne tragen, das sie weder erdacht noch gemacht oder bezahlt haben. Eigentlich keine große Sache, in fünf Minuten erledigt.

Aber schließlich wollen alle Reina del Carnaval werden, Karnevalskönigin. Ein kurzer Ruhm, Fotos in allen Zeitungen, Interviews, Repräsentation, mit Glück gar einen Model-Vertrag bei der Kaufhauskette El Corte Inglés. Diese Chance bekommen sie nur heute und dann nie wieder. Nun stehen sie eingekeilt zwischen Leitern und Stühlen, auf denen Helfer mit Klammern, Heftpflastern und Nadeln an ihnen herumfummeln. Sie funkeln wie Diamantminen und halten prächtige Masken in den Händen. "Großer Maskenball" ist das Thema dieses Karnevals in Gran Canarias Hauptstadt.