Karibikinsel Dominica Gäste gesucht, die mit anpacken

Auch an der Westküste wurden Dächer abgedeckt, über die jetzt behelfsweise blaue Planen gespannt sind.

(Foto: Jens Kuhr)

Vor einem Jahr hat der Hurrikan "Maria" die Karibikinsel Dominica verwüstet. Helfer werden nun belohnt mit Kochkursen, Exkursionen, Gesprächen - also mit Nähe zu den Einheimischen.

Von Jens Kuhr

Willma Bruny steht in der Ruine des Hauses ihrer Nachbarin und wird immer lauter. So, als würde sie nochmals gegen den Lärm anschreien, wie damals, als der Sturm ihr Dorf Calibishie verwüstete. Es war so laut, dass sie die Hilferufe und das Klopfen ihrer Nachbarin lange nicht hörte. "Wie ein Düsenjet, der ständig die Schallmauer durchbricht." Als Willma Bruny die Tür ihres Hauses öffnen wollte, drückte der Hurrikan diese von außen zu. Es dauerte ewig, bis sie der Nachbarin endlich Schutz bieten konnte.

Die Schreckensnacht vom 18. auf den 19. September vergangenen Jahres, als Hurrikan Maria auf der zwischen Guadeloupe und Martinique gelegenen Karibikinsel Dominica wütete, wird wohl niemand dort je vergessen. Das Land hatte sich gerade von Hurrikan Erika erholt, der die Insel 2015 heimgesucht hatte, als der noch viel verheerendere Hurrikan Maria die Insel traf. Der Sturm fegte mit mehr als 300 Stundenkilometern über Wälder und Orte, Regenmassen ließen die Flüsse anschwellen und lösten Geröll- und Schlammlawinen aus. Offiziell ist von rund 60 Hurrikan-Opfern die Rede. Ein Feuerwehrmann, der seinen Namen aus Angst vor Konsequenzen nicht nennen will, hält diese Zahl für zu gering. Viele Menschen seien an den Folgen der Katastrophe gestorben: ältere Menschen durch Stress, Verletzte, weil es keinen Zugang zu Medikamenten gab.

Maria zerstörte oder beschädigte laut Regierung des Inselstaates 90 Prozent der Häuser. Ebenso Straßen, Brücken, Flughäfen. Zu allem Überfluss bleiben nun auch noch die Gäste weg - vor dem Hurrikan war der Fremdenverkehr einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Dominicas. Natürlich beeilte sich die Regierung, zumindest die wichtigsten touristischen Orte instand zu setzen: Die Wege zu den vielen Wasserfällen, zum Boiling Lake, der zweitgrößten Thermalquelle der Welt, und zu den natürlichen Pools im Hochland sind schon wieder gut zu befahren. Trotzdem kommen bislang wenig Urlauber. So hofft die Regierung auf eine andere Art von Reisenden: Gäste, die in ihrem Urlaub freiwillig Aufbauarbeit leisten.

Selbst Bananen, von denen es vor dem Sturm 14 Arten gab, werden jetzt importiert

Arbeit gibt es genug: In Schulen werden Tischler gesucht, um Dächer zu reparieren; am Indian River, einem breiten, von Mangroven gesäumten Fluss, der als Filmkulisse für den zweiten Teil von "Fluch der Karibik" diente, liegen Stämme kreuz und quer; Farmer brauchen Hilfe beim Anpflanzen. Viele haben alles verloren, was über der Erde wächst: Avocados, Mangos, Javaäpfel, Passionsfrüchte, Orangen, Grapefruits, Papayas. Selbst Bananen, von denen es vor dem Sturm 14 einheimische Arten auf den Märkten gab, müssen nun importiert werden.

Neu ist der sogenannte Voluntourism auf Dominica nicht. Schon vor Hurrikan Maria halfen Besucher bei Arbeiten, für die sich auf der Insel sonst niemand zuständig fühlte. Beim Schutz der Meeresschildkröten etwa. Zwischen März und Oktober kommen verschiedene Schildkrötenarten zur Eiablage auf die Insel. Die örtliche Schutzorganisation "Nature Enhancement Team" hatte vor Jahren mit Hilfe ausländischer Helfer Beobachtungsstände am Strand errichtet. Die sind zerstört, müssen neu errichtet werden.

Zwischen Zerstörung und Aufbau.

(Foto: Jens Kuhr)

Der Ministerpräsident Dominicas, Roosevelt Skerrit, versprach direkt nach der Katastrophe, sein Land als erstes der Welt "klimaresistent" wiederaufzubauen. Das brachte ihm viel Aufmerksamkeit und auch Fördergelder von der internationalen Staatengemeinschaft ein. Die Suche nach Beispielen für einen solchen Wiederaufbau der Insel bleibt allerdings ergebnislos. Überall Achselzucken. Auch Margel Durand fällt nichts ein, was eine Umsetzung des Versprechens illustrieren könnte. Der Fuhrunternehmer aus der Hauptstadt Roseau steht am Geländer einer Aussichtsplattform über der Stadt. Unten wird gehämmert, gesägt und gebohrt, werden zerstörte Dächer repariert. "Viele werden auch den nächsten Hurrikan nicht überstehen, schon allein, weil die Wellblechplatten genagelt und nicht eng verschraubt sind", sagt Durand. Auch die Abstände zwischen den Dachsparren sind oft zu groß, um ausreichend Stabilität zu bringen. Durands Betonhaus dagegen hat den Sturm ohne große Schäden überstanden, ebenso wie die meisten anderen Betonhäuser auf Dominica. Der Unternehmer meint, dass Bauvorschriften nötig seien, die für alle Bewohner gelten und wirklich kontrolliert werden. "Erst dann werden die Häuser sicher", sagt er. Ebenso gehörten Strom- und Telefonleitungen unter die Erde, "dann kann ihnen ein Hurrikan nichts anhaben".

Wie hurrikansicheres Bauen geht, wussten die Ureinwohner der Insel, die Kalinago, von denen rund 3000 im östlichen Kalinago Territory leben. Deren traditionelle Hütten haben die Form eines halbierten Eis, die Außenwände bestehen aus den geschickt ineinander verwobenen, großen Blättern eines Busches, den die Einheimischen Selmush nennen. Ebenso wie die zur Kolonialzeit erbauten Militärgebäude haben sie den Hurrikan überstanden. Auch Dominicas größte historische Sehenswürdigkeit steht noch: Fort Shirley im Nationalpark Cabrits.

Verantwortlich für die originalgetreue Rekonstruktion des Forts war Dr. Lennox Honychurch. Auf der Insel ist der Mann eine Legende. Er hat die Verfassung des seit 1978 unabhängigen Landes mit entworfen und zahlreiche Bücher über die Insel geschrieben. Auch bei der Planung der Wanderwege im Nationalpark, die alle schon wieder begehbar sind, war er dabei. "Allein für die historischen Pfade in den Cabrits sollten sich Besucher einen Tag Zeit nehmen", empfiehlt Honychurch. Er hat die Pläne studiert, nach denen die ehemaligen Kolonialherren ihre Gebäude in Hurrikan-Gebieten errichteten. Sie setzten wuchtige, winddurchlässige Lamellen vor die Fenster und sicherten die Dachstühle mit doppelten Balkenkonstruktionen. Jedes Gebäude enthielt einen Raum, der selbst dann noch Schutz bietet, wenn der Rest des Hauses zerstört ist. Honychurch hat sein Haus so gebaut; Maria konnte ihm nichts anhaben.

Kochkurse, Exkursionen, Gespräche: Die Helfer kommen den Einheimischen nah

Mitentwickelt hat Honychurch auch den im Jahr 2012 eingeweihten Waitukubuli National Trail. Der Weg ist 184 Kilometer lang, er führt von Süden nach Norden in 14 Tagesetappen. Der 66-Jährige hat dafür gesorgt, dass der Trail auf vielen Passagen den alten Strecken der Kalinago folgt. Ein Teil des Weges im Norden sei bereits wieder begehbar, sagt er. Für andere Abschnitte haben Hotels Patenschaften übernommen. Auch hier werden Helfer für Aufräumarbeiten gesucht.

Auf den höher gelegenen Berghängen liegen noch jetzt riesige alte Gommier- und Chatanyé-Bäume wie Mikadostäbchen in der Landschaft, dazwischen ragen Baumskelette empor, die von Kletterpflanzen in Besitz genommen werden. Tödlich für die Bäume war nicht nur der Wind. Vom Hurrikan umhergeschleuderte Äste schälten die Rinde der Bäume, Salzwasser, das Maria aus dem Meer aufsog und über der Insel abwarf, besorgte den Rest.

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Dass die Regierung weiterhin auf Natur- und nicht auf Massentourismus setzt, hofft der Münchner Geografie-Professor Jürgen Schmude, der die Folgen des Hurrikans untersucht. Noch vor kurzem warben die Tourismusverantwortlichen Dominicas damit, dass "The Nature Island" auch künftig große Hotelketten erspart blieben. Das gilt offenbar nicht mehr. Die Ketten Kempinski und Marriott würden demnächst große Hotels auf der Insel eröffnen, so Schmude. Dabei passe zur Insel ein sogenannter Gemeindetourismus viel besser. Es gibt auf Dominica ja bereits viele kleine Hotel-Betriebe - hier profitieren die Einheimischen von den Urlaubern, nicht ausländische Unternehmen.

Jem Winston etwa sitzt im Schatten eines einfachen Holzunterstandes, der ihm als Bar und Pausenraum für die Arbeiter dient, die ihm helfen, seine "3 River Lodge" wieder aufzubauen. Drei der sechs Cottages sind dem Sturm zum Opfer gefallen. Das Gemeinschaftshaus, der große Garten, die drei Baumhäuser, von denen aus seine Gäste früher in das tropische Grün des Rosalie-Tales mit den riesigen Chatanyé-Bäumen und haushohen Farnen blicken konnten: alles zerstört. Trotzdem will Winston es noch einmal versuchen. "Solange das Land so kaputt ist, werden die normalen Gäste nicht kommen", sagt der gebürtige Brite. Bis dahin sei das Land auf Volunteers angewiesen. Das bringe zumindest etwas Geld. Und auch Know-how sei gefragt, weil viele qualifizierte Leute die Insel nach dem Hurrikan verlassen hätten.

Wichtig ist Winston aber, dass Gäste und Gastgeber voneinander profitieren. So erwarten die Besucher nicht nur Arbeiten in der 3 River Lodge, sondern auch ein kreolischer Kochkurs bei Nachbarin Mary, Wanderungen und eine Exkursion ins Dorf Grand Fond mit Besuchen der Gemeinschaftsgebäude und Gesprächen mit den Einheimischen, die geblieben sind. Zwischen 15 000 und 20 000 Menschen, so wird geschätzt, haben Dominica nach dem Sturm verlassen, rund ein Viertel der Bevölkerung. Noch so ein Hurrikan wie Maria, da sind sich hier alle sicher, und Dominica wäre verwaist. Die Nachbarin, die in der Sturmnacht bei Willma Bruny Zuflucht gesucht hatte, lebt jetzt in den USA.

Reiseinformationen

Anreise: Aus Europa gibt es keine Direktflüge. Am besten z. B. mit Air France nach Guadeloupe ab 600 Euro, von dort am nächsten Tag weiter mit der Fähre nach Dominica, 118 Euro, www.express-des-iles.com; oder mit Air Antilles Express, 143 Euro, www.airantilles.com, alle Preise hin und zurück.

Unterkunft: In der Natur: 3River Eco Lodge ab 42 Euro / Cottage, www.3riversdominica.com; am Strand: Picard Beach Cottages ab 115 Euro. An der Steilküste: Tamarind Tree Hotel, DZ ab 100 Euro. Mit Meerblick in der Hauptstadt: Fort Young Hotel, DZ ab 220 Euro. Voluntourism: http://dominicaupdate.com/voluntourismus-auf-dominica

Weitere Auskünfte: www.discoverdominica.com, Dominica-Fremdenverkehrsbüro, Tel.: 0711 / 26 34 66 24

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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