Kapverdische Inseln Aus der Asche

Vor einem Jahr wurden bei einem Vulkanausbruch auf der Kapverden-Insel Fogo zwei Dörfer verschüttet. Die Lava ist noch nicht erkaltet, da bauen die Bewohner wieder ihre Häuser auf.

Von THOMAS HEINLOTH

An dem Abend, als der Berg sein Dorf verschlang, saß Fernando Rodrigues de Andrade auf dem Gipfel und sah zu dabei. Sah, wie sich der glühende Lindwurm aus flüssigem Gestein unerbittlich vorwärtsfraß, zunächst die Ziegenställe vorn am Ortseingang verbrannte, dann Amarisas Haus und die Pension dahinter, den kleinen Supermarkt von Davids Eltern, die Schule und den Kindergarten, sah, wie die Kirche in der Glut versank bis auf den spitzen Giebel, und hörte, bis hier oben, die Ziegen schreien und wie die Eisenträger in den Häusermauern barsten. Und Fernando saß auf seinem Gipfel, seltsam unberührt. "Es war", sagt er, "fast wie im Kino. Ein Film, den sich nur irgendjemand ausgedacht hat."

Er hatte einen Logenplatz: 2829 Meter über dem Atlantik, der die kleine Insel umgibt, der höchste Punkt am Kraterrand des Vulkanes, von dem die Insel ihren Namen hat. Die Rauchsäule über dem Pico do Fogo, dem "Feuergipfel", wies den Seeleuten über die Jahrhunderte den Weg zu den Kapverdischen Inseln, und nie ist das Feuer hier erloschen. Zwar sind der Hauptschlot und der Rand des großen, alten Kraters kalt geworden, doch an den Flanken des Vulkans tut sich alle paar Jahrzehnte die Erde auf und kehrt ihr Innerstes nach außen. Zuletzt am 23. November des vergangenen Jahres.

Die Katastrophe ließ sich Zeit. Zwei lange Wochen schob sich die Lava talwärts, erst durch Geröll den Hang hinunter, dann durch die Pflanzungen der Bauern in der pechschwarzen Lava-Erde, durch Kongobohnen, Mais und Quitten. Stück für Stück kroch die glühende Zunge fast unerträglich langsam näher, erst zum Schluss, in der Talsohle, nahm sie noch einmal Fahrt auf. Am Nikolaustag 2014 verschwand Portela unter einer sechs Meter hohen Welle aus kochendem Gestein, am darauf folgenden 7. Dezember der Nachbarort Bangaeira. Keine Toten, keine Verletzten. Aber kein Haus stand mehr, bis auf das allerletzte, dort, wo die Dorfstraße zu Ende ist: Fernandos Haus. Vier und einen halben Meter vor seiner Tür kam der Brei aus Lava und den Einzelteilen des Dorfs zum Stehen und erstarrte. "Es war so still danach", sagt er.

Schon eine halbe Stunde später kehrte er zurück in sein heil gebliebenes Elternhaus. Nie ist er von hier weg gewesen. Nie war er auf den anderen Inseln, auf Sal oder auf Boavista, und der eine Ausflug in die Inselhauptstadt São Felipe, mit dem Minibus zwei Stunden die Serpentinen runter bis zur Küste, hat ihm gereicht. "Hier", sagt er, "hier unter dem Vulkan. Das ist mein Platz." An manchen Tagen ist er zweimal oben, 1200 Höhenmeter rauf und wieder runter, kümmert sich um die Ziegen und um seinen Wein, oder bringt Touristen an den Kraterrand, zeigt ihnen, wo das Geröll gefährlich lose ist, und erklärt die bunten Tupfer in der monochromen Anthrazit-Welt des Vulkans: Zitronenthymian, Tagetes, Lavendel, Senf und Königskerze. Sechs Gästezimmer hat er in seinem kleinen Hof, in den Tagen nach der Katastrophe wurden sie zur Bleibe für die ersten, die danach wieder kamen.

Auch David Fernandes Montrond hat damals ein paar Nächte hier verbracht, streifte mit den anderen aus dem Dorf durch das Trümmerfeld, fühlte, wo die scharfkantigen, schwarzen Brocken schon lauwarm waren, suchte im festgebackenen Schutt nach Habseligkeiten und Erinnerungen. "An Fortgehen", sagt er, "hat kaum einer gedacht." Seine Eltern haben den Ascheregen von 1951 miterlebt, er schon die vorletzte Eruption 1995. "Wer hier lebt, weiß, dass es nach einem Ausbruch weitergeht."

Der Steinbrei sieht aus wie ein Kunstwerk. Der Winzer lässt darauf seinen Wein verkosten

Noch immer liegt der Geruch von Schwefel und verbranntem Stein über den beiden Ortschaften, doch es riecht auch nach Cachupa, dem Nationalgericht der Kapverden, einem Eintopf aus Bohnen, Mais und Kürbis. Vor allem aber riecht es nach Zement und frischer Farbe. Auf dem zerklüfteten Lavabett wird Estrich glatt gezogen, Dieselgeneratoren treiben Betonmischer an. Auf dem Grab ihres Dorfes bauen die Bewohner unbeirrt ein neues auf. Von den 1200 Menschen, die vor dem Ausbruch hier zu Hause waren, sind bislang zwar nur rund 50 wieder da. Doch David sagt: "Sie kommen alle wieder."

SZ-Karte

Sein Restaurant war ein Rohbau, als sich der Berg ins Tal erbrach, und so unbarmherzig und gewaltvoll sich die Lava vorwärts drängte, so geschmeidig und elastisch war andererseits der Strom aus geschmolzenem Gestein, ließ die Grundmauern von Davids Rohbau stehen und drängte durch Tür- und Fensteröffnungen in die Gaststube. Dort blieb der Steinbrei stehen wie ein Kunstwerk, eine bizarre mattschwarze Skulptur, auf der David seinen Gästen jetzt seine Wein-Auswahl präsentiert: weißer Moscatel de Setúbal und roter Touriga Nacional, gelesen an den Hängen des Vulkans.

Der mineralreiche Boden und die Tropensonne bringen Wucht und Volumen in die Trauben, der Wein aus Fogo gilt als einer der besten Afrikas. 108 Bauern liefern ihre Reben in der Kooperative ab, wo David sie keltert, er, der studierte Önologe. "Nichts", sagt er, "geht über einen Wein unter einem Vulkan." Der Jahrgang 2014 war ein besonders gelungener, der Touriga mit typischen Gewürznoten, der Moscatel mit Pfirsichtönen und einer Spur von Ananas. Für den Weißen konnten sie nichts mehr tun, als der Glutstrom den Bau der Kooperative erreichte, 100 000 Liter verdampften in Sekunden. 100 000 Liter Roten aber konnten David und seine Leute retten. Sie schleppten den kostbaren Tropfen in Plastikfässern den Hang hinter dem Dorf hinauf, in Sicherheit.

Auf dem Hang trafen sich damals viele mit dem, was sie noch herausgeholt hatten aus den Häusern. David mit seinem Wein, und Amarisa Lopes de Pina mit einem Haufen Akkus und Dutzenden Solarpaneelen. "Hier oben", sagt sie, "musst du autark sein, auch bei der Stromversorgung." Zwei Pensionen hat sie bei dem Ausbruch verloren, jetzt aber brummen die schweren Akkus wieder in einem Raum hinter ihrer Küche. Am 1. Oktober hat sie aufgemacht, 14 Zimmer rund um einen rechteckigen Innenhof mit angeschlossenem Restaurant, und das neue Haus heißt wie das alte, auf dessen Trümmern es entstand: Casa Marisa. Ein großes schneeweißes Geviert ist Amarisas Reich, und es schwimmt beinahe wie ein Floß auf dem rissigen, dunklen Ozean aus Stein darunter.

Informationen

Anreise: Zu erreichen ist Fogo nur per Fähre oder Flugzeug von der Nachbarinsel Santiago aus. Dorthin fliegt etwa TAP via Lissabon, ab ca. 600 Euro, www.flytap.com

Übernachten: Casa Marisa, DZ ca. 45 Euro, und andere Pensionen, meist auch über Amarisa Lopes de Pina vermittelt, www.fogo-marisa.com

Vulkan: Seit 11. November ist der Pico do Fogo wieder zur Besteigung frei gegeben. Der Aufstieg, am besten mit Führer, dauert etwa drei Stunden.

Reisearrangement: Studiosus hat eine 15-tägige Wanderreise auf die Kapverden im Programm, bei der auch der Pico do Fogo bestiegen wird, ab 3195 Euro, www.studiosus.com

Der Boden unter ihrem Haus ist noch nicht kalt geworden. Auf den hellen Fliesen in den Zimmern der Casa Marisa kann man kaum barfuß gehen, so heiß ist das Lavakissen in der Erde darunter. Morgens, wenn die Luft noch frisch ist, dampft es im Innenhof durch den schwarzen Splitt. Die Schösslinge, die Amarisa vor ein paar Wochen probehalber in die warme Erde setzte, waren nach einer Stunde Kompost. "Keine Ahnung", sagt sie, "wie lange es dauert, bis alles wieder ist wie früher."

Auf dem Tresen, der den großen Gastraum von der offenen Küche trennt, steht ein Modell aus Lavastein: die alte Casa Marisa, die jetzt Teil des Trümmerfeldes ist. "Wir haben fast alles verloren damals", sagt Amarisa Lopes de Pina. Und doch hegt sie keinen Groll gegen den Vulkan. "Viel schlimmer als alle Naturkatastrophen sind die Behörden." Der Verwaltungschef von Santa Catarina lachte nur, als sie um eine Baugenehmigung bat. Nie wieder, sagte er, würde unterhalb des Vulkans ein Ort entstehen. Amarisa und die anderen aber bauten trotzdem, auch als die Behörden erst mit Bußgeldern und dann mit Planierraupen drohten. "Irgendwann haben sie wohl beschlossen, uns einfach allein zu lassen."

Keine Müllabfuhr und keine Polizei, kein Strom und keine Schule, kein Gesundheitsposten, keine Post: Portela und Bangaeira sind abgehängt und wachsen dennoch jeden Tag ein Stück. Durch die Geröllhalde, die die Dörfer unter sich begraben hat, stolpern Hühner, vor einem Lkw-Container stehen ein paar Plastiktische, und darauf steht kaltes Bier, nebenan in einem unverputzten Provisorium hat ein kleiner Laden aufgemacht. Und die Wandergruppen aus aller Welt sind wieder da. Steigen auf den Pico und machen beim Abstieg Station an der frischen Ausbruchstelle, aus der noch immer graue Schwaden steigen, balancieren entlang des Kraterrandes im schwefelgelb kristallgezuckerten Gestein.

In den nächsten Wochen wollen Amarisa und David sammeln gehen. Eine Million kapverdische Escudos, knapp 10 000 Euro, brauchen sie, um die verschüttete Pflasterstraße wieder herausklopfen zu lassen aus dem meterhohen Wall aus Stein, damit wieder Taxis kommen und die Minibusse. Noch weigern sich viele, die Dörfer anzufahren, weil die Ausweichstrecke am Rand des Talkessels für Fahrgäste ein Abenteuer ist und für die Fahrer ein zeitraubender Albtraum. Über diese Piste muss alles von der Küste heraufgefahren werden, Lebensmittel, Baumaterial, und vor allem: jeder Tropfen Wasser. "Wenn erst die Straße wieder steht", sagt Amarisa, "sind wir aus dem Gröbsten raus."

Und der Berg? Was, wenn der Fogo wieder Rauch und Feuer spuckt? Wie lange dauert es bis zur nächsten Eruption? Acht Kilometer, sagen die Vulkanologen, misst der Magma-See im Durchmesser, der tief unter den beiden Dörfern in der Erde kocht. Amarisa aber sagt: "Der Berg macht uns keine Angst. Der Vulkan gehört zu uns. Und er hat uns immer schon zurückgegeben, was er uns genommen hat."

Seit der Eröffnung ist sie ausgebucht. Über die warmen Bodenplatten im Restaurant saust Sam, ihr Sohn, mit einem Bobbycar, und Amarisa wirbelt hinten in der Küche, rührt Kokospudding und Püree aus Süßkartoffeln zu ihrem berühmten Huhn mit Stachelbeeren. Am Abend kommt David wohl vorbei mit der Gitarre und bringt Fernando und noch ein paar andere Freunde mit. Und dann machen sie eine Flasche auf, Touriga Nacional 2014er, der Katastrophenjahrgang also, singen, klatschen, feiern, tanzen auf dem Feuertopf unter ihren Füßen und pfeifen auf den unberechenbaren Nachbarn, den großen schwarzen Kegel draußen in der Finsternis.