Bohrtürme vor Kanarischen Inseln geplant Erdöl contra Sonnenöl

Experten des multinationalen Konzerns Repsol sind sich sicher, vor den Kanaren ein riesiges Erdölfeld entdeckt zu haben - und wollen mit Probebohrungen vor Fuerteventura und Lanzarote beginnen. Einheimische und Touristikbranche sind entsetzt. Denn was ist, wenn es zu einem Unfall kommt?

Von Javier Cáceres, Madrid

Die Einwohner auf den Kanaren können sich noch gut daran erinnern, wie es vor einigen Jahrzehnten auf ihren Inseln aussah. Ein bisschen Landwirtschaft wurde betrieben und Fischerei, doch weil das nicht reichte, war die Emigration für unzählige Kanarier die einzige Alternative zum blanken Hunger.

Urlaubsparadies Fuerteventura: Spanien hat genehmigt, dass 61 Kilometer vor der Insel Erdöl-Probebohrungen beginnen.

(Foto: dpa-tmn)

Dann kam der Massentourismus. Mittel- und Nordeuropäer verwandelten Strände in Goldgruben. Dass viele längst verschandelt sind - das schien fast egal zu sein. Aber auf den Kanaren befürchtet man nun, dass eben dieser Hauptwirtschaftszweig aufs Spiel gesetzt wird. Spaniens konservative Regierung hat dem Energiekonzern Repsol YPF genehmigt, 61 Kilometer vor den Urlaubsparadiesen Fuerteventura und Lanzarote Erdöl-Probebohrungen zu starten.

Bis an Hotelrezeptionen die Frage "Blick auf die Straße oder lieber Bohrinsel?" ertönt, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen. Aber die Experten des Energiekonzerns sind sich sicher, auf das Oklahoma des Atlantiks gestoßen zu sein. Man stehe vor "der größten Erdölblase der Geschichte Spaniens", bis zu 150.000 Barrel könnten täglich aus dem Meeresgrund gepumpt werden. Dies würde Spaniens Förderkapazität auf einen Schlag verfünfzigfachen.

Zum Vergleich: Die vermutete Menge würde dem Volumen entsprechen, das Spanien durch das EU-Embargo gegen Iran verloren gegangen ist. Spanien muss knapp 99 Prozent seines Erdölbedarfs im Ausland einkaufen, mit gravierenden Auswirkungen auf die Außenhandelsbilanz.

Ölkatastrophe und die "Marke Kanarische Inseln"

Solchen Daten stehen die Sorgen der Inselbewohner entgegen: Was geschieht, wenn es zu einem Unfall kommt? Der deutsche Reiseanbieter Tui warnt: "Eine Ölkatastrophe würde auf Jahre hinaus mit der Marke Kanarische Inseln verbunden werden." Wie stark der Tourismus unter dramatischen Bildern leidet, wissen die Kanarier nur zu gut: Dass die sieben Inseln seit Monaten exzellent gebucht werden, liegt an der arabischen Revolution - Urlauber zieht es seltener nach Nordafrika. Auch würde ein Unfall vor der Küste unter Umständen die wichtigste Lebensgrundlage treffen. Denn wegen des Wassermangels werden jährlich unzählige Kubikmeter Meerwasser mit Entsalzungsanlagen aufbereitet.

An derlei Bedenken, die von Regierung und Repsol bagatellisiert werden, war der erste Versuch einer konservativen Regierung gescheitert, die Ölsuche vor den Kanaren zu genehmigen. 2004 urteilte der Oberste Gerichtshof in Madrid, dass die Gefahren zu groß seien, eine 2001 erteilte Genehmigung wurde gestoppt. Die Sozialisten, die von 2004 bis 2011 regierten, liebäugelten zwar auch mit dem Öl; sie scheuten aber den Konflikt mit den Marokkanern. Diese hatten unilateral einen 200 Seemeilen breiten Streifen zum Staatsgebiet erklärt, die Hoheitsgewässer sind in dem fraglichen Gebiet nicht genau limitiert. Und das ist nicht die einzige Grenze, die ungenau ist.

Die andere trennt Privatunternehmen und Politik. Der für Energie zuständige Staatssekretär von Industrieminister José Manuel Soria war früher Führungskraft bei Repsol. Die Verwaltung Lanzarotes vermutet, dass es noch einen anderen Grund dafür gebe, dass Madrid die Interessen des Konzerns mit großer Eile fördert. Die EU zieht aktuell Konsequenzen aus der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und will schärfere Normen zur Erdölförderung verabschieden. Sie sollen 2013 in Kraft treten. Zuvor wollen die Kanarier erneut klagen - und am Samstag auf allen Inseln demonstrieren. Für Sonnenöl und gegen Erdöl.