Kalifornien-Kolumne Schlag den Trump

Hau den Lukas? Nein, schlag den Trump - in San Francisco hat sich der Kandidat unbeliebt gemacht.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Eine Mauer bauen und alle ausweisen? Latinos würden Donald Trump für diese Pläne gerne Saures geben - immerhin ist ihre Rache süß.

Von Beate Wild, San Francisco

Ein sonniger Sonntagnachmittag im Dolores Park in San Francisco. An einem Baum baumelt eine Puppe mit schwarzem Anzug und blondem Haar. Es ist eine Piñata. Die Figur aus Pappmaché soll Donald Trump darstellen. Ein junger Mann mit verbundenen Augen versucht, Trump mit einem Stock zu treffen. Ziel ist es, seine Figur zum Platzen zu bringen, dann fallen Süßigkeiten aus seinem Bauch.

Der junge Mann stellt sich etwas ungelenk an, er trifft einfach nicht. Um ihn herum feuern ihn seine Freunde auf Spanisch an. Als er beim gefühlt zwanzigsten Versuch die Trump-Puppe endlich mit voller Wucht erwischt, die Süßigkeiten auf den Rasen prasseln und die Reste von Trump in Fetzen am Baum hängen, jubelt und johlt die Meute. Man könnte den Eindruck bekommen, aber: Das Spiel wurde nicht extra wegen dem - oder für den - Präsidentschaftskandidaten der Republikaner erfunden.

Piñatas sind eine Tradition der Mexikaner, oft ist dieses Spiel Höhepunkt von Kindergeburtstagen - allerdings mit Puppen in Form von Pferdchen oder Comicfiguren. Die Donald-Trump-Variante ist neu und derzeit als "Trumppiñata" bei erwachsenen Latinos in Kalifornien äußerst beliebt. Es geht ihnen jedoch weniger um Süßes als um Saures.

Die Mexikaner und alle anderen Hispanics sind nicht gut auf Trump zu sprechen. Er hat angekündigt, eine Mauer zu Mexiko zu errichten und sie alle zu deportieren, sollte er der nächste US-Präsident werden. So findet er keine Amigos.

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Dabei können sich Kalifornier ein Leben ohne Latinos überhaupt nicht mehr vorstellen - auch weil viele von ihnen Latinos sind. Seit dem Sommer 2015 ist es offiziell, dass Hispanics im Golden State in der Mehrheit sind. Sie haben mit 14,99 Millionen Menschen - dazu zählen alle Migranten mit lateinamerikanischen Wurzeln, nicht nur der ersten, sondern auch die der zweiten und älterer Generationen - die weißen Kalifornier mit 14,92 Millionen zahlenmäßig überholt.

Die Mexikaner & Co bereichern nicht nur die Statistik, sondern auch die Küche der Gringos: An jeder Ecke gibt es Tacos, Fajitas und Margaritas. Der Burrito ist sozusagen der Döner Kaliforniens. Fragt man Amerikaner, die von hier weggezogen sind, welche Dinge sie an Kalifornien am meisten vermissen, sagen sie mit ziemlicher Sicherheit: das mexikanische Essen.

Außerdem halten Latinos, ob legal oder illegal im Land, die Wirtschaft am Laufen und übernehmen oft Arbeit, die Amerikaner erst gar nicht machen wollen. Mein Nachbar Arturo etwa hat sogar zwei Jobs. Er geht morgens um fünf Uhr aus dem Haus, um bis zum Nachmittag in einem Coffeeshop in der Küche zu arbeiten. Wenn er dort fertig ist, fährt er zu seinem Zweitjob als Pizzabäcker in einem italienischen Restaurant, dessen Besitzer im Übrigen aus Kolumbien stammt. Den einen Job sagt Arturo, brauche er, um in San Francisco zu leben. Er wohnt in einer heruntergekommenen Sechser-WG, etwas anderes ist bei seinem Gehalt nicht drin.

Den zweiten Job hat er, um etwas Geld zu sparen und seiner Familie zu Hause in Yucatán zu schicken. Daheim in Mexiko war Arturo schon seit zehn Jahren nicht mehr. Er ist illegal in den Staaten. Würde er ausreisen, könnte er nie wieder zurückkommen. Als er mir davon erzählt, werden seine Augen feucht, seine Stimme zittert.

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Trotz ihres illegalen Status sind diese Latinos in Kalifornien übrigens von offizieller Seite durchaus geduldet. Sie dürfen seit Anfang 2015 sogar den kalifornischen Führerschein machen, das hat Gouverneur Jerry Brown, ein Demokrat, durchgesetzt. Fast eine halbe Million Menschen ohne Papiere fahren nun immerhin legal Auto. Das Zeichen, das Brown damit setzen wollte: Auch wenn sie keine US-Staatsbürger sind, werden diese Menschen hier gebraucht.

Wählen dürfen die illegalen Latinos in den USA freilich nicht, aber die Piñatas kann ihnen niemand verbieten. Wegen zu großer Nachfrage ist die Donald-Trump-Puppe in San Francisco derzeit vergriffen.

Kalifornien-Kolumne Neues aus San Francisco
Illustration: Jessy Asmus/ Sz.de

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