Kalifornien-Kolumne Komm zur Besinnung

Imaginieren gegen den Heimweh-Blues: Im Advent nervt manchmal sogar der Anblick von Wellen und Surfern.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Vor Weihnachten geht es in San Francisco an den Strand statt auf den Christkindlmarkt. Das ist nicht so schön, wie es sich anhört.

Von Beate Wild, San Francisco

Wenn es eine Sache gibt, bei der San Francisco gänzlich versagt, dann ist das Besinnlichkeit. Es ist zum Verzweifeln, aber ich komme in dieser Stadt einfach nicht in Weihnachtsstimmung. So sehr wie zurzeit vermisse ich Deutschland sonst nie.

Am ersten Advent etwa, da war ich am Strand. Freilich nicht im Bikini, dazu ist es selbst hier jetzt zu kalt. Aber es war so warm und sonnig, dass ich mich mit Sonnenschutz eincremen musste. Im Wasser warteten Surfer auf ihre Welle, die anderen Strandgäste warteten beim Picknick darauf, Fleisch, Wurst und Gemüse vom Grillrost zu holen. Auch eine Art, Advent zu feiern.

Selbst im eigenen Heim ist niemand besinnlich: Ich weiß von keinem Kalifornier, der sich einen Adventskranz mit Kerzen besorgt. Selbst den guten alten Nikolaus kennt man hier nicht, oder man ignoriert ihn: keine Süßigkeiten in den Schuhen, kein guter Onkel im Bischofskostüm, kein böser Krampus, der einem die Leviten liest. Nicht einmal Geschenke für die Kinder gibt es am 6. Dezember, was mich angesichts der Turbo-Konsumsucht der Amerikaner ein wenig wundert.

Offenbar hat sie noch niemand auf die Idee gebracht, den Nikolaustag für eine weitere Präsente-Verteilungsrunde zu nutzen. Nur Santa Claus darf - und das auch nur an Weihnachten - durch den Schornstein rutschen. Wehe, er klingelt brav an der Tür, noch dazu als Heiliger gewandet statt als rot-weißer Großvater zum Knuddeln.

Jedenfalls musste ich mir eine ordinäre Tafel Schokolade kaufen, da ich Schoko-Weihnachtsmänner in amerikanischen Kaufhäusern und Supermärkten vergeblich suchte.

Alles leuchtet, leider bunt

Unter Vorweihnachtszeit versteht der Kalifornier knallbunte Lichterketten, wild blinkende Santa Clauses, drollige Rentiere mit leuchtenden Nasen und üppig behängte Weihnachtsbäume, Deko-Kunstschnee und von der Fußmatte bis zum Dachgiebel geschmückte Häuser, alles wild leuchtend. Es scheint, als wäre den Amerikanern - zumindest denen mit christlicher Prägung - die stade Zeit zu leise, so dass sie den Advent akustisch und optisch auf- und überdrehen.

Die Weihnachtsvorbereitung besteht vorwiegend aus stundenlangem (Irr-)Laufen durch Kaufhäuser und Malls, um dann erschöpft Präsente in Dutzenden Tüten nach Hause zu schleppen. Und ja, Santa Claus´ typisches Aussehen als dicker Großvater mit roten Pausbacken, ebenso rotem Mantel und langem weißen Bart wird seit 1931 von der Coca-Cola-Werbung geprägt und verbreitet. Aber das hat wohl noch nie einen Amerikaner gestört. Mich schon.

Stimmung fern der Heimat

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Was ist die Vorweihnachtszeit ohne Christkindlmärkte, auf denen man sich nach der Arbeit auf eine Bratwurst und einen Glühwein trifft? Früher hielt ich die alkoholischen Heißgetränke auf deutschen Weihnachtsmärkten zwar oft für ungenießbare Plörre. Jetzt würde ich liebend gerne eine Tasse davon trinken. Neulich habe ich versucht, meinen amerikanischen Freunden zu erklären, was "mulled wine" oder auch "hot spiced wine" ist. Als sie die Zutatenliste hörten und dass man diesen süßen Wein heiß trinkt, haben sie ungläubig und probierunwillig gelacht.

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Noch dazu wird Weihnachten in den USA am 25. Dezember gefeiert, nicht an Heiligabend. Die Kinder dürfen nicht im milden Kerzenschein, sondern im hellen Morgenlicht nach dem Frühstück über ihre Geschenke herfallen. Und über die am Vorabend aufgehängten Socken, die der Schornstein-Santa in der Nacht mit Süßigkeiten gefüllt hat. Nach dem Aufreißen der Verpackungen geht es zum großen Truthahnessen mit der Familie (war nicht erst Thanksgiving?) und zum Besuch bei Verwandten, wo wieder haufenweise Geschenke bereit liegen.

Heimweh hat, wer sogar "Last Christmas" vermisst

Am Abend des 25. Dezember sitzt man dann endlich gemütlich neben dem Tannenbaum und schaut sich Weihnachtsfilme an. Während in Deutschland jedes Jahr "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" oder "Der kleine Lord" laufen, sind "It's a wonderful life", "The Grinch" und "A Christmas Story" die typischen Nostalgie-Klassiker in den USA.

Wie vermisse ich Schoko-Lebkuchen, Vanillekipferl, Domino-Steine und Spekulatius - selbst "Last Christmas" von Wham!, dieser nervtötende Schnulzen-Ohrwurm, dem man in Deutschland nirgendwo entgehen kann. Die Amerikaner werden dafür mit "All I want for Christmas is you", "Jingle Bells" und "White Christmas" beschallt. Aber das ist nicht das gleiche, nicht für mich.

Wenn es am Weihnachtstag wieder 20 Grad warm ist und die Sonne scheint, werde ich meine Sonnencreme einpacken und am Strand mit geschlossenen Augen an der Schokotafel knabbern. Und mir vorstellen, sie wäre in Weihnachtsmannform gegossen.

Kalifornien-Kolumne Neues aus San Francisco
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In "USA, Land der Fettnäpfchen" hat Autorin Beate Wild über Stolpersteine beim Ankommen in den Vereinigten Staaten berichtet. In der Kolumne "Neues aus San Francisco" schreibt sie über das Leben in Kalifornien, das für Zugereiste mitunter gewöhnungsbedürftig ist:

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