Kalifornien-Kolumne Entfesselter Konsumrausch

Beim Supersale verlieren auch betagte Kundinnen schnell die Nerven.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Zu Thanksgiving sitzt die Familie in den USA abends gemütlich zusammen? Das gilt nicht mehr. Spätestens um 18 Uhr drehen selbst brave Omas durch.

Von Beate Wild, San Francisco

Thanksgiving vor einem Jahr - diesen Tag werde ich nicht vergessen. Nicht wegen der Erinnerung an das Sättigungsgefühl nach einem 17-Kilo-Truthahn, wie er bei amerikanischen Familien auf den Tisch kommt. Nein, in den Knochen sitzt mir der Black Friday: Ein Einkaufs-Event, das dem Erntedankfest folgt und an dem sonst völlig brave und unauffällige Mitmenschen zu Furien werden. Auf den Black Friday freut sich nur, wer ihn nicht kennt.

Er ist der wichtigste Shopping-Exzess des Jahres. Überall Rabatte, Sonderangebote, Spezialpreise. Deals, Sales, Offers! Konsumrausch in Höchstform. Seit ein paar Jahren wartet man nicht mehr bis Freitag, der Startschuss für den Einkaufswahnsinn fällt schon am Abend von Thanksgiving, und zwar um Punkt 18 Uhr. Gut für uns, dachten mein Mann und ich.

Nachdem wir weder bei einer Familienfeier festsaßen, noch einen Braten im Ofen hatten, fuhren wir am frühen Abend nach Downtown San Francisco, um ganz entspannt und schön günstig zu shoppen. Wir rechneten uns einen enormen Zeitvorsprung aus, in der Annahme, dass alle anderen noch träge am Truthahn kauten. Wir irrten uns.

Später erfuhren wir, dass es Schnäppchenjäger gibt, die vor großen Discountern wie Walmart zelten. Ihr Ziel: Als erster ins Geschäft zu stürmen und sich den megabilligen Plasma-Fernseher oder eine supergünstige Hightech-Mikrowelle zu sichern. Allerdings bilden diese Profi-Einkäufer nicht die Spitze einer duldsamen Warteschlange, im Gegenteil. Um die sparwütigen Menschen zu bändigen, müssen Geschäfte für diesen Tag extra Personal und Sicherheitskräfte einstellen. Hier und da rückt die Polizei an, weil Kunden im Kampf um den besten Deal die Fassung und die Friedfertigkeit verlieren.

Wer ist die ärmste Sau im Laden?

Das Thanksgiving-Wochenende mit dem Black Friday steht längst nicht mehr für eine gemütliche Zeit - sondern für die Ungleichheit in den USA. Während die einen Truthahn essen, prügeln sich die anderen um Rabatte. Von Jürgen Schmieder mehr ... Report

Als wir in Downtown ankamen, saßen abertausende Leute nicht mehr an Thanksgiving-Tafeln, sondern zerrten am Wühltisch bei Macy's an reduzierten Unterhosen. Menschen schoben sich durch sämtliche Stockwerke, den nächsten Nachlass fest im Blick.

Wir bissen die Zähne zusammen und ließen uns von dem Mahlstrom schlucken, der sich an Billigstangeboten und Sonderverkaufsständen vorbeiwälzte. Hin und wieder schubste uns jemand unfein aus dem Weg. Euphorisierte Mädchen-Cliquen fielen über Restposten mit Miniröcken her. Voluminöse Familienväter trugen der Gattin zehn Einkaufstaschen hinterher und versuchten gleichzeitig, drei schreiende Kinder im Zaum und in Sichtweite zu halten.

Verkäuferinnen mit Engelsgeduld schichteten die vom Stapel gerissenen Hosen wieder auf und würden das noch einige Stunden lang tun. Eine Kassiererin stöhnte, dass sie von 18 bis drei Uhr durchhalten müsse. Dann werde sie von der Frühschicht abgelöst, schließlich schließe der Laden nicht. Nicht am Black Friday. Das Securitypersonal versuchte, nach den Schlangen vor den Türen nun die Schlangen vor den Kassen zu ordnen. Vergeblich.