Kalifornien-Kolumne Ein Hoodie für alle

Kalifornien: Da passt ein Hoodie zu jedem Anlass.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus / SZ.de)

Die Kalifornier lieben es lässig. In der Jogginghose ins Restaurant - oder gleich im Schlafanzug? Kein Problem.

Von Beate Wild, San Francisco

Neulich abends nach dem Yoga. Meine Freundin will noch zum Italiener, in mir sträubt sich alles. "Ich kann in kein Restaurant, ich hab' doch nur eine Jogginghose an", sage ich. "Ach komm, was soll das, wir sind doch in Kalifornien!", ist ihre Antwort. Und was soll ich sagen: Sie hat absolut Recht.

Kaum im Restaurant scanne ich peinlich-berührt die Nachbartische. Hat schon jemand meinen Aufzug bemerkt? Scheint nicht so, dafür sehe ich in der Ecke: einen Typ im krachbunten Trainingsanzug - so einen hat Fidel Castro auch. Eine Frau wirkt wie aus dem Bett gefallen: Sie sitzt mit Schlafanzughose und Badelatschen hinter dem Teller, hinter ihr hat ein Tom-Selleck-Typ Badeshorts in Tarnfarben mit einem Muskelshirt kombiniert. Es ist halb durchsichtig, weil aus schwarzem Netz. Seine Brusthaare quellen üppig daraus hervor.

In Bekleidungsfragen sind die Kalifornier wirklich mehr als entspannt. Ein Otto-Normal-Bewohner des Golden State kommt in gefühlten 95 Prozent der Fälle mit Freizeitklamotten wunderbar durchs Leben. Nur Besucher einer Oscar-Verleihung, Hochzeitsgäste, Politiker und Banker müssen sich in Anzüge oder Kleidchen werfen. Alle anderen fahren mit dem casual look fast immer und überall bestens.

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Selbst bekannte Chefs pfeifen auf formelle Kleidung. Wie war das noch damals mit Steve Jobs bei seinen Keynotes: Hat irgendjemand den Apple-Mitbegründer im Anzug in Erinnerung? Natürlich nicht, Markenzeichen war sein schwarzer Rollkragenpulli in Kombination mit einer schlackernden Jeans. Oder Marc Zuckerberg: Der Facebook-Chef trägt aus Prinzip das immer gleiche Modell eines grauen T-Shirts. Er wolle sich nicht jeden Morgen Gedanken machen, was er anziehen soll, begründet er seinen eintönigen Look. Bravo! Dieser Mann hat den kalifornischen Lifestyle verinnerlicht.

Selbstverständlich hat Zuckerberg aber auch noch den einen oder anderen Hoodie im Schrank - wie jeder Kalifornier. Dabei ist der Kapuzenpulli gar keine Erfindung der West-Coast-Bewohner. Etabliert wurde er in den 70er Jahren von den Rappern in New York City. In den 80ern trugen ihn die Skater. Seit den 90ern die Kalifornier - und sie machen keine Anstalten, dieses Kleidungsstück jemals wieder auszuziehen. Die Bewohner des Golden State sind nämlich vor allem eines: outdoorsy. Also Frischluftfanatiker, Naturliebhaber, Draußen-Fans. Sie radeln, surfen, skaten und wandern in jeder freien Minute. Da ist so eine Kapuze am Pulli ungeheuer praktisch, wenn es mal wieder etwas windiger ist - oder man keine Lust auf einen Plausch mit der Nachbarin hat.

Außerdem liebt der Kalifornier Fan-Gear seiner Lieblingsvereine: Los Angeles Lakers, 49ers, Golden State Warriors, San Francisco Giants, Oakland Raiders. Die Baseball-Caps und T-Shirts mit Mannschaftslogo streifen Barkeeper und Uni-Professoren über - gern kombiniert mit einer gemütlichen Jogginghose.

Freilich sind feine regionale Unterschiede zu erkennen. Die Angelenos tragen ihre Klamotten gerne oversize und in mutigen Farbkombinationen. Dazu üppiger Bling-Bling, ganz nach dem Motto: "Viel hilft viel!" Zudem zeigt man in Los Angeles freimütig mehr Haut. Wegen des stets guten Wetters? Oder dient hier Reality-Star Kim Kardashian als Vorbild? In San Francisco ist der Style alternativer - das Erbe der Hippies ist nicht zu verleugnen. Vintage-Klamotten, möglicherweise noch aus dem Kleiderschrank von Jimi Hendrix, Blümchenmuster und abgerissene Jeans sind immer noch präsent.

Auch ein paar Hipster mit Skinny-Jeans, Karohemd, Hornbrille und teurer Frisur werden hin und wieder an der West Coast gesichtet. Sie wären drüben an der East Coast in Brooklyn besser aufgehoben. Diese Menschen haben Kalifornien einfach nicht richtig verstanden.

Kalifornien-Kolumne Neues aus San Francisco
Illustration: Jessy Asmus/ Sz.de

In "USA, Land der Fettnäpfchen" hat Autorin Beate Wild über Stolpersteine beim Ankommen in den Vereinigten Staaten berichtet. In der Kolumne "Neues aus San Francisco" schreibt sie über das Leben in Kalifornien, das für Zugereiste mitunter gewöhnungsbedürftig ist:

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