Jüdisches Leben Zeit des Aufbruchs

Erstmals seit 1939 bietet die jüdische Schule in Frankfurt wieder einen Abiturjahrgang an. Hebräisch lernen ist dort Pflicht, Herkunft und Glaube aber spielen keine Rolle. Über den langen Weg zurück zur Normalität.

Von Jan Willmroth

In den frühen Morgenstunden, bevor die ersten Schüler von der nahegelegenen Bahnhaltestelle kommen oder aus den Autos ihrer Eltern steigen, bezieht die Polizei schon ihren Posten. Es ist winterlich kalt, zwei Beamte haben einen blau-weißen VW-Bus in der schmalen Einfahrt vor dem Schulgebäude geparkt, sie wärmen sich am Pappbecher-Kaffee aus der Bäckerei. Von dort, wo sie stehen, haben sie die ganze Hebelstraße im Blick, den kleinen Platz am oberen Ende, die Wohnhäuser gegenüber der Schule, die Schleuse am Eingangsbereich, die sich auch für Lehrer und Schüler nur öffnet, wenn sie klingeln und auf den Bildschirmen der Sicherheitsleute im Innern der Schule erscheinen.

Hinter der Pforte geht es die Treppe hoch in die erste Etage, vorbei an den Bildern, die Schüler zum Chanukka-Fest gemalt haben. Hinter der Tür zum Sekretariat der Schulleitung bittet Noga Hartmann, 45, in ihr Büro. Seit 2014 leitet die promovierte Philologin die Lichtigfeld-Schule im Frankfurter Nordend, aus ihren wachen Augen strahlt die Begeisterung für das, was an diesem historischen Ort bald wieder möglich sein wird. Ein letzter Baustein hat noch gefehlt auf dem Weg zurück zu alter Größe, ein letztes Stück, um endlich den Kreis zu schließen. Vom kommenden Schuljahr an wird es wieder eine Abiturklasse geben, erstmals seit 1939, als die letzte Abiturprüfung stattfand, bevor die Nazis auch die letzten Schüler und Lehrer deportierten, die meisten ermordeten und die Schule im Jahr 1942 schlossen.

"Das ist ein historischer Schritt", sagt Hartmann, "hier herrscht Aufbruchstimmung, im ganzen Kollegium."

Die Isaak-Emil-Lichtigfeld-Schule, wie sie vollständig heißt, ist eine von nur zehn jüdischen Schulen in Deutschland und bald eine von lediglich dreien, die auch eine Abiturprüfung anbieten. 475 Schüler werden hier unterrichtet, von der Grundschule bis zur neunten Klasse, etwa ein Viertel von ihnen ist nicht jüdischen Glaubens. Sie alle lernen Hebräisch, der jüdische Religionsunterricht ist Pflicht, die Köche in der Mensa bereiten ausschließlich koschere Speisen zu, auf jedem Esstisch steht ein Faltblatt mit jüdischen Tischgebeten bereit. Glaube oder Herkunft aber spielen im Alltag keine Rolle, die Schule soll allen offenstehen. Die Schüler müssen nur angenommen werden und das Schulgeld von 410 Euro pro Monat aufbringen. Viele Eltern schicken ihre Kinder wegen des Leistungsniveaus hierher. Auf dem Weg zum Abitur aber mussten sie bislang nach der neunten Klasse die Schule wechseln.

Noga Hartmann ist noch immer elektrisiert, wenn sie an den Abend im Herbst zurückdenkt, an dem sie den Eltern erstmals von der bevorstehenden Zeitenwende berichtet hat. Als die Pläne für die Oberstufe ausgearbeitet waren, lud sie zum Elternabend, Vertreter der jüdischen Gemeinde und des Schulamts saßen mit vorn. Es wurde ein langer Abend voller Momente, die sie nie vergessen wird. "Ich wusste vorher nicht, wie es werden würde", sagt Hartmann. Am Ende standen die Eltern von ihren Sitzen auf und applaudierten lange, sie bedankten sich von Herzen. "Ich war positiv überrascht", sagt sie, "wie optimistisch sie mit uns in die Zukunft sehen."

Aus dem zarten Pflänzchen ist wieder ein starker Bestandteil jüdischen Lebens geworden

Wenige Tage bevor sie von diesem Abend erzählt, hat US-Präsident Donald Trump angekündigt, Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkennen zu wollen, haben Demonstranten in Berlin israelische Fahnen verbrannt und ihren Hass auf Juden hinaus in den Abend geschrien. Als Hartmann von ihrem Optimismus spricht, macht gerade ein Video im Netz die Runde, in dem ein 60-jähriger Deutscher vor dem Restaurant "Feinberg's" in Berlin-Schöneberg dessen Besitzer beschimpft: "Niemand schützt euch. Ihr werdet alle in der Gaskammer landen. Keiner will euch hier."

Hartmann kennt solche Parolen, sie haben sich nicht verändert, seitdem sie 1994 erstmals nach Deutschland kam, um an einer jüdischen Schule zu unterrichten, damals noch in Berlin. Das Gespräch über den Aufbruch an der Lichtigfeld-Schule wird in diesen Zeiten zugleich eines über die Furcht, mit der Hartmann als Jüdin in Deutschland leben muss, über die wachsenden Sorgen in Deutschlands jüdischen Gemeinden. Der Antisemitismus hält sich als hässliche Konstante in der bundesdeutschen Geschichte, bisweilen verschwindet er bloß aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit, um bei der nächsten Gelegenheit umso stärker hervorzutreten. Zuletzt häuften sich Berichte über Schüler an staatlichen Schulen, die beleidigt und bedroht wurden, weil sie jüdischen Glaubens sind. Jüdische Gemeindemitglieder berichten, sie wollen in der Öffentlichkeit lieber nicht mehr als Juden erkannt werden, zur Sicherheit. Zum rechtsradikalen Antisemitismus gesellt sich zunehmender Judenhass muslimischer Einwanderer. Mit jedem Konflikt, wie jüngst nach der Trump-Entscheidung, werden die Anfeindungen heftiger.

Die Begeisterung in Hartmanns Stimme weicht einer kühlen Betroffenheit. Sie ist besorgt, als Jüdin und Mutter sowieso und als Schulleiterin besonders. "Es gibt immer wieder Ereignisse, die Kinder nachfragen lassen, warum sie anders behandelt werden", sagt sie. "Kinder verstehen das nicht, bis sie irgendwann merken: Sie haben einen anderen Status. Viele bekommen das Gefühl, nicht dazuzugehören." Wenn ihnen etwas gelingt und sie sich anhören müssen, dass sie als Juden ja auch besonders begabt seien. Wenn sie sich rechtfertigen müssen für die Politik der israelischen Regierung, obwohl doch Deutschland ihre Heimat ist.

Und so ist die jüdische Schule unfreiwillig auch heute noch ein polizeibewachter Schutzraum der Normalität, in dem sich niemand ausgeschlossen fühlen muss.

Unter nationalsozialistischer Herrschaft, heißt es in der Schulchronik, sei sie "zu einer Insel des Judentums in einer feindlichen Umgebung" geworden: "Hier waren unsere Kinder für ein paar Stunden der Außenwelt entzogen." Im Jahr 1804 hatte Siegmund Geisenheimer, Bürovorsteher im Bankhaus Mayer Amschel Rothschild, zusammen mit anderen die Schule als "Schul- und Erziehungsanstalt für arme jüdische Kinder" gegründet. Bereits wenige Jahre später wurden vermehrt christliche Schüler unterrichtet, die Schule verstand sich als säkulare, überkonfessionelle Bildungseinrichtung und wurde ausgebaut zur öffentlichen Schule der, wie sie damals hieß, Frankfurter Israelitischen Gemeinde. Im Jahr 1908 folgte der Umzug in das Gebäude in der Hebelstraße, in dem die Schule seit 2006 wieder untergebracht ist. Noch heute steht dort "Philanthropin" über dem Haupteingang, so hieß sie bis zu ihrem vorläufigen Ende während der Nazizeit: Stätte der Menschlichkeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb lange ungewiss, ob es je wieder eine jüdische Schule in Frankfurt geben würde. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit begingen Mitglieder der jüdischen Gemeinde um den Landesrabbiner Isaak Emil Lichtigfeld 20 Jahre nach Kriegsende ein Wagnis. 1966 wurde das Philanthropin wiederbelebt, als erste jüdische Schule in Nachkriegsdeutschland, seither trägt sie den Namen des Geistlichen. "Das ist ein Experiment", sagte Lichtigfeld zur Eröffnung. "Wir wollen kein großes Aufsehen. Die Schule ist ein zartes Pflänzchen, das noch viel begossen werden muss." Zwei Jahre danach wurde die Schule staatlich anerkannt, mit damals 68 Schülern in vier Klassen, betreut von vier Lehrern. Das Pflänzchen begann zu wachsen.

Noga Hartmann ist erst die dritte Schulleiterin, die es seit den Sechzigerjahren pflegt. Jeden Morgen öffnet sich in der Hebelstraße die Pforte für die Schüler, die aus Frankfurt kommen und aus Hanau, aus Offenbach, Bad Homburg und Neu-Isenburg, aus Darmstadt und Kelkheim. 18 Nationen unter einem Dach. Viele Schüler nutzen das Ganztagsangebot und bleiben bis abends nach 18 Uhr, weil beide Eltern arbeiten, es gibt zwei Bibliotheken und spezielle Betreuung für Hochbegabte. Weil mit der Oberstufe der Platz knapp wird, errichtet die Gemeinde im Westend ein neues Gebäude für die Grundschüler, das im kommenden Jahr fertig werden soll.

Aus dem zarten Pflänzchen ist wieder ein starker Bestandteil des jüdischen Lebens in Frankfurt geworden, und auch wenn gleichzeitig die Sorge darüber gewachsen ist, dass der Antisemitismus noch lange tief verwurzelt bleibt in der deutschen Gesellschaft: Die Aufbruchstimmung ist stärker. "Wenn wir in einigen Jahren auf dem Abiball sind", sagt Noga Hartmann, "dann werden wir alle wissen, dass wir einen Meilenstein für alle weiteren Jahrgänge gesetzt haben."