Italien Reifezeit

In den Hügeln der Marken wächst ein Wein, der so abwechslungsreich ist wie die Landschaft. Nur eines sollte man dem Verdicchio gönnen: ein paar Jahre in der Flasche.

Von Patrick Hemminger

Manchmal macht ein Roman mehr Lust aufs Unterwegssein als 100 Reiseführer. "Er schenkte mir etwas Weißwein ein, dann griff ich nach der ersten Auster und schlürfte sie aus. Als ich den intensiven Geschmack auf der Zunge spürte, schloss ich kurz die Augen, ich glaubte, den Tang und die Algen zu kosten, die ich am Mittag im Wasser gesehen hatte, die Muscheln öffneten sich, ich spürte mit der Zunge den Kalkschründen nach, ich trank." So beschreibt der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil in "Die große Liebe" die erste Mahlzeit seines Ich-Erzählers nach seiner Ankunft in Italien. Und man meint, den Wein, die Austern und das Meer zu spüren.

Wir sind in den Marken, an der Adria. Die Küste ist voll mit kleinen Restaurants, in denen zu Fisch, Muscheln und Meeresfrüchten der einheimische Weißwein Verdicchio ausgeschenkt wird. Ist der Rest des Mittelmeers auch so gut wie leer gefischt, so sind in der Adria die Netze der Fischer noch immer voll. Und der Verdicchio ist der perfekte Begleiter zu dieser Küche. Er schmeckt nicht sonderlich fruchtbetont, eher würzig mit einer leichten Salzigkeit. Ganz wunderbar passt er zu Gerichten wie dem Brodetto, einem Fischeintopf, den es überall an der Küste gibt. Was genau hineingehört - dazu gibt es so viele Meinungen wie Köche. Einig sind sie sich nur bei Tomaten, Essig und 13 Sorten Fisch. Welche? Kommt drauf an, was in der Nacht davor in die Netze ging.

Genossenschaften stehen im Ruf, keine Spitzenqualität zu erzeugen. Hier ist das anders

Fisch und Weißwein, damit könnte man es eigentlich bewenden lassen. Die Marken und der Verdicchio haben aber so viel mehr zu bieten, begibt man sich nur ein bisschen ins Hinterland. Vom Meer bis zur Grenze zu Umbrien und der Toskana steigen die Berge des Apennin auf bis zu 1500 Höhenmeter. Entsprechend abwechslungsreich sind Landschaft und Küche. Von Ancona aus dauert es mit dem Auto eine halbe Stunde bis in die Kleinstadt Jesi, Geburtsort des Stauferkaisers Friedrich II. Die Landschaft ist hügelig und erinnert an die Toskana - nur dass es hier kaum Zypressen und Wälder gibt. Überall sind Weizenfelder und Weinberge, dazwischen liegen vereinzelte Gehöfte. Aus dieser Ecke der Marken kommt der wohl bekannteste Verdicchio, der Verdicchio dei Castelli di Jesi.

Auf einem der Hügel liegt die Genossenschaftskellerei Moncaro. Neun Millionen Flaschen werden hier jedes Jahr produziert. Genossenschaften haben - oft nicht zu Unrecht - den Ruf, nicht gerade Spitzenqualitäten zu bringen. Bei Moncaro ist das anders. Der Basiswein "Le Vele" ist zwar in Ordnung, aber wenig aufregend, der aus einer acht Hektar großen Einzellage gekelterte "Riserva DOCG Vigna Novali" hingegen gehört zum Besten, was an Verdicchio zu kriegen ist.

Reiseinformationen

Anreise: Flug z. B. von München aus mit Alitalia ab ca. 150 Euro, www.alitalia.com

Unterkunft: z. B. Villa Collepere in Matelica, DZ 100 Euro, www.villacollepere.it

Essen: Trattoria Antonietta, Via Garibaldi 19, Jesi, volkstümliches Restaurant mit täglich wechselnder Speisekarte. Hostaria Santa Lucia, wechselnde Fischgerichte, Via Marche, 2b, Jesi, www.hostariasantalucia.it

Weingüter: Moncaro, www.moncaro.com, Belisario, www.belisario.it, Marroti Campi, www.marotticampi.it, Santa Barbara, www.santabarbara.it

Bezugsquellen in Deutschland: Moncaro: Livio Bruni, www.bruniwines.com, Belisario: Gerd Rindchen, www.rindchen.de

Womit kaum jemand rechnet: Dieser Wein kann reifen, er braucht einige Jahre, um in Topform zu kommen. Guiliano D'Ignazi, Önologe und technischer Direktor bei Moncaro, öffnet eine Flasche von 2013, schenkt ein Glas ein, schnuppert daran und schüttelt den Kopf. "Dieser Wein ist noch nicht fertig. Das ist er vielleicht in zwei oder drei Jahren", sagt er.

Verdicchio entwickelt nach fünf bis sechs Jahren Aromen, die sonst in deutlich älteren Weinen vorkommen: Balsamische Noten tauchen auf, Gewürze wie Anis kommen hinzu, ebenso getrocknete Zitronenschalen und Kräuter. Nach acht bis zehn Jahren entstehen dann Petrolnoten, wie sie zum Beispiel in gereiften Rieslingen zu finden sind. Gut für den Weintrinker: Selbst ein Spitzenverdicchio kostet ab Hof selten mehr als knapp über zehn Euro.

Mit ein paar Flaschen Moncaro im Gepäck könnte man jetzt natürlich an die Küste und zu den Meeresfrüchten zurückkehren. Es empfiehlt sich aber, stattdessen weiter ins Hinterland zu fahren, in die Berge, ins Städtchen Matelica. Auch dort wird Verdicchio angebaut, allerdings sind die Flächen bedeutend kleiner als in Jesi. Roberto Potentini, Önologe der Genossenschaft Belisario, erklärt den Unterschied zwischen den beiden Gebieten: "Die Weinberge liegen bei uns viel höher. Um Jesi kommt kaum einer über die 300 Meter hinaus, bei uns wachsen Reben zwischen 420 und 900 Metern. Das bedeutet natürlich eine ganz andere Sensorik des Weins, frischere und präsentere Säure."

SZ-Karte

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Potentini trinkt zurzeit am liebsten den Jahrgang 2009 seines Topweins, des Cambrugiano, der ab Weingut zwölf Euro kostet. "Diese Harmonie, die Intensität der Aromen, die kräftige Nase, am Gaumen - ich schmecke Kamille, Tee, Honig und ganz deutlich Salbei", schwärmt Potentini. So ein Verdicchio braucht als Gegenspieler auf dem Teller keine Meeresfrüchte mehr. Der verlangt nach den kräftigen Gerichten einer bergigen Region: geschmortem Hasen mit Fenchel zum Beispiel oder Pasta mit Trüffeln.

Der Ich-Erzähler aus Ortheils "Die große Liebe" verliebt sich in den Marken nicht nur in das Land, sondern auch in eine Frau. Am Ende ist er zurück in seiner Heimatstadt München und erwartet sie in der berühmten Osteria Italiana. Kurz bevor sie eintrifft, lässt er schon einmal eine Flasche Weißwein kommen. Es wird wohl ein Verdicchio gewesen sein.