Island Dünne Haut

Auf einem Hof östlich von Reykjavík kann man in der Wildnis unter Sternen schlafen - und sich trotzdem geborgen fühlen.

Von Evelyn Pschak

Allein schon der Ort, an dem das Zelt steht, ist etwas Besonderes: ein Wald. Inmitten von niedrigen Pappeln und Sitka-Fichten hat Sigga Sigurfinnsdottir die durchsichtige Kugel platziert, in der man übernachten kann. Angst, sagt sie, müsse man keine haben hier draußen in der Wildnis. In Island gebe es nichts Gefährliches, und erst recht nicht in ihrem Wald: "Nur kleine Füchse, wilde Katzen und ein paar Raben", zählt die 57-Jährige auf. Und eine Eule. Liegt man nachts in der "Bubble", sieht man direkt über sich den Großen Bären - und hofft, dass Sigga recht hat und keine anderen Wesen vorbeikommen.

Sigga Sigurfinnsdottir und ihr Mann Gunnar Sverrisson bewirtschaften 93 Kilometer östlich von Reykjavík den Hof von Hrosshagi. Zu ihrem Besitz gehören 130 Rinder und viel eisbonbonblaues Land. Vor 26 Jahren begannen sie, den 70 Hektar großen Wald zu pflanzen, in dem seit Januar Islands bislang einziges Kugelzelt steht. Damals glaubten die meisten Isländer noch, auf ihrer kahlen Insel würden keine Bäume wachsen. Heute weiß man, dass Wikinger das Eiland radikal abgeholzt haben. Inzwischen wachsen vereinzelt wieder Bäume. Wenn auch nicht besonders hoch. "Was macht man, wenn man sich in einem isländischen Wald verläuft?", so geht ein Witz auf der Insel. Die Antwort: "Einfach aufstehen!"

"Viele unserer Bäume haben ihren ersten Winter nicht überlebt - und wir haben leider nicht nachgepflanzt. Wir waren den Umgang mit Bäumen nicht gewohnt", erklärt Sigga. Dennoch wirkt ihr Wald von der Feldstraße aus undurchdringlich. Nur mit Mühe ist die Bubble in der Dunkelheit auszumachen. Im Licht der Taschenlampe glitzern Eiskristalle, kleine Tatzen neben den eigenen Stiefelabdrücken zeigen, dass man im Wald nicht alleine ist. Am Boden des Zeltes steht eine Nachttischlampe, die Sigga abends anknipst, damit sie herumirrenden Touristen den Weg weist. Ansonsten gibt es im Zelt: eine Doppelmatratze, eine Wolldecke, einen runden Bambusteppich. Mehr Interieur aber auch nicht. Das breitmäulige Heizungsrohr bläst die Nacht hindurch verlässlich und leise rauschend Heißluft ins Zelt. Die Tannenzweige scheinen bis ins Innere hineinzureichen, das Auge nimmt die knapp zwei Millimeter breite Membran, die den Gast von der Polarluft trennt, kaum wahr. "Ja", sagt Sigga, "es fühlt sich an, als sei da nichts zwischen dir und der Natur".

Siebzehn Schritte sind es vom Zelt bis zu einer Holzhütte; hier stehen die Campingtoilette und die Plastikschüssel für die Katzenwäsche. Das warme Wasser kommt aus einer Thermoskanne. Bitte nur keine feste Infrastruktur - so wollte es der Mann, der die Idee zur Island-Bubble hatte, Robert Robertsson. Der 47-Jährige, der eigentlich Wirtschaft und davor Film in Kopenhagen und Los Angeles studiert hat, kennt das Bauernpaar aus seiner Kindheit. Und die Wünsche der Touristen durch seine Website. Auf northernlightsiceland.com gibt Robertsson seit fünf Jahren Tipps zum Islandurlaub, vermittelt Hotels und Aktivitäten. Warum man nicht aus einem Hot Pot heraus Polarlichter beobachten könne, wollten Nutzer seiner Seite immer wieder wissen. Also gründete der Unternehmer vor einem Jahr die Floating Tours: In heißem Quellenwasser treibend lauschen seine Gäste den Klängen isländischer Bands und betrachten die Sterne. Oder, mit etwas Glück, eben Polarlichter.

The Bubble

Übernachtung ohne Frühstück 175 Euro, www.buubble.com. In vier Kilometer Entfernung gibt es einen See, hier bietet Robert Robertsson seine Floating Tours an: www.floatingtours.com; Icelandair fliegt ganzjährig ab Frankfurt und München nach Reykjavík, hin und zurück ab 320 Euro, www.icelandair.de; www.inspiredbyiceland.com, www.south.is

Die Unterkunft zieht Romantiker an. Viele Gäste nutzen die Nacht für einen Heiratsantrag

So kam ihm auch die Idee zum durchsichtigen Zelt. "Ich fand einen französischen Designer, der solche Bubbles in Frankreich und Spanien anbietet. Wir haben fast ein halbes Jahr gebraucht, das Zelt an die isländischen Konditionen anzupassen. Die Bubble sollte ja nicht beim ersten Polarsturm mitgerissen werden." Fünf weitere Bubbles möchte Robertsson in dem Wäldchen von Sigga und Gunnar aufstellen. Die nächsten zwei werden mit vier Metern Durchmesser etwas größer sein als die erste Kunststoffkugel. "Wenn Sitzgelegenheiten hineinpassen, wird es noch gemütlicher", sagt Robertsson. Dabei bräuchte es genau genommen nur zusätzlichen Platz zum Knien. Denn bei dem Reykjavíker häufen sich derzeit die Anfragen für Heiratsanträge im runden Zelt.

Ein Antrag in der Bubble. Das ist nicht nur romantisch, sondern auch gleich die Probe aufs Exempel: Wer der Angebeteten selbst in isländischen Winternächten klaglos die Seite am Heizungsrohr überlässt, stellt unter Beweis, dass er ein liebevoller Ehemann sein kann. Vonseiten der Frau ist mit einem "Já!" übrigens auch in Island alles gesagt. Die Kunststoffkugelnächte im Wald sollen ungefährlich sein? Ha!