Indonesien Glaube und Meer

Aceh, zehn Jahre nach dem Tsunami: Die Touristen kehren langsam zurück. Das Gedenken an die Flut fällt dem Land schwer.

Von Florian Sanktjohanser

Auf der Ruine liegt ein Fischerboot, 25 Meter lang, 20 Tonnen schwer. Man hat es dort gelassen, wo es gestrandet war: auf dem Haus der Familie Misbah im Ortsteil Lampulo von Banda Aceh. 56 Menschen überlebten in dem Boot. Heute ist es ein Mahnmal, mit Rampe zu einer Aussichtsplattform, Schildern auf Englisch und kleinem Amphitheater, bereit für die Zehn-Jahres-Gedenkfeiern an Weihnachten. "Don't broken" hat jemand auf die Hausmauer geschmiert und "Tsunami Minggu 26 Des 2004".

Es war 7 Uhr 58, als die Erde bebte in der nördlichsten Provinz Sumatras. Die Menschen in der Hauptstadt Banda Aceh rannten panisch auf die Straße, in den Tod. Denn 20 Minuten später raste die Flutwelle durch die Stadt. Fast 170 000 Menschen sollen damals in ganz Aceh gestorben sein, nirgendwo rings um den Indischen Ozean kamen bei der Katastrophe mehr Menschen ums Leben. Eddy Raflizar überlebte. "Ich schwamm zu einem Haus und kletterte auf das Dach", erzählt der Guide. Er ist heute 31 Jahre alt und unterrichtet in einer Tourismusschule. Bisher kämen vor allem Besucher aus dem Nachbarland Malaysia hierher, sagt er. Aber Aceh setzt große Hoffnungen in den Tourismus.

Raflizar führt zu der kleinen Ausstellung im ersten Stock der Ruine. Fotos zeigen, wie Helfer auf Elefanten Essen verteilten, weil sie nur so durchkamen. Man sieht die Leichen. Und das Trümmerfeld vor der Baiturrahman-Moschee. Bis zu den Fenstern waren die Autos im Schutt begraben.

Heute sitzen wieder Gläubige auf dem Rasen vor der Moschee, die im indischen Mogulstil errichtet ist. Der legendäre Sultan Iskandar Muda ließ sie bauen, im 17. Jahrhundert, als Aceh durch den Pfefferhandel reich geworden war. Nur das Minarett ist noch schief, eine Folge des Erdbebens. Die Moschee überstand den Tsunami fast ohne Schäden, "weil das Wasser einfach durch die Säulen fließen konnte", sagt Raflizar. "Oder es war ein Wunder."

Das glauben viele Bewohner Acehs. Sie halten den Tsunami für eine Strafe Allahs, weil sie vom rechten Weg des Islam abgekommen seien. Die Moscheen, die der Flut trotzten, wurden zu Ikonen, und viele im streng muslimischen Aceh ließ das Trauma noch gläubiger werden. Bereits seit 2003 gilt in Aceh als der einzigen indonesischen Provinz die Scharia; seit Januar ist das islamische Rechtssystem auch für Nichtmuslime verbindlich. Wer Alkohol trinkt, riskiert sechs bis neun Stockhiebe. Das Innenministerium in Jakarta prüft noch, ob das Gesetz gültig ist. Die Moschee und der kleine Park mit Palmen und Wasserbecken sind für Nichtmuslime tabu, wie ein Schild über dem Eingang erklärt. "Aber mit mir hast du kein Problem", sagt Raflizar. Im kühlen Inneren dösen Männer auf dem Marmorboden unter Kronleuchtern. Ein paar Gläubige starren den fremden Besucher erstaunt an, aber nicht unfreundlich, das Lächeln erwidern sie.

Die Frauen in der muslimisch dominierten Provinz Aceh baden züchtig gekleidet, Touristen können sich ungezwungener bewegen.

(Foto: Damir Sagolj/Reuters)

"Sprechen sie Deutsch?", fragt ein Mann vor der Moschee. Er habe 1992 ein Jahr in Köln gelebt. "Politisches Asyl." Er war ein Kämpfer der Gerakan Aceh Merdeka, kurz GAM, der Bewegung Freies Aceh. Seinen Namen verrät er nicht. Die GAM entstand 1976. Ihr Anführer Hasan di Tiro erklärte Aceh unabhängig von den "javanischen Neo-Kolonialisten". Drei Jahre zuvor hatte die Förderung von Erdöl in Aceh begonnen. Doch die Gewinne flossen ins Ausland und ins ferne Jakarta. Und die schlecht ausgebildeten Bewohner von Aceh bekamen kaum einen Job in der Ölindustrie. 30 Jahre lang kämpfte die GAM gegen die Regierungstruppen, alle Friedensinitiativen scheiterten. Bis der Tsunami über Aceh kam. Die Katastrophe ließ den Bürgerkrieg in den Hintergrund treten. Plötzlich war die Chance auf einen Neubeginn da.

"Wir werden Aceh und Nias wieder aufbauen, und wir werden es besser bauen als zuvor", versprach Susilo Bambang Yudhoyono 2005. Indonesiens Präsident machte Aceh zur Chefsache. Am 15. August unterzeichneten Regierung und GAM in Helsinki einen Friedensvertrag. Spender in aller Welt gaben sieben Milliarden Dollar, Tausende ausländische Helfer strömten nach Aceh.

Heute ist Banda Aceh für indonesische Verhältnisse eine angenehme Großstadt. Bäume säumen die breiten Straßen, es gibt Parks und viele Cafés, in denen Studenten vor ihren Laptops sitzen, Tee und süße Säfte trinken und rauchen. Reisebüros und Handyläden buhlen um Kunden. An den Tsunami erinnern nur noch die Denkmäler: die Kapal Apung, ein 2600 Tonnen schweres Generatorenschiff, das die Flut fünf Kilometer landeinwärts schob. Das Massengrab in der Nähe des Hafens, wo im Hof eines früheren Krankenhauses 15 000 Menschen begraben sind. Und das Tsunami-Museum mitten in der Stadt.

Von außen sieht das millionenteure Prestigeprojekt aus wie eine gigantische Schnecke. Im ausladenden Wasserbecken des Foyers schwimmen Kois, Kinderstimmen hallen wie in einem Schwimmbad. Wer die Ausstellung in den oberen Stockwerken sehen will, geht zuerst durch einen dunklen Gang, Wasser rieselt herab, hymnischer Gesang. Man soll das Gefühl bekommen, unter Wasser begraben zu sein. Aber Einkehr will im Geschnatter der Schulklassen nicht gelingen. In einem kleinen Kino läuft in Endlosschleife eine unbeholfene Doku. Viele Räume des Museums wirken lieblos zusammengeschustert, die Simulationsapparate für Erdbeben und Flutwellen sind schon kaputt.

Unter den vielen Fotos an den Stellwänden ist auch eines, das auf den Titelseiten um die Welt ging: die Moschee von Lampuuk, die als einziges Gebäude inmitten des vollkommen ausradierten Dorfs stehen blieb. Lampuuk liegt eine Viertelstunde Fahrt von Banda Aceh entfernt. Das Dorf ist längst wieder aufgebaut, mit türkischem Geld. In der Moschee wurden zwei Säulen angeknackst stehen gelassen - noch ein Denkmal, umrahmt von Schaukästen mit erschütternden Fotos.

Reisen in Aceh

Anreise: Flug z. B. mit KLM von zehn deutschen Flughäfen nach Kuala Lumpur, hin und zurück ab 569 Euro. Von dort bietet Air Asia täglich einen Flug nach Banda Aceh (ab ca. 35 Euro). Nach Pulau Weh setzen jeden Tag mehrere Fähren über.

Reisezeit: Aceh hat ein tropisches Klima mit relativ gleichmäßigen Niederschlägen. Am meisten Regen fällt im Mai sowie zwischen September und Dezember. In Pulau Weh kann das ganze Jahr über getaucht werden. Im Juli und August ist das Meer am ruhigsten, dafür gibt es in der Regenzeit mehr Großfische zu sehen.

Unterkunft: Das Hermes Palace Hotel liegt im Zentrum von Banda Aceh. DZ rund 80 Euro, Tel.: 0062/65 17 55 58 88, www.hermespalacehotel.com. Deutlich günstiger sind die Preise für Gäste, die ohne Reservierung kommen. Sie finden Zimmer ab ca. 48 Euro.

Joel's Bungalows, DZ ab ca. neun Euro, Tel.: 0062/8 13 75 28 77 65, E-Mail: joelbungalows@gmail.com

Das Iboih Inn auf Pulau Weh hat schöne Bungalows, DZ ab rund zwölf Euro, Tel.: 0062/ 8 11 84 15 70, welcome.iboihinn.com

Eine professionelle Tauchschule ist das Lumba Lumba Diving Center, das auch geräumige Bungalows für 30 Euro anbietet, Tel.: 0062/ 8 11 68 27 87, www.lumbalumba.com

Die jungen Bewohner Banda Acehs pilgern eher wegen des kilometerlangen Strands nach Lampuuk. Sie picknicken in kleinen Holzpavillons, planschen ausgelassen im seichten Wasser und lassen sich auf einer Gummibanane durch die Bucht ziehen, natürlich züchtig bedeckt. "Weißt du, warum wir so gern zum Strand fahren?", fragt Silfana Nasri, eine 22-jährige Studentin aus der Stadt. "Weil wir ansonsten wenige Vergnügungen haben. Keine Kinos, keine Clubs."

Die Einheimischen lieben die Insel Pulau Weh, hier geht es liberaler zu als auf dem Festland

Am Nordende des Strandes krallen sich ein paar Bungalows in die Klippen. Einst waren sie Notunterkünfte, von NGOs nach dem Tsunami errichtet. Jetzt sind "Joel's Bungalows" ein Refugium für die zivilisationsmüden Surfer, die seit Jahrzehnten nach Lampuuk kommen. Die Wellen sind gut, im Frühjahr traten am Nachbarstrand sogar Profis bei einem internationalen Wettkampf an.

Abends wird es sehr still im Guesthouse. Nur ein Tourist ist da, Stéphane Saada, 39, ein surfverrückter Franzose. Saada will mehrere Wochen bleiben. "Hier muss ich nicht um Wellen kämpfen wie in Portugal", sagt er. Agust Salim setzt sich dazu. Der 43-Jährige spricht gut Englisch, er arbeitete nach dem Tsunami als Fahrer für die ausländischen Helfer. Später managte er ein Hotel auf Pulau Weh, der Insel zwei Stunden Fährfahrt nördlich von Banda Aceh. Dorthin flüchteten die Westler an den Wochenenden. "Die NGOs hielten sogar ihre Sitzungen auf der Insel ab", sagt Salim. "In den fünf Jahren schossen die Preise nach oben, die Zimmer waren trotzdem immer ausgebucht."

Heute fahren viele Bewohner Acehs am Wochenende nach Pulau Weh, um der religiösen Gängelei zu entfliehen. Die Insel ist liberaler als der Rest der Provinz. Und sie ist ein Tropentraum. Regenwald überzieht die Hügel, das Meer ist türkis, es gibt Wasserfälle und heiße Quellen. Spätestens seit Billigflieger in weniger als einer Stunde von Kuala Lumpur nach Banda Aceh fliegen, sind die Stelzenbungalows am Strand von Iboih wieder voll. Rucksacktouristen machen hier einen Zwischenstopp auf ihrer großen Südostasientour. Manche hängen Monate ab. Schnorcheln, lesen, essen gehen. "Es hat sich wenig verändert", sagt Matt Julnes, 39, aus Brighton. Er war 2001 das erste Mal hier. Nur zwei Bungalowanlagen seien seitdem neu hinzugekommen. Und die Geldautomaten im Dorf. "Es ist die gleiche superentspannte Atmosphäre", sagt Julnes. "Nur mit dem Unterschied, dass es damals noch keine Scharia gab und man überall im Dorf Bier kaufen konnte." Die Scharia wird in Iboih allerdings flexibel ausgelegt. In manchen Guesthouses steht Bier auf der Karte.

Ein Partystrand ist Iboih freilich nicht. Das Spektakel findet hier unter Wasser statt. Arus Balee heißt einer der großartigen Tauchplätze, zu Deutsch: Bastard-Strömung. Eine Schildkröte paddelt durch den Gorgonienwald, darüber wirbeln Schwärme von Füsilieren, Schnappern und Doktorfischen. Ein Oktopus gleitet über den Fels, offenbar auf der Jagd, eine fette Netzmuräne schnappt aus ihrem Loch. Alles herrlich anzuschauen - bis auf die Hartkorallen, von denen viele bleich und tot sind. Dafür sei aber nicht der Tsunami verantwortlich, sagt Andrew Baird. Der Meeresbiologe von der James Cook's University in Townsville, Australien, kommt seit dem Jahr 2000 regelmäßig nach Aceh, um den Zustand der Unterwasserwelt zu untersuchen.

Die Flut riss Bäume ins Meer zurück, viele Blaue Korallen zerbrachen, Porites-Korallen wurden auf den Strand geworfen. "Aber insgesamt zerstörte der Tsunami erstaunlich wenig", sagt Baird. "Die Auswirkung war sehr gering, verglichen mit dem, was die Menschen angerichtet hatten." In den Achtziger- und Neunzigerjahren verheerten Dynamitfischer die Riffe. Doch seit einigen Jahren ist das Dynamitfischen gestoppt, auch Speerfischen ist nun verboten. NGOs haben Ranger ausgebildet, die den Meeresnationalpark schützen sollen.

"Ohne die Korallenbleiche wären die Korallen heute in einem besseren Zustand als vor dem Tsunami", sagt Baird. Im Jahr 2010 erhitzte sich das Meer um Pulau Weh bis auf 34 Grad. "An einigen Stellen sind bis in vier Meter Tiefe alle Steinkorallen gestorben", sagt Baird. Doch nun kommen sie zurück. In der Nachbarbucht siedeln Tischkorallen zu Abertausenden. "Im ersten Jahr wachsen sie nur einen Zentimeter, aber nach vier Jahren können sie schon so groß sein wie eine Pizza", sagt Baird, "hier sieht man: Wenn die Menschen aufhören, den Korallen zu schaden, erholen sie sich schnell." Die Rückkehr der Korallen - für ihn ist sie auch ein Zeichen der Hoffnung für die Region. Denn eine gesunde Unterwasserwelt lockt Touristen an. Das bringt Arbeitsplätze und damit die Chance auf eine bessere Zukunft.