Im Nordosten von Indien Wenn Brücken leben

Ein Urlaub wie im Märchenwald: Baumwurzeln biegen sich zu Brücken, ein grüner Hügel reiht sich an den nächsten, die Gärten sind voller Blüten. Der kleine indische Bundesstaat Meghalaya ist ein Sehnsuchtsort für Sporturlauber und Naturliebhaber.

Der steinige Pfad im Dorf Riwai führt nach unten zum Fluss. Schwarze Hausschweine haben zwischen Holzhäuschen, Palmen und Bananenstauden freien Auslauf. Luftwurzeln schwingen leicht im Wind. Riesenfarne und Urwaldbäume spenden etwas Schatten. Kleine Echsen huschen über Felsgestein.

Wunderland aus Wurzeln: unterwegs in Meghalaya.

(Foto: dpa-tmn)

Es ist ein bisschen wie im Märchen- und Elfenwald der Film-Trilogie "Herr der Ringe". Statt einer bewehrten Burg taucht am rauschenden Wasser ein Wall aus Wurzeln auf, der sich beim Näherkommen als Brücke entpuppt. Eine alte Frau hält sich am Wurzelgeländer fest und schaut auf die Wäscherinnen, die auf Felsen stehend im zu dieser Zeit seichten Fluss Handtücher ausklopfen.

Das Volk der Khasi baut seit Jahrhunderten Brücken, ohne einen Cent auszugeben: Es lässt sie wachsen. Noch heute geben die Väter die Fertigungskunst an ihre Kinder weiter, Wurzeln von ausgewählten Gummibäumen auf beiden Seiten eines Flusses mit Führungshilfe schlanker Stämme von Betelnussbaum oder Bambus über das Wasser wachsen zu lassen.

Etwa 15 Jahre dauert es, bis das Wurzelgeflecht 20 bis 30 Meter lange Brücken bildet. "Ich war noch ein Kind, als die Wurzeln über den Fluss zu wuchern begannen. Sie wachsen heute noch", sagt die alte Frau, die ihr Alter auf 75 schätzt.

Ungezählte solcher Bauwerke wachsen in Meghalaya, dem kleinen indischen Bundesstaat im östlichen Zipfel des Subkontinents. Die meisten von ihnen von Touristen unentdeckt. Meghalaya ist das Land der Berge, der grünen Hügel, der reißenden Flüsse und Wasserfälle in der üppigen Regenzeit sowie das Land faszinierender Höhlen und eines ungewöhnlichen Rekordes: In Cherrapunji, knapp 1400 Meter hoch und westlich von Mawlynnong, posieren Touristen vor einem Schild: "The wettest place on planet earth" steht dort Schwarz auf Gelb. Die Ehre, wo der nasseste Ortauf dem Planeten Erde liegt, wechselt allerdings hin und wieder: Auch das nebenan gelegene Mawsynram nimmt den Weltrekord immer wieder für sich in Anspruch. Auf Hawaii weist Waialeale weltrekordverdächtige Regenmengen auf.