Hotel Stadtbad Oderberger in Berlin Vom Brett ins Bett

Detailarbeit: In die Schiebetüren der Badezimer wurden Elemente der alten Kabinen eingelassen.

(Foto: Martin Nicholas Kunz, Heike Fademrecht/PR)

Das Oderberger in Berlin, eröffnet 1902, war zu DDR-Zeiten ein öffentliches Bad. Dann stand es leer. Jetzt ist es wieder eine Schwimmhalle - in der man auch übernachten kann.

Von Verena Mayer

Schlafen oder schwimmen? Das ist in der Hauptstadt die Frage. Denn hier gibt es das Oderberger, ein Hotel, das zugleich ein Stadtbad ist. Beziehungsweise ist es eine Schwimmhalle, in der man jetzt auch übernachten kann. Ein Bad mit allem, was dazugehört, einem riesigen Gewölbe, türkisblauen Kacheln und einem zwanzig Meter langen Becken zum Bahnenziehen. Mit Sauna, Umkleiden und Duschen, und all das ist öffentlich zugänglich, jedenfalls bis Badeschluss.

Berlin, in der angesagtesten Gegend von Prenzlauer Berg. Man biegt von der Kastanienallee mit all den Cafés, Bars und Clubs ab in eine Seitenstraße, und dann steht man vor einem wuchtigen hellgrauen Gebäude, das mit seinen Zinnen, Türmchen und dem steinernen Portal auch ein Stadtpalais oder ein Landschloss sein könnte. Es war aber eine sogenannte Volksbadeanstalt. Ein Ort, an dem es Duschwannen und Brausekabinen gab und der es der wachsenden Bevölkerung der Stadt ermöglichen sollte, ihren hygienischen Bedürfnissen nachzukommen. Überall in Europa wurden Ende des 19. Jahrhunderts solche Bäder gebaut, groß und hell, mit steinernen Reliefs und kunstvollen Mosaiken, allesamt Paläste des sozialen Fortschritts.

Bilder aus dem Hotel Stadtbad Oderberger:

Eine Schwimmhalle, in der man auch übernachten kann

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Zu DDR-Zeiten war hier dann ein öffentliches Bad, nach der Wende stand es leer und verwandelte sich in eine typische Berliner Brache. Eine wildromantische Mischung aus Galerie und Club, der Putz bröckelte von den Wänden, und dazwischen wurde Kunst gezeigt oder man tanzte im kaputten Schwimmbecken zu Technomusik. Vor einigen Jahren bewarben sich schließlich die beiden Betreiber einer angrenzenden Sprachschule um das Gebäude, sie wollten ein Hotel für ihre Schüler bauen. Sie bekamen den Zuschlag unter der Bedingung, dass das alte Gemäuer wieder ein Bad wird. Und das wurde es.

Natürlich ist da immer dieser leichte Chlor-Geruch - wie früher, im Schwimmunterricht

Wo auch immer man im Hotel unterwegs ist - man wird nie vergessen, dass man in einem Schwimmbad ist. Da sind die steinernen Aufgänge, die über schmale Flure und verwinkelte Treppen in einen Heizungskeller mit Ziegelwänden und Rohren führen, in dem jetzt auf zwei Etagen ein schickes Frühstücksrestaurant untergebracht ist. Da sind die alten Duschkabinen, die zu Meetingräumen umfunktioniert wurden, da ist die Lounge, in der neben Sofas und Eames-Stühlen auch noch eine der langen Holzbänke aus der Badeanstalt steht, und an der Wand hängt neben Bildern ein altes Messingschild mit der Aufschrift: "Der Aufenthalt in der Brausezelle darf 20 Minuten nicht überschreiten."

Selbst in den 70 Zimmern vergisst man das Schwimmbad nicht, man sieht weiße Kacheln oder hölzerne Ablagen von früher, in die Schiebetüren wurden Elemente der alten Kabinen eingelassen. Und natürlich ist da immer wieder dieser leichte Geruch von Chlor. Der einen an all das Schöne und Schreckliche von Hallenbädern denken lässt, an Wellness und Schwimmunterricht, an Gemeinschaftsduschen und den ersten Sprung vom Dreimeterbrett.

Aber wie kommt man überhaupt auf eine solche Idee? Noch dazu als Sprachenlehrerin, die mit Hotellerie nichts am Hut hatte? Barbara Jaeschke, 61, dunkles Kostüm, Wolltuch, Geschäftsführerin des Hotels und des GLS-Sprachenzentrums, richtet sich in ihrem Stuhl im Kaminzimmer auf, als habe sie auf diese Frage nur gewartet. Sie musste sie in den vergangenen Jahren schließlich einige Male beantworten, vor allem bei Banken und Behörden. Natürlich sei das Projekt nicht gerade unkompliziert und ihre Familie bis in die nächste Generation verschuldet, "Wasser verbrennt Geld", so Jaeschke. Aber die Kombination mit einer Sprachschule sei nur auf den ersten Blick seltsam: Sprachenlernen sei inzwischen "ein Lifestyle", bei dem es auf gute Gastronomie und eine schöne Unterkunft genauso ankomme wie auf die Qualität des Unterrichts.

Firmenevents, Parteitage, Hochzeiten im Gewölbe: Das Haus ist wandelbar

Jaeschke hat eine typische Berliner Gründerinnenbiografie. Sie kommt von einem Bauernhof in Niedersachsen, wo sich die Familie ein Wannenbad teilte, erst der Vater, dann die Kinder, und als letzte durfte die Mutter ins Wasser. In den Achtzigerjahren zog sie nach Westberlin, wo sie Russisch unterrichtete, später mit ihrem Mann ein Familienunternehmen aufzog und sich irgendwann in das "schöne, schöne Objekt" verliebte, das alte Stadtbad an der Oderberger Straße.

Ihre Tochter half bei der Innenausstattung, von den alten Sachen, die sich jetzt so formvollendet mit neuem Design mischen, gab es noch jede Menge im Keller. Und ihr Mann macht regelmäßig Führungen durch das Haus. Das zieht inzwischen nicht nur Touristen an oder Leute aus dem Kiez, die zu Ostzeiten hier das Schwimmen gelernt haben. Sondern es ist auch ein Ort für Partys und Veranstaltungen geworden. Firmen feiern hier, Parteien treffen sich zu ihren Parteitagen, Paare halten Hochzeit im Gewölbe der Schwimmhalle, die sich mithilfe eines Hubbodens innerhalb weniger Stunden in einen Tanzsaal verwandeln lässt.

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Aber am schönsten ist es im Oderberger, wenn man es als das nutzt, was es einmal war und heute wieder ist: ein Kiez-Schwimmbad. Wer in Berlin lebt, ist ja nicht gerade verwöhnt, was öffentliche Hallenbäder betrifft. Entweder sind sie wegen Mangels an Geld oder Personal ständig geschlossen, oder sie sind marode, schlecht beheizt, und die Sportbahn muss man sich mit rückenschwimmenden Senioren teilen. Im Hotel hingegen ist es an einem Morgen unter der Woche vollkommen leer.

Man löst für sechs Euro ein Ticket an der Rezeption, läuft die steinernen Treppen zur Umkleide hinab, und dann steht man in dieser Halle, in der man nicht weiß, was man zuerst tun soll. Die steinernen Säulengänge bewundern oder das Deckengewölbe mit dem riesigen Fenster, durch das hell das Licht fällt und die Schatten der Wellen an den Wänden tanzen lässt.

Man entscheidet sich schließlich für Rückenkraulen, weil sonst keiner im Becken ist und man auf diese Art am meisten von der Architektur Ludwig Hoffmanns mitbekommt, der auch am Pergamonmuseum mitgebaut hat. Eine Architektur, die zwar alt ist, aber durchdrungen von einem zutiefst modernen Verständnis von Raum: dass er exklusiv sein kann und doch öffentlich und für alle da.

Hotel Stadtbad Oderberger, Oderberger Straße 57, Berlin-Prenzlauer Berg. DZ ab 135 Euro. Der Eintritt in die Schwimmhalle kostet sechs Euro. Da die Öffnungszeiten aufgrund von Veranstaltungen variieren, empfiehlt sich ein Blick auf die Website www.hotel-oderberger.berlin

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