Gefährliches Gedränge am heiligen Wasser: Wer in Indien in den Pilgerstrom des Hindu-Festes Kumbh Mela gerät, muss mit allem rechnen - auch mit toten Pilgern.
Die Welt ist bisweilen ein seltsamer Ort. Das wird einem immer dann bewusst, wenn man mitten im Irrsinn des Leben gelandet ist. Bei der Kumbh Mela in Indien zum Beispiel. Für Inder ist sie die heiligste Pilgerreise, für Fremde ein exotischer Jahrmarkt voller Freaks.
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Sadhus, Gurus, Yogis und Naga Babas vor ihrem ersten Bad im Ganges. Die nackten heiligen Männer sind mit Asche beschmiert und sehen mit ihrem Dreizack aus wie den Fluten entstiegene Neptune (© Anindito Mukherjee/dpa)
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Zum Zeitpunkt einer Kumbh kommen aus ganz Indien heilige Männer aus ihren Höhlen und Einsiedeleien zum Ganges. Sadhus, Gurus, Yogis und Naga Babas. Sie sind nackt und beschmiert mit heiliger Asche. Mit ihrem Dreizack sehen manche von ihnen aus wie dem Ganges entstiegene Neptune. Sie führen diese heilige Waffe als Shivas Werkzeug zur Vernichtung alles Bösen mit sich. Andere balancieren kunstvoll zu Türmen aufgerollte Haare auf dem Kopf als Zeichen ihrer jahrzehntelangen Askese.
Bei der Kumbh Mela geht es um den Glauben an die Tropfen der Unsterblichkeit. Demnach besaßen einst Götter und Dämonen einen Nektar, der unsterblich macht. Sie füllten diesen Trank in einen Krug, und im Gerangel um seinen Besitz fielen vier kostbare Tropfen auf die Erde. Genau dorthin, wo heute die heiligen Städte Allahabad, Haridwar, Ujjain und Nashik liegen. Im dreijährigen Rhythmus wandert die Kumbh Mela nun von einer Stadt zur nächsten und kehrt alle zwölf Jahre zum selben Ort zurück.
Der eigentliche Zweck einer Kumbh ist die rituelle Reinigung. Im Ganges kann man das zwar jeden Tag tun, doch wenn die Sterne günstig stehen, gilt das Bad als ganz besonders heilig, weil sich der Fluss dann in jenen heiligen Nektar verwandelt. Wer an diesen Tagen in die Fluten des Ganges steigt, wird mit einem Schlag von allen Sünden befreit und entgeht mit viel Glück sogar dem Kreislauf der Wiedergeburt. Deshalb kommen während einer großen Kumbh Mela innerhalb von zwei Monaten schon mal bis zu 90 Millionen Menschen zum Baden.
In Rishikesh fließt der Ganges mit gewaltiger Wucht aus den Bergen. Ein Schauspiel, das auch die Rishis, die heiligen Männer, nach denen der Ort benannt ist, hierher brachte. Die vielen Ashrams von Rishikesh ziehen bereits seit Jahrzehnten auch viele Europäer an, um Yoga und Meditation zu lernen oder sich in die indische Philosophie einführen zu lassen. Ich wollte hier weder das eine noch andere, war nur auf der Durchreise und ausgerechnet am letzten Tag der Kumbh Mela hier gestrandet. Eine unvergessliche Erfahrung sei das, sagen die Inder. Einmal im Leben müsse das jeder erlebt haben. Damit man das als Fremder auch überlebt, ist es ratsam, sich einem ortskundigen Führer anzuvertrauen.
Vinaya Kant Naithani, der unbedingt Winny genannt werden will, weil er meint, dass das einprägsamer für einen Fremden sei, drängt schon um halb fünf Uhr morgens zum Aufbruch. Es soll heiß werden, und bereits jetzt ist der Highway für die Wanderung der Mönche gesperrt. Wir hupen uns also zunächst durch die Seitenstraßen der Slums.
10,5 Millionen Pilger werden zum Abschlusstag erwartet. Die Autos dürfen schon an der nächsten Straßensperre nicht mehr weiter, wir steigen in eine Motorrikscha um, danach in eine Fahrradrikscha. Energiesparen nennt Winny das, damit uns später noch genügend Kraft zum Gehen bleibt. Winny hält die Augen geschlossen und brummelt ein Mantra. "Gegen Probleme auf unserer Reise", sagt er.
Wir passieren die unzähligen Pilgerhotels und landen an Holzgattern, die wie beim Viehtrieb die Massen in Zaun halten und zum Fluss lenken sollen. Die Pilger schleppen Schlafmatten, Kochtöpfe, bündelweise frische Kleidung mit sich und versuchen abzukürzen, indem sie unter den Gattern hindurchkrabbeln. Polizisten mit Trillerpfeifen und Schlagstöcken versuchen, das zu verhindern.
Bald sind die ersten Badestationen zu sehen, und bis ins heiligste Zentrum nach Haridwar wird das Gedränge und Geschiebe immer dichter. Auf dem dortigen Hauptplatz schwimmen einzelne Schuhe, Socken, verlorengegangene Unterhosen und vergessene T-Shirts in den Wasserlachen. Winny summt weiter sein unverständliches Mantra und arbeitet sich bis unter eine Brücke nach vorne.
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