Havarie der "Costa Concordia" Gefährliche Küstennähe war Routine

Das Schiffsunglück vor Giglio stellt ein Ritual in Frage: das Paradieren der Schiffe vor den Küsten, um den Passagieren schöne Ausblicke zu bieten.

Von Hans Gasser

Die Worte des Bürgermeisters waren warm und herzlich: Man habe einem "einzigartigen Spektakel" beigewohnt, das für die Insel Giglio zu einer "unverzichtbaren Tradition" geworden sei, von der sich "die Bewohner und die geschätzten Touristen" geehrt fühlten. Die Sätze stammen aus einer Dankes-E-Mail, die die Website Giglionews veröffentlichte. Sergio Ortelli, Bürgermeister der etwa 1500 Einwohner zählenden Insel, schickte sie im vergangenen Sommer dem Kapitän Massimo Calisto Garbarino, weil der das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia am 9. August nahe an Giglio vorbeigesteuert hatte.

Den Dank, so der Bürgermeister, solle der Kapitän auch an die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere weiterleiten, "die seit Jahren auf diese Weise eine Insel belohnt, die zu den schönsten Italiens gehört".

Ein paar Tage später folgte die Antwort des Kapitäns: Es sei schon das dritte Mal gewesen, dass er das Schiff an der Insel vorbeisteuerte, und dieses Mal sei es besonders schön gewesen: "Bei der Fahrt am Hafen entlang konnte ich Tausende Fotoblitze sehen und auch die vielen Touristen, die unsere Passage beobachtet haben." Er hoffe, dass sich diese Tradition weiter fortsetzen lasse.

Das wird nach dem Unglück der Costa Concordia - unter einem anderen, dem nun angeklagten Kapitän Francesco Schettino - wohl nicht mehr geschehen. In aktuellen Interviews will Bürgermeister Ortelli auch nichts mehr wissen von einer solchen Tradition. Dabei ist es völlig üblich, dass Kreuzfahrtschiffe nahe an der Küste entlangfahren und vor Publikum paradieren.

Nach italienischen Presseberichten sei die Costa Concordia bereits 52 Mal ähnlich nahe an Küsten vorbeigefahren, um einen solchen "inchino", eine Verneigung, zu praktizieren. Dies hat laut der Zeitung La Repubblica die Auswertung des AIS-Systems ergeben, das Schiffsbewegungen aufzeichnet. Auch die Reederei schien nichts dagegen zu haben, bisher war es ja immer gut gegangen, den Passagieren gefiel's.

Solche Manöver sind natürlich abwechslungsreicher, als vom Sonnendeck aus immer nur blau zu sehen. Andererseits ist ein hochhausgroßes Schiff eben auch ein tolles Fotomotiv vom Ufer her. Und schließlich erzielt man mit solchen Paradefahrten einen doppelten Werbeeffekt: Die Schaulustigen an Land werden auf die Reederei aufmerksam und überlegen sich vielleicht, auch einmal eine Kreuzfahrt zu unternehmen. Und wenn 4000 Passagiere auf eine ihnen bisher unbekannte und offensichtlich noch relativ unverbaute Insel namens Giglio hingewiesen werden, ist das auch für die Insel eine gute und günstige Reklame.

Auf Giglio hat man es zurzeit eher mit Sensationstouristen zu tun, wie Ernesto Rossi, ein Mitarbeiter der dortigen Tourismusinformation Pro Loco sagt: "Die kommen morgens mit der Fähre, um das nun weltbekannte Schiff zu sehen, und fahren abends wieder aufs Festland."

Ansonsten ist die nur neun Kilometer lange Insel 50 Kilometer südlich von Elba kein Hort des Massentourismus. Es gibt 13 Hotels und einige Zimmervermieter, die zusammen etwa 600 Betten haben, dazu relativ viele Ferienwohnungen und einen Campingplatz. Die Insel hat drei größere Dörfer mit insgesamt knapp 1500 Bewohnern. Sie ist zum größten Teil bedeckt von Macchia und etwas Pinienwald und gehört zusammen mit sechs weiteren Inseln zum Nationalpark "Toskanischer Archipel". Nur die Hälfte der Insel steht unter Naturschutz, das nun durch Schweröl gefährdete Meer drumherum ist gar nicht geschützt.

Es gibt vier Strände, der größte misst knapp zwei Kilometer. Die Deutschen, heißt es bei Pro Loco, kämen eher im Mai und September, vor allem zum Tauchen. Voll ist es hier nur im Juli und August, wenn aus Rom und Florenz Urlauber anrücken. Da war es logisch, dass die Costa Concordia im vergangenen August vor der Insel paradierte. Jetzt, im gästearmen Januar, entsprang das wohl nur der Eitelkeit des Kapitäns.