Großbritannien Brighton streitet über "furchtbares Ding im Himmel"

Das britische Seebad eröffnet einen 162 Meter hohen Aussichtsturm, der aussieht wie ein Donut auf einer Nadel. Für die einen ist es Weltklasse-Architektur, für andere Horror.

Von Christian Zaschke

Die vielleicht wichtigste Regel beim London-Besuch lautet: Nicht zu Madame Tussauds gehen. Das Wachsfigurenkabinett ist die meist überschätzte Touristenattraktion der Stadt und der Eintrittspreis von 32 Pfund eine grandiose Unverschämtheit.

Die vielleicht zweitwichtigste Regel lautet: Statt in der Schlange vor Madame Tussauds inmitten von lärmenden Schulklassen herumzustehen, empfiehlt es sich, einen schönen Tagesausflug nach Brighton zu machen. Von dem gesparten Eintrittsgeld lässt sich eine Zugfahrkarte erstehen, die Reise dauert nur ein Stündchen, und was gibt es Besseres, als nach der Ankunft beim Blick aufs Meer in aller Ruhe darüber nachzudenken, ob man sich nach links wendet und Fish & Chips auf dem Brighton Pier isst oder sich nach rechts verfügt und bei Riddle & Finns ein Dutzend Austern bestellt?

Früher gab es eine zweite Seebrücke in Brighton. Der West Pier wurde 1866 gebaut, ein viktorianisches Wunder. 1975 wurde er wegen Baufälligkeit geschlossen, mehrere Sturmfluten beschädigten ihn schwer, 2003 brannte er ab. Die Ruine steht bis heute im Meer.

An seinem ehemaligen Eingang wurde an diesem Donnerstag ein spektakuläres Gebäude eröffnet, das sich direkt auf die Geschichte des Piers bezieht und doch kaum weniger mit ihm gemein haben könnte. Der i360 ist ein 162 Meter hoher Aussichtsturm, der wie eine Nadel in den Himmel sticht. Umgeben wird er von einer Donut-förmigen gläsernen Aussichtsplattform, die sehr allmählich bis zur Spitze hinauffährt. Architekt David Marks sagt: "So wie der West-Pier die Menschen zu Queen Victorias Zeiten dazu einlud, auszugehen und über das Wasser zu wandern, stellt der i360 dieses Konzept in die Vertikale und lädt die Menschen dazu ein, in die Luft zu gehen und eine völlig neue Sicht auf ihre Stadt zu bekommen."

In der Ruhe liegt die Kraft: Erst nach 20 Minuten Fahrt ist der Besucher mit der Plattform am höchsten Punkt der Aussichtsnadel angelangt.

(Foto: Steve Parsons/AP)

Kritiker sagen, das Ding sehe aus wie in einem Horrorfilm aus der Erde gesprungen

Marks und seine Partnerin Julia Bartfield sind auch für das London Eye verantwortlich, das Riesenrad an der Westminster Bridge in London. "Wie beim London Eye ist die wichtigste Zutat die sehr langsame Fahrt zu einem fantastischen Blick", sagt Bartfield. Das Riesenrad war zunächst umstritten, ist aber mittlerweile eines der beliebtesten Wahrzeichen der Stadt. Die Architekten hoffen, dass gleiches nun mit dem i360 passiert. Der Turm hat nämlich nicht nur Freunde.

Manche Einwohner sind der Ansicht, dass das Bauwerk die Küste verschandelt. Die Sprecherin einer Kampagne gegen den Turm sagte, er sehe aus wie etwas, das in einem Horrorfilm aufs Schrecklichste aus der Erde springe. Ein Mitglied der Brighton Society nannte ihn ein "furchtbares Ding im Himmel". Die Sängerin Hannah Brackenbury nahm zur Melodie von Joni Mitchells "Big Yellow Taxi" ein Lied namens "Big Grey Pole" auf, in dem sie sich über das Gebäude lustig macht. Ein Sprecher des West Pier Trust, auf dessen Gelände der Turm steht, pries ihn hingegen als Architektur von Weltklasse.

20 Minuten dauert die Fahrt an die Spitze. Von ganz oben reicht der Blick mehr als 40 Kilometer weit, von Bessex in East Sussex bis nach Chichester in West Sussex. Bei gutem Wetter, natürlich nur bei gutem Wetter, kann man Frankreich auf der anderen Seite des Ärmelkanals erspähen. 46 Millionen Pfund hat der Bau gekostet, rund 55 Millionen Euro. Eine Fahrt kostet 13 Pfund für Erwachsene und 6,75 Pfund für Kinder, was sich im Vergleich zu Madame Tussauds doch fast moderat ausnimmt.

Die Stadt hofft auf bis zu 700 000 Besucher im Jahr.

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